Wernigerode l „Bonjour, chers amis“ schallt es schwungvoll in den Klassenraum. Es ist 7.30 Uhr, erste Stunde. So wirklich Lust haben die Schüler noch nicht, sitzen spannungslos auf ihren Stühlen. „Bonjour, Madame Fruth“ kommt es daher nur träge zurück. Doch es dauert nicht lange, bis Katrin Fruth die volle Aufmerksamkeit der Achtklässler sicher hat. Das sei eine ihrer besonderen Eigenschaften, erzählen die Schüler nach der Stunde.

Am heutigen Montag wird die Französischlehrerin, die seit 1998 am Landesgymnasium für Musik unterrichtet, in Berlin für ihre außergewöhnliche Art gewürdigt. Als eine von zwei Lehrkräften in Sachsen-Anhalt erhält sie den Deutschen Lehrerpreis in der Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“. Vorgeschlagen hatte sie dafür die Abiturklasse 2018/19. Absolventin Pauline Aleiphe erklärt, warum: „Frau Fruths großer Pluspunkt ist, dass sie so motiviert ist, von ihrem Fach und der Sprache so überzeugt – und dass sie das alles rüberbringt“. Denn auch die „Franzosen“ ihres Jahrgangs seien nicht immer gern in den Unterricht gegangen. „Wir hatten Französisch im vierten Block, also 14 bis 15.30 Uhr. Da hatten wir natürlich keine große Lust mehr, aber sie war trotzdem motiviert“, erinnert sich die 18-Jährige gern zurück.

Schüler loben motivierende Art

Doch das sei noch längst nicht alles. Katrin Fruths Unterricht beschreibt die ehemalige Schülerin als „super vielfältig“. Vor allem außergewöhnliche Ideen machen ihn aus. So schlage sie den Bogen zur Musikschule beispielsweise mit französischen Songs. „Die Texte sollten wir aber nicht nur stupide übersetzen, sie hat uns die Geschichte weiterspinnen lassen“, erzählt Pauline Aleiphe. Auch von Handysprachnachrichten als Einsatzmittel berichtet sie.

Durch diese Vielfalt und ihr persönliches Engagement treffe sie den Nerv der Kinder. „Frau Fruth holt jeden dort ab, wo er steht. Ihr Ziel ist es, jeden weiterzubringen, egal ob er Spaß hat am Fach oder es nur gewählt hat, weil er keine Alternative gefunden hat“, bekräftigt die Absolventin. Und dabei gebe sie stets unglaublich viel von sich selbst.

Für Katrin Fruth ist das Lob etwas ganz Besonderes. Denn während der Schulzeit überwiegen eher die Beschwerden über zu viele Hausaufgaben oder Tests. „Aber im Nachgang habe ich doch schon häufiger eine gewisse Dankbarkeit gespürt. Wenn ich dann Briefe oder Mails bekomme, in denen ein Absolvent schreibt, dass er jetzt auch Französisch macht, macht mich das schon stolz. Es ist schön zu sehen, wenn jemand den Weg geht, den man selber gegangen ist“, zeigt sich die 54-Jährige gerührt.

Lust auf die Sprache

Auch sie habe die Leidenschaft für die Sprache ihrer Französischlehrerin zu verdanken, die „ihren Unterricht sehr lebendig und eben auch sehr kreativ gestaltet“ hat. Als Tochter zweier Lehrer wollte Katrin Fruth Französisch und Geschichte studieren, doch zu DDR-Zeiten war das nicht möglich. Also wählte sie Russisch als Zweitfach. Lange unterrichtet hat sie das aber nicht. „Nach der Wende kam der Ansturm auf Französisch und als ich 1998 nach Wernigerode versetzt wurde, war die Stelle für Französisch vakant“, beschreibt sie.

Mittlerweile steht Katrin Fruth seit 30 Jahren vor der Klasse. Die Lust habe sie noch längst nicht verloren. Auch wenn es nach der Versetzung nicht ganz einfach war, wie sie zugibt. „Am Anfang habe ich etwa gegrollt, weil ich in Halberstadt wohne und auf einmal einen längeren Fahrweg und neue Schüler hatte – Künstler sind schon eine spezielle Spezies. Doch dann habe ich mir gesagt, wenn die Kinder auch noch schlecht gelaunt sind, muss ich dagegenhalten und mich motivieren. Und das hält bis jetzt an.“ Besonders schön sei es zu sehen, wenn die Mühe auf fruchtbaren Boden falle. „Wenn schon ein Drittel der Klasse überzeugt ist, dass ich das richtig mache und mir folgt, dann bin ich schon zufrieden“, bekräftigt sie.

Handy im Unterricht

Dabei hätte sie bei sich selbst nicht gern Unterricht, „weil es bestimmt ziemlich stressig ist für die Schüler.“ Denn Frontalunterricht sei nur eine von vielen Methoden, die sie einsetze. „Ich lasse auch vieles in Gruppen machen, wo die Schüler sich gegenseitig helfen sollen, wo sie voranschreiten und sich unter die Arme greifen.“ So solle eine kleine Gemeinschaft entsteht.

Ebenfalls im Einsatz sind moderne Medien. „Die Schüler hängen ziemlich oft am Handy, wobei das an unserer Schule mittlerweile untersagt ist. Grundsätzlich finde ich es aber praktisch“, erklärt sie. Vor allem, wenn es um das Sprechen gehe. Denn für längere Monologe aller Schüler sei im Unterricht nicht genügend Zeit. „Es gibt viele Schüler, die nicht sprechen wollen und lieber in Ruhe gelassen werden wollen. Aber sie müssen natürlich sprechen, weil es eine Sprache ist. Und da bin ich auf die Idee gekommen, dass sie sich zu Hause hinsetzen, sich aufnehmen und mir die Nachricht einfach zuschicken“, erklärt Katrin Fruth ihren ungewöhnlichen Ansatz. „Es ist ein erhabenes Gefühl zu hören, dass sie sich ausdrücken können. Dabei ist es egal, wie viele Fehler sie machen. Sie haben die Möglichkeit, eine Information von A nach B zu transportieren.“ Und genau darauf komme es ihr an.

Muttersprachler einbezogen

Für ein noch besseres Sprachgefühl holt Katrin Fruth auch gern Muttersprachler an die Schule. Im Rahmen des Brigitte-Sauzay-Austauschprogramms waren schon einige Schüler aus Frankreich für jeweils drei Monate zu Gast in Wernigerode. Im Gegenzug ließen sich hiesige Neuntklässler auf einen Schulbesuch im Nachbarland ein. Zudem kamen bereits zwei französisch sprechende Fremdsprachenassistenten – eine Belgierin und ein Franzose – für jeweils ein Jahr an die Schule. „Ich bin ja nur ein Franzosen-Verschnitt und kenne auch meine Defizite“, räumt die Gymnasiallehrerin ein. „Es ist außerdem viel authenischer, wenn Muttersprachler über ihr Leben erzählen. Sie geben den Schülern eine andere Sichtweise – nicht nur meine euphorische, sondern auch eine reelle. Während ich zum Beispiel Emmanuel Macron total gut finde, war unser Gast eher skeptisch eingestellt und hat erzählt, was der Präsident alles nicht macht oder welche Bevölkerungsschicht er seiner Meinung nach bevorzugt.“

Das Engagement der 54-Jährige hört aber nicht im Klassenraum auf. Sie nimmt mit Schülern an Wettbewerben teil und bringt sich darüber hinaus in das Schulleben ein. „Frau Fruth hat vor zwei Wochen erst zum wiederholten Mal die zweijährliche Studienbörse des Landesgymnasiums organisiert und geleitet. Allein dafür hätte sie eine Auszeichnung verdient“, würdigt Schulleiter Detlef Gieseler ihr Engagement. Dass sie nun einen Preis erhält, mache ihn stolz. „Ich freue mich, dass ihre Arbeit als außerordentlich positiv eingeschätzt und wertgeschätzt wird. Zugleich ist es ein großes Lob für unsere gesamte Schule, die sich mit dieser Auszeichnung einer Lehrerin des eigenen Hauses ein Stückchen mitgeehrt fühlen darf.“ Kommentar