Wernigerode l Jahrelang hat Nüchterlein in europäischen Archiven recherchiert und unzählige Schauplätze des Geschehens persönlich besucht. Mit den nun veröffentlichten Ergebnissen führt der Autor seinen Lesern die kriegerische Vergangenheit jener Tage vor Augen, die einst mit dem Prager Fenstersturz begonnen hatte. Der diplomierte Museologe schlägt auf insgesamt 1000 Seiten einen geschichtlichen Bogen von Lutter am Barenberge bis nach Einbeck, von Wernigerode über Blankenburg und den Oberharz sowie von Aschersleben über Quedlinburg und Halberstadt bis hin nach Egeln.

Das dortige Geschehen wird durch Auszüge aus Archiven, Bildern und Darstellungen wieder gegenwärtig. Die ganze Region war allzu oft grausamer Schauplatz von Mord, Raub, Plünderungen und Brandschatzung. Als Stadtschreiber in Wernigerode nimmt Nüchterlein nun geschichtsinteressierte Leser mit auf eine Zeitreise zu den Harzer Schauplätzen des Dreißigjährigen Krieges. Auch nach Blankenburg und Derenburg.

Die Stadt selbst scheint damals verschont geblieben zu sein, aber ein gewisser Hartmann von Helsingen klagt: „Ich armer verlorener Mann, wiewohl ich ganz trewherzig den Offizierern mein Haus geöffnet und was mensch- und möglich geboten habe, haben sie jedenoch ohnerachtet aller Bitten und zu Gemütheführunge ihre bei sich habende Soldateska schalten und walten lassen, daß es zum Gott erbarmen. Haben das Getreidig genommen ob es Haber war oder Gerst oder Rocken, haben selbsten des unschuldigen Viehes nicht geschonet und Schweine und Schaafe mit ihren Piken erstochen und also gehauset, daß ich selbsten nicht anders können, als mich durch die Flucht in das Holz salviren.“

Derenburg komplett ausgeplündert

Das waren die ersten Seufzer über das Unglück des hereinbrechenden Krieges, die ersten Klagen, die von nun an ein Menschenalter hindurch nicht aufhören. Von Helsingen: „So waren denn namentlich die kleineren Dörfer häufigen raubartigen Ueberfällen ausgesetzt. Ein größeres, 6000 Mann starkes Corps unter dem Grafen Schlick, welches in das Heer Herzog Christians eintreten wollte, durchzog im März plündernd unsere Gegend und raubte am 16. das Städtchen Derenburg völlig aus, so daß die unglücklichen Einwohner schon durch diese Plünderung alles verloren, ehe noch das Elend des wirklichen Krieges in diese Gegend eingezogen war.“

Auch die Kipperzeit in Halberstadt und Umgebung ist dokumentiert worden. „Weil ich denn zwar kein Kipper oder Wipper bin“, gab ein M. Nickel Ingermann über den 24. Mai 1624 zu Protokoll. Er schrieb weiter: „Dennoch aber von dem Sekretär Andreas Kippe in die Kippzunft auch eingewickelt und geschrieben worden, so bedinge ich erstlich wider solche schmähliche Injurien und sage mit bestandener Wahrheit, daß der ermeldete Andreas Kippe, der Meier Stephan Lakemacher und der Amtmann zu Schlanstedt, Dietrich Prigge, mich durch zugenöthigte Gewalt auf dem Hause Schlanstedt in dem Backhause durch M. Hans Heimburger auf die Leiter spannen und darum, daß ich alte Schindpferde gehabt, mich torquieren und befragen lassen, ob ich auch wissentlich vom gehenkten Diebe Heinrich Scharenberg zu Oschersleben gestohlene junge Pferde gekauft und denselben dazu und zum Straßenraube gehalten hätte, dessen ich mich im Gewissen und Herzen unschuldig befunden.“

Insgesamt greift Peter Nüchterlein das damalige Geschehen in 140 Dörfern und Städten des gesamten Harzes auf. Die Trilogie ist nicht sein Erstlingswerk. Der Wernige-röder recherchiert seit 20 Jahren zur lokalen und regionalen Heimatgeschichte und hat seit 1998 15 Bücher publiziert. Er arbeitet seit langem für Gerichte als Nachlassforscher, kommt dabei fast täglich mit dem Lesen alter Schriften in Berührung.

Stadtschreiber arbeitet in Archiven

Das Projekt Stadtschreiber in Wernigerode ist für ihn das Bindeglied zwischen Profession im Beruf und der Schriftstellerei. Archive sind auch für ihn kostbare Quellen historischen Schriftgutes. Zu selten habe der Laie Gelegenheit, diese Archivalien zu Gesicht zu bekommen oder gar zu lesen. Meist würde es an der fehlenden Zeit, aber auch an der Kenntnis alter Schriftformen und der Kalligraphie scheitern. Aus diesem Grund habe er sich erneut in Archive begeben und dort altes Schriftgut ausgewertet.

Peter Nüchterlein: „Anlass für das aktuellen Forschungen sind der 400. Jahrestag des legendären Prager Fenstersturzes und der hierauf folgenden Ereignisse.“ Diese hätten den Harz und seine Städte und Dörfer über fast 200 Jahre nachhaltig geprägt. Aus blühenden Städten seien verarmte Siedlungen geworden. Der Autor schreibt nicht selbst. Er erschließt Quellen und stellt Zusammenhänge her, gewährt dem Leser jedoch die Möglichkeit, sich aus vielen subjektiven Berichten ein für sich umfassendes Bild zu verschaffen.

„Der Harz in Flammen“ beinhaltet die Teile West- und Zentralharz, Ost- und Südharz sowie Nord- und Oberharz. Die Trilogie kann im Scriptorium des Stadtschreibers an der Oberengengasse in Wernigerode oder online  bestellt werden.