Wernigerode l Wernigerode ist eine ganz andere Stadt als noch vor einer Woche. Die Straßen sind wie leer gefegt. Doch was machen die Einzelhändler, wenn es in den Fußgängerzonen keine Fußgänger mehr gibt? Clemens Ziervogel macht sich keine Illusionen: Sechs bis acht Wochen ohne Kunden – das könne sein Geschäft kaum aushalten. Denn Miete und andere laufende Kosten müssen weiter bezahlt werden. Der Inhaber des Restaurants und Cafés Marktblick fürchtet um seine Existenz. „Wir stehen hier vor einer Herausforderung, die wir kaum bewältigen können“, so der Wernigeröder.

Dabei haben Ziervogel und seine Frau Winnie bereits vergangene Woche reagiert. „Wir haben einige Tische rausgeräumt, um den geforderten Mindestabstand im Restaurant einzuhalten“, sagt Clemens Ziervogel. Das Ordnungsamt kontrolliert auch den Abstand der Tische im Außenbereich. Dabei wünscht sich der Gastonom eine einheitliche Regelung. Eine Schließung für alle oder keinen. Er sei als kleiner Unternehmer vor allem auf die Touristen angewiesen.

Das hat sich angesichts der ausgesprochenen Reisewarnung erledigt. Dass er sein Restaurant nach seinem Ruhetag am Montag wieder öffnet, hält er für unwahrscheinlich. Gemeinsam mit seiner Frau überlegt er jedoch, Bestellungen anzunehmen, die sich die Kunden abholen können. Viele Gäste zeigten Verständnis.

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Stornierungen machen Hotels zu schaffen

Ein gemütlicher Einkaufsbummel in der Breiten Straße und ihren Nebenstraßen ist nicht mehr möglich. Bis auf einige Ausnahmen wie Lebensmittelhandel, Apotheken, Drogerien und weitere sind die meisten Geschäfte – zum Schutz vor der Corona-Pandemie – geschlossen, nur wenige Menschen sind bei Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen unterwegs. Während in den Supermärkten Hamsterkäufe für zusätzlichen Umsatz sorgen, bangen viele Geschäftsleute in der Krise um ihre Existenz.

„Wichtig ist trotz der Sorgen, dass wir nun Klarheit haben“, sagt Kerstin Nagy. Bis Mitte vergangener Woche wusste die Inhaberin eines kleinen Hotels in der Wernigeröder Innenstadt noch nicht, was sie darf und was nicht. „Woran sollen wir uns orientieren?“, fragt sich die Chefin vom Hotel „Am Anger“ und vom Louisen-Café. Seit Donnerstag haben Nagy und ihr Personal nun Gewissheit. Sie mussten allen Gästen absagen.

Der Erlass der Bundesregierung zur Reisewarnung hat sie per E-Mail erreicht. Die Hotelinhaberin habe jetzt keine Geschäftsgrundlage mehr. Aber sie findet es richtig, dass eine einheitliche Regelung getroffen wurde. „Die Situation ist gravierend. Aber wenn es notwendig ist, müssen wir Vernunft walten lassen“, so Nagy.

Sie halte sich an die vorgegebenen Regeln: „Ich trage die Verantwortung nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine zehn Hotelmitarbeiter und noch einmal drei Mitarbeiter im Café“, so die Wernigeröderin.

Letzteres hat sie bereits am Dienstag geschlossen. Voraussichtlich bis zum 6. April, steht auf dem Infozettel an der Eingangstür. Dazu habe sie sich entschieden, da sie die Auflagen nicht einhalten könne. „Ich kann den geforderten Mindestabstand der Tische in dem engen Raum nicht gewährleisten“, sagt Nagy. So bestehe ihre Hauptaufgabe zur Zeit darin, Stornierungen der Hotelbuchungen zu bearbeiten. Das mache sich vor allem über Ostern und Walpurgis bemerkbar. Nun hofft sie auf Gäste in der zweiten Jahreshälfte.

Fußgängerzone ohne Fußgänger

Unterdessen sitzt Angela Klein in ihrem Zeitschriften- und Tabakladen in der sonst belebten Einkaufsstraße und wartet auf Kundschaft. Die Wernigeröderin betreibt das kleine Geschäft erst seit Januar und hat keinen Vergleich zum Umsatz, den sie im Vorjahr gemacht hätte. Aber auch sie bemerkt seit Mitte vergangener Woche einen Unterschied. Die Laufkundschaft fehle, auch Touristen, die sonst Harzer Spezialitäten bei ihr kaufen. „Der Leerlauf, den ich zwischen den Kunden habe, war noch nie so groß“, sagt die Ladeninhaberin. Die nächste Veränderung sei ihr bei ihren Stammkunden aufgefallen. „Statt den Lotto-Schein nur für eine Woche auszufüllen, stocken die Leute gleich auf zwei bis drei Wochen auf“, sagt Klein.

Auch in das Geschäft von Buchhändler Rainer Schulze verirren sich nur vereinzelt ein paar Kunden. „Wir haben für Sie geöffnet“, steht auf einem großen Schild im Schaufenster. „Wir nehmen die Chance wahr, dass Buchhandlungen noch geöffnet bleiben dürfen“, sagt Schulze. Zur Zeit gäbe es wenig zu tun.

Seine Umsätze seien in der vergangenen Woche um 90 Prozent eingebrochen, so der Buchhändler. Der Laden bleibe jedoch geöffnet, auch wenn es sich kaum lohne. Er hoffe darauf, dass die Menschen sich in der Zeit zu Hause wieder auf das Lesen besinnen: „Wenn das Internet und die Streaming-Dienste überlastet sind, greifen die Menschen wieder zu einem guten Buch“, hofft er.

Einige Händler setzen vor allem auf die Zeit nach der Krise: An zahlreichen Schaufenstern hängen Infozettel, die auf die aktuelle Lage und Alternativen aufmerksam machen. Ein Einzelhändler in der Stadt bittet seine Kunden, in den nächsten Wochen nicht online bei großen Unternehmen einzukaufen. „Wartet, bis unsere Einzelhändler und regionalen Geschäfte wieder öffnen und helft denen danach durch eure Einkäufe die Krise zu bewältigen“, steht auf dem Aushang des kleinen Modegeschäfts.