Wernigerode l Wer durch Wernigerodes Altstadt spaziert, bekommt unweigerlich Weihnachtsgefühle: Illuminierte Bäume und ein überdimensionierter Adventskranz auf dem Nico, Herrnhuter Sterne in der Fußgängerzone, Lichterketten und kleine Tannen in der Breiten Straße, leuchtende Sterne vor der Sylvestrikirche und natürlich der festlich geschmückte Marktplatz mit dem Weihnachtsbaum vor dem Rathaus.

„Der Weihnachtsmarkt wäre in diesem Jahr unser Thema gewesen“, sagt Andreas Meling, Chef der Wernigerode Tourismus GmbH (WTG). Die städtische Tochterfirma hätte den beliebten und sonst vielbesuchten Budenzauber in diesem Jahr erstmals organisiert. Aufgrund des Infektionsgeschehens kam die Absage. „Wir haben uns dennoch zum Ziel gesetzt, dass Wernigerode in der Adventszeit leuchtet – mehr als je zuvor“, sagt Meling. 35.000 Euro habe die WTG investiert, um die Beleuchtung aufzustocken.

Und in den kommenden Jahren soll noch mehr dazu kommen. „Denn Licht ist ein entscheidenden Element für weihnachtliche Stimmung.“ Dankbar ist Meling dabei über die Unterstützung der Kaufmannsgilde. Diese habe nicht nur die Herrnhuter Sterne in der Stadt, sondern auch die Bäume in der unteren Breiten Straße gestiftet.

Wernigerode im Corona-Lockdown

Wernigerode (mg) l Normalerweise sind Wernigerodes Hotels und Pensionen in der Weihnachtszeit ausgebucht. Doch im Corona-Winter wirkt die Touristenstadt plötzlich wie ausgestorben.

  • Wernigerode im Lockdown: Die  bunte Stadt am Harz ist fast ausgestorben – ganz anders als sonst in der Adventszeit. Foto: ivonne Sielaff

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  • Schwere Zeiten für den Innenstadthandel in Wernigerode. Die meisten Geschäfte müssen coronabedingt schließen. Foto: Iivonne Sielaff

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  • Auch wenn die Touristen fehlen – Wernigerode präsentiert sich als Weihnachtsstadt. Foto: Ivonne Sielaff

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  • Seit Mittwoch, 16. Dezember, sind auch die Pforten der Wernigeröder Touristinformation für Besucher geschlossen. Foto: Ivonne Sielaff

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  • Die Einkaufsstraßen in Wernigerodes Altstadt rund um das historische Rathaus sind wie leer gefegt. Foto: ivonne Sielaff

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Normalerweise im Dezember ausgebucht

In den Genuss des Weihnachtszaubers kommen in diesem Jahr allerdings nur die Wernigeröder und einige wenige Besucher. Normalerweise ist der Dezember der Monat, in dem die Übernachtungsstätten mehr oder weniger ausgebucht sind. „Kein Bett frei in Wernigerode über den Jahreswechsel“ – titelte die Harzer Volksstimme in den vergangenen Jahren deshalb regelmäßig. Doch 2020 – im Jahr von Corona – ist alles anders. Seit Ende Oktober ist eine touristische Beherbergung nicht möglich – und wird es auch bis mindestens in den Januar nicht sein. Die Auswirkungen bekommt im Moment jeder Hotel- und Pensionsbetreiber zu spüren. Und auch die Wernigerode Tourismus GmbH leidet unter dem Lockdown.

„Wir haben fast keine Gäste in der Stadt. Und wir werden im Dezember auch keine mehr bekommen“, sagt WTG-Chef Meling. „Wir mussten alles runterfahren.“ Runterfahren – das heißt: keine Stadtführungen, keine Veranstaltungen im Marstall und Kik-Saal. Seit Mittwoch sind nun auch die Touristinfos in Wernigerode und Schierke geschlossen. Für die Mitarbeiter der WTG bedeutet das Kurzarbeit in allen Bereichen.

Und das bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Dennoch läuft das Geschäft weiter – unter den gegebenen Bedingungen. Die Telefone seien besetzt. „Wir sind erreichbar – für Absagen von Zimmerbuchungen, und es kommen auch erste Buchungsaufträge für das nächste Jahr rein.“ Auch der Online-Shop sei nach wie vor geöffnet und wird laut Meling rege genutzt. „Wir wollen den Wernigerödern die Möglichkeit geben, bei uns Weihnachtsgeschenke und Gutscheine für Veranstaltungen zu kaufen.“

Ganze Tourismusbranche in Angst

Trotz alledem: Die Situation ist schwierig. „Es wird ja nicht nur ein paar Wochen alles runtergefahren. Es weiß keiner, wie es weiter geht“, sagt Meling. „Aber da sind wir nicht die einzigen. Gefühlt alle Hotels sind in der gleichen Situation. Corona hat die gesamte deutsche Tourismusbranche in die Knie gezwungen.“

Dabei sah es nach dem ersten Lockdown zwischen März und Mai sogar ziemlich gut aus für den Tourismus im Harz. „Im Juli, August, September, Oktober hatten wir durchschnittlich 20 Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahr – und das war schon ein Rekordjahr.“ Das seien super Monate gewesen, wenn auch die Stadt an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit geraten sei, so Meling.

Verluste nicht wegsparen

„In der Zeit haben wir wirtschaftlich aufgeholt, was wir im Frühjahr an Verlusten hatten.“ Was allerdings jetzt im November und Dezember verloren gehe, sei eine andere Größenordnung. „Das lässt sich nicht einfach so wegsparen.“ Zudem sieht Meling wenig Chancen, dass die WTG die Ausfälle vom Bund oder Land ersetzt bekommt. „Wir bekommen nicht 75 Prozent unseres Umsatzes erstattet. Denn unser Hauptgesellschafter ist die Stadt. Und wir hängen nicht unmittelbar von den Schließungen ab. Das heißt: Wir müssen die Verluste alleine wuppen.“ Das sei glücklicherweise möglich, weil das Unternehmen in der Vergangenheit gut gewirtschaftet habe.

Was dem WTG-Chef Sorgen macht, ist „zu sehen, wie stark der Innenstadthandel vom Tourismus abhängig ist – und umgekehrt“. „Wir können stolz sein auf unserer Händler, weil sie den vielen Besuchern etwas in der Innenstadt bieten. Aber das ist ein fragiles Gebilde.“ Er hoffe, dass die Geschäftstreibenden durchhalten und über den Winter kommen.

Hoffnung auf Trend zu Urlaub in Deutschland

Die Schultern wollen sein Team und er trotz der schweren Wochen nicht hängen lassen, versichert Andreas Meling. „Es wird eine Zeit nach Corona geben. Wir hoffen auf die nächste Saison.“ Bereits im Sommer habe sich gezeigt, wie schnell sich der Tourismus erhole. Und darauf will Meling auch im nächsten Jahr bauen. Ebenfalls Hoffnung gebe der durch die Corona-Krise hervorgerufene Trend zum Urlauben im Inland. „Wir haben unseren Gästen im Sommer bewiesen, dass man hier in Wernigerode gut Urlaub machen kann, dass wir gute Gastgeber sind“, so Meling, der sich wünscht, dass der Trend zum Inlandstourismus anhält.

Die Planungen für 2021 laufen wie gehabt – nicht nur was die touristischen Aktivitäten angehe, sondern auch was Großveranstaltungen wie Walpurgis, Wintersportwochen, Rathausfest oder das Harz Open Air betreffe. „Wir gehen erstmal davon aus, dass alles stattfindet, dass 2021 ein normales Jahr wird“, sagt Meling. „Was soll man auch anderes machen?“