Corona-Pandemie Bundesnot-Bremse: Harzer Modellprojekt gestoppt, Außengastronomie muss wieder schließen

Wernigerode
Das war’s schon wieder. Mit Inkrafttreten der Bundes-Notbremse sind das Harzer Modellprojekt und die Öffnung der Außengastronomie Geschichte. Gastronomen müssen ihre Tische und Stühle wieder reinräumen. Die Außenterrassen sind ab Samstag geschlossen. Der Grund: Die Sieben-Tage-Inzidenz im Harzkreis liegt mit 188 deutlich über der von der Bundesregierung festgesetzten Schwelle von 100.
Neun Harzkreis-Kommunen hatten an dem am 9. April gestarteten Modellprojekt teilgenommen. Wernigerode war eine davon. „Es war absehbar, dass das Projekt nicht mehr allzu lange gehen kann“, so Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). Es sei „schade“, jetzt abzubrechen. „Aber ich kann die Politik verstehen“, so Gaffert. „Die Infektionszahlen sind besorgniserregend. Wir kommen mit dem Impfen zwar voran, aber es ist noch ein Stück Weg zu gehen.“ Und es wäre „bitter“, wenn jetzt noch Leute erkranken und dann sterben, kurz bevor sie geimpft werden könnten.
Chance auf ein Stück Normalität
19 Gastro-Betriebe hatten sich in Wernigerode für das Projekt angemeldet. Nur gut die Hälfte davon hatte in den vergangenen Tagen tatsächlich geöffnet. „Als die Anfrage vom Landkreis kam, haben wir sofort zugesagt – allerdings ohne zu wissen, wer und wie viele mitmachen“, so Gaffert. Es sei eine Chance auf ein Stück Normalität gewesen – für die Besucher der Gaststätten und Cafés, aber auch für die Gastronomen und deren Mitarbeiter.
Voraussetzung für die Außenbewirtung war ein Corona-Test in einem der zertifizierten Testzentren. Nur wer ein negatives Ergebnis vorweisen konnte, wurde bedient. „Wir haben die Gastronomen gebeten, die Kontrollen ernst zu nehmen“, so Gaffert. Aber alle hätten die Vorgaben „konsequent“ umgesetzt. Dafür und vor allem für ihren Mut wolle er sich bei den Gastronomen bedanken. „Ich weiß, dass die letzten Tage nicht kostendeckend waren. Aber ihr habt gezeigt, dass es euch noch gibt.“
Das Gaststättengewerbe sei eine der Leidtragenden des Lockdowns und nun der Notbremse – wie auch die Händler, die ebenfalls größtenteils wieder schließen müssen. „Ich hoffe für uns alle, dass dies die letzte Etappe ist, die wir bewältigen müssen“, so Gaffert. „Ich bin zuversichtlich, dass dann im Sommer eine gewisse Normalität zurückkehrt.“ Bis dahin appelliert der Oberbürgermeister an alle Wernigeröder, sich an die Regeln zu halten, damit „die Infektionszahlen wieder runtergehen“.
Peter Gaffert hatte die vergangenen Tage genutzt, um einige der teilnehmenden Gastro-Betriebe zu besuchen und mit den Inhabern ins Gespräch zu kommen. Darunter Clemens Ziervogel vom Restaurant Marktblick, Jens Rippin vom Café Holzwurm und auch Alexander Kasten, der das Altwernigeröder Kartoffelhaus und das Restaurant „Bodega“ betreibt. „Das Modellprojekt war für uns sehr positiv“, so Kasten. Beide Gaststätten seien seit November dicht. „Wir haben zwar einen Lieferdienst angeboten. Aber das ist eigentlich nicht unser Spektrum“, so der Unternehmer. „Wir wollen mit dem Teller in der Hand die Leute zum Strahlen bringen.“ Das sei in den letzten Tagen gelungen. Wenn auch der Gästeansturm wetterbedingt eher verhalten gewesen sei. Seinen Mitarbeitern habe das Projekt gut getan. „Es war weniger das Geld, sondern eher der psychologische Aspekt, der gezählt hat.“
Symptomfreie Infizierte herausgefischt
Landrat Thomas Balcerowski (CDU) bedauert das Aus des von ihm forcierten Modellprojektes ebenso. „Ich nehme das neue Infektionsschutzgesetz zur Kenntnis“, so der Landrat zur Volksstimme. „Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Nach einem Jahr Pandemie hätte man mehr machen können, als alles zuzumachen und die Leute wegzuschließen. Das ist sehr einfallslos. Aber ich kann es nicht ändern.“
Mit dem Harzer Modellprojekt sei er „rundum zufrieden“. Von den Gastronomen habe es ein „durchweg positives Feedback“ gegeben, so Balcerowski. Entscheidend seien für ihn die vielen freiwilligen Testungen im Zusammenhang mit dem Projekt gewesen. „Es sind von Woche zu Woche mehr geworden. Wir haben immer wieder Infizierte herausgefischt, die keine Symptome hatten. Das hätten wir ohne die Öffnung der Außengastronomie nicht erreicht.“
Sobald der Harzkreis unter die Inzidenz von 100 falle, wolle er das Modellprojekt wieder aufleben lassen, versichert Balcerowski. „Wenn es so weit ist, werde ich sofort die Verlängerung beantragen.“ Er zähle dabei auf die Unterstützung von Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD). „Wir machen weiter und können unsere Erfahrungen den anderen Landkreisen zur Verfügung stellen“, so der Landrat. „Ich sehe uns da als Vorreiter.“
Übrigens: Die Testzentren in Wernigerode bleiben nach dem Projektstopp vorerst weiterhin geöffnet, informiert Rathaussprecherin Kristin Dormann. In den letzten drei Wochen hatten sich über 4500 Menschen in den Stationen an der Angerspitze, an der Schwimmhalle und in der Remise testen lassen.