Wernigerode l Die Stirn ist löchrig und zerfressen. Die Glasaugen schielen, die Reißzähne sind unnatürlich schief. Er ist wahrlich kein schöner Anblick – der ausgestopfte Luchs im Harzmuseum Wernigerode. Das in die Jahre gekommene Tierpräparat steht im Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung. Warum? Weil der Luchs ein Jubiläum feiert – wenn auch ein etwas makaberes.

Das Tier wurde 1817, also vor genau 200 Jahren, erschossen. Der Ilsenburger Forstinspektor Kallmeyer brachte die Raubkatze bei den Sonnenklippen unweit des Brockens zur Strecke. Das Besondere: Das Tier, das Kallmeyer vor die Flinte geriet, war der vorletzte Luchs, der im Harz geschossen wurde. Schon damals galt das Tier als Rarität, wurde ausgestopft, stand lange Jahre im Naturalienkabinett des Schlosses und wurde später als Dauerleihgabe der Familie zu Stolberg-Wernigerode im Harzmuseum gezeigt.

Kunst der Präparation

Die Sonderausstellung „Ein Luchs wird 200“ thematisiert vor allem die Kunst der Tierpräparation. Wie sich dieses Handwerk im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, wird im direkten Vergleich deutlich. Der alte Luchs steht neben einem Tier von heute. Der Körper des 200 Jahre alten Präparats wirkt gedrungen, die Proportionen stimmen nicht. Sein junger Artgenosse dagegen sieht fast lebensecht aus. Diese Unterschiede liegen in der Art der Präparation begründet. Früher waren die Mittel eher bescheiden. Die Körper wurden aus Torf geschnitzt oder mit Ton und Stroh modelliert und mit der konservierten Haut überzogen. Heute wird die Gestalt der Tiere beispielsweise mit Hartschaum nachempfunden, die Köpfe mit Gipsabdrücken für die Nachwelt erhalten.

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Die Tierpräparation gebe es seit „Anbeginn der Menschheit“, blickte Philipp Konstantin Fürst zu Stolberg-Wernigerode zurück, der als Leihgeber zur Ausstellungseröffnung geladen war. „Schon die Ägypter mumifizierten ihre Katzen.“

Jagdtrophäen

Viele Kulturen, die von der Jagd geprägt waren, hätten Tiere präpariert, um sie als Trophäen zu bewahren, sagte zu Stolberg-Wernigerode. Später erfüllte die Konservierung von Tierkörpern vor allem einen wissenschaftlichen Zweck. Im 18. Jahrhundert habe Georg Forster von seiner Weltumseglung mit James Cook etliche Präparate mit nach Europa gebracht – wie auch Alexander von Humboldt von seinen Forschungsreisen rund um die Welt. „Dabei kam es oftmals sogar zur Entdeckung neuer Arten.“ Es gebe „viele schöne Dinge“ rund um die Präparate zu entdecken. „Dazu müssen Sie nicht mehr um die Welt fahren. Es reicht ein Besuch im Harzmuseum.“

Wie Philipp Konstantin zu Stolberg-Wernigerode betonte, hätten die ausgestopften Tiere nicht nur kulturhistorische Bedeutung, sondern auch eine genetische. Durch sie haben die Wissenschaftler Zugriff auf den genetischen Fingerabdruck. Wie beim Jubiläumsluchs, von dem im Jahr 2016 eine Probe genommen wurde, um seine Verwandtschaft zu den Luchsen von heute zu untersuchen.

Wieder im Harz heimisch

Nach 180 Jahren seien die Luchse im Harz wieder heimisch, dank des Auswilderungsprojektes des Nationalparks Harz, erinnerte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). Das Thema Luchs rufe viele Menschen auf den Plan. „Den Jägern frisst er die Beute weg“, so Gaffert. „Auf der anderen Seite ist der Luchs ein Sympathieträger – gerade im Harz.“ Von der Ausstellung erhoffe er sich mehr Verständnis für den Luchs im Harz.

Museumsleiter Olaf Ahrens lobte die Arbeit von Ulrike Hofmüller und Andrea Jäger, die die Ausstellung in „relativ kurzer Zeit“ zusammengestellt und die Exponate inszeniert hatten. Die ausgestellten Tierpräparate sind Leihgaben des Heineanums Halberstadt, des Museums für Naturkunde in Magdeburg, des Naturkundemuseums Erfurt sowie des Naturkundemuseums Leipzig.

Die Ausstellung „Ein Luchs wird 200 – oder wie präpariert man Tiere?“ ist bis zum 18. November zu sehen.