Wernigerode l Dietmar Hanisch greift zur Maurerkelle, seine Frau Barbara tut es ihm nach. Gemeinsam schippt das Ehepaar Beton in eine quadratische Öffnung in der Bodenplatte – den künftigen Grundstein für das Wohn- und Geschäftshaus, das derzeit an der Breiten Straße in Wernigerode entsteht.

Zuvor haben Barbara und Dietmar Hanisch ein Päckchen in einer Zeitkapsel verstaut. Darin befinden sich unter anderem eine aktuelle Volksstimme-Ausgabe, die ersten Berichte über das Bauprojekt, Familienfotos, Visitenkarten der am Bau beteiligten Firmen, ein Zollstock und ein Tennisball – stellvertretend für das Sportgeschäft, das die Familie Hanisch an der Burgstraße betreibt. Wenn das neue Gebäude fertig ist, soll der Laden im Erdgeschoss einziehen.

Das Geschäft in der Burgstraße sei schon lange zu klein, sagt Dietmar Hanisch. „Wir haben seit vielen Jahren nach Möglichkeiten gesucht, uns zu vergrößern.“ Bis sich das Ehepaar entschloss, das unbebaute Eckgrundstück in der Wernigeröder Neustadt zu kaufen und zu bebauen. Fast auf den Tag genau fünf Jahre sei es her, dass das Ehepaar sein Kaufgesuch bei der Stadtverwaltung eingereicht hat. Seitdem höre er ständig Sätze wie „Warum tut ihr euch das an?“ oder „Ihr seid doch verrückt“. Doch ihm sei wichtig, dass das Haus zum Schmuckstück werde, betont Dietmar Hanisch. „Wir hoffen, dass wir als Wernigeröder etwas Schönes für Wernigerode erschaffen – einen Magnet für die Stadt.“

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Herausforderung in der Innenstadt

Bestärkt habe ihn das „tolle Team“ aus Planern und Bauleuten, das seine Frau und er um sich geschart haben, sowie die Unterstützung aus dem Wernigeröder Rathaus. „Es ist eine Herausforderung, in Wernigerode zu bauen“, sagte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) mit Blick auf die Innenstadtlage und würdigte den Mut, ein so umfangreiches Bauprojekt anzugehen. „Damit gelingt es, eine der letzten Kriegswunden in der Stadt zu heilen.“ Beim Bombenangriff auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg war am 22. Februar 1944 der Vorgängerbau auf dem rund 1200 Quadratmeter großen Gelände zerstört worden.

Derzeit sind die Bauarbeiter damit beschäftigt, das Fundament für das neue Gebäude zu schaffen. Dieses besteht aus einer stahlbewehrten, mehr als 1000 Quadratmeter großen und 32 Zentimeter dicken Bodenplatte aus Beton, die teilweise bereits fertiggestellt ist, erklärt Architektin Margrit Hottenrott. Der Bau sei eine Herausforderung für alle Beteiligten – zum Beispiel, weil 30 Zentimeter Höhenunterschied zwischen Breiter Straße und Brandgasse auszugleichen sind und weil die Konturen des Gebäudes – dem Zuschnitt des Grundstücks entsprechend – „krumm und schief“ seien. „Hier gibt es keinen rechten Winkel“, so Margrit Hottenrott.

Besonders herausgefordert waren die Statiker. „Wir wollen einen möglichst stützenfreien Raum im Erdgeschoss, auf dem drei Wohnhäuser stehen“, sagt die Architektin. Dafür habe das Ingenieurbüro Ehelebe ein „sehr ausgeklügeltes, modernes Tragwerk“ ersonnen. Wenn dieses steht, werden die Stahlbetonwände und die Deck für das Erdgeschoss montiert. Darin befindet sich später das Sportgeschäft. Ab Juli soll darauf der Holzbau aufgesetzt werden, der sich in moderner Fachwerkbauweise in die Umgebung einfügt. Zehn von 80 bis 160 Quadratmeter große Wohnungen entstehen darin.