Wernigerode l Die Rektoratsvilla ist der Hingucker auf dem Campus der Hochschule Harz in Wernigerode. Seit einigen Wochen ist das 115 Jahre alte Fachwerkensemble eingerüstet. Weil der Zahn der Zeit an dem denkmalgeschützten Gebäude genagt hat, muss es umfassend saniert werden.

„Wir befinden uns im zweiten Bauabschnitt“, informiert Hochschulsprecherin Janet Anders. Bereits im vergangenen Jahr seien Ostgiebel, ein Teil der Nordseite, Treppenhaus und Wintergarten aufgearbeitet worden. Seit Juni ist die Baustelle in Richtung Südseite und Westgiebel weiter gerückt. „Im Fachwerkbereich wurden das Mauerwerk entfernt und die Holzbalken vollständig freigelegt“, so die Hochschulmitarbeiterin. Die Balken werden baubegleitend von Experten auf Schädlinge wie Pilze untersucht. Befallene Hölzer müssen ausgetauscht werden. Die verbliebenen und auch die neuen Holzelemente werden anschließend mit einem traditionellen Anstrich auf Ölbasis versehen, bevor die Gefache ausgemauert werden.

Holzgutachten

In Vorbereitung der Arbeiten sei bereits ein umfangreiches Holzgutachten angefertigt worden, so Janet Anders. Zu dem Zeitpunkt seien aber nicht alle Bauelemente zugänglich und einsehbar gewesen. „Deshalb ist eine Baubegleitung durch einen Holzschutzfachmann unumgänglich.“ Noch in diesem Jahr soll die Sanierung des Turms beginnen. „Für uns eine besondere Herausforderung“, sagt Janet Anders. Um die Wetterfahne und die Kugel auf der Spitze abzumontieren, müsse sogar ein Kran eingesetzt werden, „weil der höchste Punkt der Villa nicht anders erreichbar ist“.

Bilder

Der Öffnung der goldfarbenen Kugel fiebern die Mitarbeiter der Hochschule besonders entgegen. Denn darin befindet sich eine Zeitkapsel. Das letzte Mal sei sie Anfang der 1990er geöffnet worden. „Wir sind gespannt, was wir darin finden und werden sie neu bestücken“, kündigt Janet Anders an.

Vor 115 Jahren erbaut

Für die Bauarbeiten in diesem Jahr sind 190.000 Euro eingeplant. Im kommenden Jahr soll der restliche Teil der Südseite restauriert werden.

Hintergrund: Der Rittmeister Detlev Honig ließ die Villa 1901 für sich, seine Frau Emmy und seine acht Kinder erbauen, heißt es in der Chronik der Hochschule. Er hatte das 18 Morgen große Grundstück „An den wüsten Teichen“ ein Jahr zuvor gekauft. Bevor gebaut werden konnte, mussten sumpfige Wiesen, zwei Teiche und eine Quelle befestigt werden. Es dauerte viele Monate, bis das Gelände geebnet, ein Park angelegt und das Wohnhaus bezugsfertig war.

Finanzielle Schwierigkeiten zwangen Emmy Honig, inzwischen längst Witwe, das Grundstück zu verkaufen. Neuer Eigentümer wurde der Großindustrielle Rudolf Artur Rautenbach, der das Anwesen hauptsächlich zu Repräsentationszwecken nutzte. Er ließ beispielsweise eine Kegelbahn im Keller erbauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Rautenbach enteignet, das Grundstück wurde Volkseigentum, die Villa als Lazarett und Erholungsheim genutzt. 1949 übernahm der FDGB das Grundstück und eröffnete das Ferienheim „Georgi Dimitroff“.

Nach Gründung der Hochschule Harz im Jahr 1991 bildete das Grundstück den Campus der Hochschule Harz. In der Villa befinden sich heute der Sitz des Rektors und die Verwaltung der Hochschule Harz.