Tierischer Harz

Aufs Alpaka gekommen

Die etwas andere Wanderung: Karolin und Thorsten Rekos bieten im Oberharz-Ort Tanne Touren mit ihren Alpakas an.

Von Johanna Ahlsleben
Wie können Alpakas eigentlich etwas sehen mit der Wolle vor den Augen? Der Scherer bringt wieder Licht ins Dunkel.
Wie können Alpakas eigentlich etwas sehen mit der Wolle vor den Augen? Der Scherer bringt wieder Licht ins Dunkel. Foto: Johanna Ahlsleben

Tanne - Sie haben große schwarze Kulleraugen, leichte X-Beine und sehen mit der dichten Wolle auf dem Kopf etwas drollig aus. Besonders markant ist ihr augenscheinliches immerwährendes Lächeln auf den Lippen. Die Rede ist von Alpakas.

Im Normalfall sind die Tiere in Südamerika anzutreffen. Dort streifen sie in der Andenregion umher. Doch auch im Oberharz-Örtchen Tanne fühlen sich die Vierbeiner offensichtlich pudelwohl. Hier haben die aus Buxtehude stammenden Karolin und Thorsten Rekos einen Neustart gewagt: Während sie Ferienwohnungen im Haus Sanssouci vermieten, hüten sie ihre eigene Alpaka-Herde auf dem drei Hektar großen Grundstück, was früher das ehemalige Waldbad beherbergte. Zudem beschäftigen sie sich mit der Zucht.

Alpakas geben dasTempo vor

Doch damit nicht genug: Auch Besucher des Oberharzes haben die Chance auf eine tierische Begegnung. Denn die Rekos bieten Wanderungen mit „ihren Jungs“, wie sie ihre Alpakas auch nennen, an. Ein Erlebnis, was man so schnell nicht vergessen wird, ist sich die 35-Jährige sicher. Denn während der Touren durch den Wald bei Tanne geben nicht die Menschen, sondern die Alpakas den Ton an. „Dabei ist Fabio unsere Leittier“, erzählt Karolin Rekos. Die Vierbeiner bleiben gerne stehen, wenn ihnen etwas Interessantes vor die Nase läuft oder setzen sich auch einfach mal auf der Hälfte der Wanderung hin.

Lang und etwas steinig war auch der Weg dahin, bis sich die schreckhaften Alpaka-Hengste das Halfter anlegen ließen, beschreibt Thorsten Rekos. Seine Frau und er haben die Vierbeiner selbst ein dreiviertel Jahr lang als Trekkingtiere ausgebildet. Anschließend bestehen sie die Prüfung beim Veterinäramt. Somit ist es auch Besuchern möglich, mit Fabio, Flocki, David sowie Felipe und Ignatz auf einer Strecke von zwei bis drei beziehungsweise fünf Kilometern die Wälder bei Tanne zu entdecken.

Doch bevor es in die Spur geht, lernen sich Tier und Mensch zunächst kennen. Das geht am besten auf der großen, am Hang gelegenen Weide oder im Stall. Bald soll es auch möglich sein, inmitten der Alpaka-Weide, in einem Pavillon die Seele baumeln zu lassen. Dabei verrät Karolin Rekos den Gästen Fakten über die Paarhufer: Was muss man beim Umgang mit Alpakas beachten, was mögen sie, was nicht.

Keine Leckerlis

Auch wenn es gut gemeint ist, sollte man den Tieren kein Apfelstück oder Ähnliches zu fressen geben. Das könne tödlich enden. „Zum Beispiel haben sie es auch nicht gern, am Kopf gestrichelt zu werden“, ergänzt Karolin Rekos, während sie im Stall zwischen ihren Lieblingen sitzt. Alpakas seien zudem sehr einfühlsam, suchen sich aber die Intensität der Begegnung, ähnlich wie Katzen, selbst aus.

Da die Tiere auf den Menschen aber auch eine entschleunigende Wirkung haben, gibt es auf dem Alpakahof der Wahl-Harzer die Möglichkeit für eine tiergestützte Therapie. Diese leiten aber nicht die Rekos sondern Psychologen beziehungsweise Therapeuten.

Allgemein sind die aus Südamerika stammenden Paarhufer Fluchttiere. „Sie halten immer den Corona-Abstand“, scherzt Karolin Rekos. Daher fühlen sie sich auch in der Herde am wohlsten. Je größer die Gruppe, umso ruhiger und entspannter ist jedes Tier. Denn in Südamerika sind Schakale und Pumas natürliche Feinde der Alpakas. Hier im Harz kann ein Wolfs- oder Luchsangriff tödlich für die Paarhufer enden.

Die Wolle kommt runter

Zudem sind Alpakas sehr neugierige Tiere. Das merkt man in Tanne am Beispiel von Felipe: „Er ist sehr zutraulich und guckt immer, was es Neues gibt“, beschreibt Thorsten Rekos. Auch wenn man Alpakas mit ihren Kulleraugen und der dichten flauschigen Wolle am liebsten knuddeln würde, sollte man trotzdem davon absehen. „Denn für die Tiere bedeutet jede Berührung Stress“, erklärt der 55-Jährige.

Doch steht der Sommer in den Startlöchern, wird es Zeit, dass sich die Alpakas von ihrer dichten Wolle verabschieden. Der Fachmann in so einem Fall ist der Scherer.

Einmal im Jahr reist er in das Oberharz-Örtchen Tanne, um die Vierbeinern mit einem neuen Sommerkleid auszustatten. „Vom Braunbär zum verkappten Reh“, schmunzelt der Alpaka-Züchter. Im Prinzip läuft das Scheren wie beim Schaf ab. „Pro Tier fallen dann zwischen drei und vier Kilogramm herunter“, schätzt er ein.

Neustart im Harz

Und was passiert mit der Wolle? Ganz einfach: Sie wird zu Bettwäsche und Wollknäulen weiterverarbeitet. Denn die Fasern der Alpakawolle sind weich, aber trotzdem widerstandsfähig, weiß Karolin Rekos. „Wenn es warm ist, dann kühlt die Faser. Wenn es kalt ist, wärmt sie.“ Außerdem eignet sich die Bettwäsche für Menschen, die mit Allergien zu kämpfen haben. Alpakawolle gehört neben Kaschmir und Seide zu den teuersten Fasern der Welt.

Aber nicht nur die Wolle ist sehr hochwertig – das, was hinten wieder rauskommt, auch. Der Grund dafür, dass Exkremente ein hervorragender Dünger sind, ist die Nahrung der Alpakas: Eine Abwechslung von frischem Gras und Heu. Im Schnitt verspeist ein Alpaka rund einen großen Heuballen im Jahr. Übrigens: Die Paarhufer verrichten ihr Geschäft auch immer an denselben Stellen. „Und das meist auch zusammen. Sie bleiben immer in einer Gruppe“, weiß Thorsten Rekos.

Aber wie sind die beiden aufs Alpaka gekommen? „Wir haben uns fragt, warum eigentlich nicht“, erzählt Karolin Rekos schmunzelnd. Vor allem der Job des 55-Jährigen als IT-Berater habe sehr an seinen Nerven gezerrt. Ein Neustart musste her. Zunächst hat sich das Ehepaar im Schwarzwald, Thorstens Heimat, umgeschaut. Doch schließlich sei die Entscheidung auf den Harz gefallen, in den sie sich bei verschiedenen Trips verliebt haben. Und kurz darauf, im Frühjahr 2020 ziehen die Alpakas ein.

Nachwuchs wohl im August

Zurzeit zählt die Herde, die in den Höhenlagen des Harzes heimisch ist, acht Tiere. Während die fünf Hengste mit den Besuchern auf Wanderschaft gehen, hüten die trächtigen Damen Baccara, Jamea und Casandra Haus und Hof. Nachdem sie rund 340 Tage ihre Fohlen im Bauch getragen haben, werden sie voraussichtlich im August gebären. Karolin und Thorsten Rekos erwarten die Kleinen schon sehnsüchtig.

Oft werden jedoch Alpakas und Lamas miteinander verwechselt. Schließlich gehören beide Tierarten zu der Familie der Kamele und fühlen sich in der gleichen Region heimisch. Doch stellt man die unterschiedlichen Paarhufer nebeneinander, werden die Unterschiede schnell deutlich. Denn neben dem Lama mit einer Schulterhöhe bis zu 120 Zentimeter sieht das Alpaka ziemlich klein aus. Aus diesem Grund unterscheiden sich auch die Gewichte.

Im Gegensatz zu den Lamas haben die kleineren Paarhufer ein feineres Fell, was sich gut für die Weiterverarbeitung eignet. Zudem stehen die Lauscher der Alpakas gerade nach oben, während die der Lamas leicht gebogen sind. Sich untereinander anspucken, ist bei beiden Tierarten üblich. So legen sie beispielsweise die Rangordnung in der Herde fest. Alpaka-Hengste beißen sich auch gerne mal in die Beine, um zu zeigen, wer der Chef im Ring ist.

Patenschaften möglich

Wem eine Tour durch die Wälder des Oberharzes mit den süßen Begleitern nicht ausreicht, kann auch eine Patenschaft für ein Tier aus der Herde der Rekos übernehmen. Damit werden neben den Tierarztbesuchen auch Futter und die Unterkunft des Alpakas finanziert. Zudem gibt es zweimal im Jahr Post mit tierischen Neuigkeiten und Fotos.

Wenn der Scherer sein Werk verrichtet hat, dann sind die Vierbeiner nicht nur drei Kilogramm leichter, sondern sehen auch etwas mager aus.
Wenn der Scherer sein Werk verrichtet hat, dann sind die Vierbeiner nicht nur drei Kilogramm leichter, sondern sehen auch etwas mager aus.
Foto: Karolin Rekos
Auf der Weide lernen sich Besucher und Tiere erstmal kennen. Dabei verraten Karolin und Thorsten Rekos Wissenswertes über Alpakas.
Auf der Weide lernen sich Besucher und Tiere erstmal kennen. Dabei verraten Karolin und Thorsten Rekos Wissenswertes über Alpakas.
Foto: Johanna Ahleben