Goslar/Walkenried l Mit ein paar Klicks wird ein Stück Zukunftssicherheit gestiftet: So lässt sich die Gutschein-Aktion, die vor Kurzem gestartet ist, in einem Satz beschreiben. Auf dem Portal www.einharz-Gutschein.de können sich Unternehmen anmelden, um den Einwohnern Gutscheine anzubieten. Diese können dann nach Wiederöffnung der Geschäfte eingelöst werden. Damit sorgt die Plattform trotz geschlossener Geschäfte für eine finanzielle Unterstützung der Betriebe – eine Soforthilfe, die ohne Anträge da ankommt, wo sie gebraucht wird.

Eines der ersten Unternehmen, die sich auf der Webseite angemeldet haben, war das Klosterhotel Walkenried im niedersächsischen Südharz, nahe Nordhausen. „Wir sind sowas von geplättet. Das ist eine Knalleraktion“, sagt Kerstin Wagner überglücklich. Sie und ihr Mann Thomas Pracht betreiben das Hotel seit 2017. Die aktuelle Situation ist für sie und die neun Angestellten dramatisch.

Als sie von der Gutschein-Plattform erfuhr, meldete sie sich direkt an. „Es hat sofort funktioniert“, sagt sie. „Wir haben auf nichts gehofft, nichts erwartet. Wir hatten das Gutschein-Angebot erst zehn Minuten auf unserer Webseite – und plötzlich war der erste Gutschein verkauft.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer in einer für Gastgeber schweren Zeit. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist so herzergreifend, dass jemand, den man überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, einen Gutschein kauft und eine persönliche Nachricht hinterherschickt, um Mut zu machen – das berührt uns sehr.“

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Initiator des Projektes ist die Ein Harz GmbH mit Sitz in Goslar, die zu einem Landkreis- und Bundesländer-übergreifenden Zusammenwachsen der Region beitragen will. „Es gibt eine Unmenge an kleineren Geschäften, die derzeit Angst um ihre Existenz haben“, sagt Geschäftsführer Frank Uhlenhaut. „Von allen Hilfen ist noch nicht ein Euro geflossen. Es wäre fatal für unsere Innenstädte und ganz besonders auch für unsere kleineren Orte, wenn das Wenige, was vor Ort ist, nicht wieder aufmachen kann.“ Deshalb wurde ein von langer Hand geplantes Projekt spontan vorgezogen.

„Wir beschäftigen uns seit vier, fünf Monaten damit, ein Gutschein-Portal im Harz zu installieren, um alle Einzelhändler, Dienstleister, Gastronomen zu unterstützen. Unser Ziel ist es, den Harz dem Harzer näherzubringen“, erläutert er. Über das Portal soll, so Uhlenhaut, der Bad Lauterberger nach Halberstadt oder Wernigerode geführt werden. In der Beiratssitzung der Ein Harz GmbH am 24. März sollte das Konzept vorgestellt und mit Vertretern aus den einzelnen Kommunen diskutiert werden. Doch dann kam die Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen und Einschränkungen – und der Ruf nach unkomplizierter Hilfe wurde laut. „Nachdem die einzelnen Landesregierungen verkündet haben, dass die Geschäfte schließen müssen, habe ich mir die Frage gestellt: Warum können wir das Projekt nicht vorziehen?“ Frank Uhlenhaut setzte sich mit dem Betreiber in Verbindung. „Am Montag haben wir miteinander gesprochen, am Dienstag um 13 Uhr war das Portal fertig.“

Ursprünglich war die Idee, dass man mit einem Gutschein überall einkaufen kann. „Man erwirbt beispielsweise einen Gutschein für 50 Euro und kann damit für 25 Euro in Wernigerode in einem Souvenirladen einkaufen und für die restlichen 25 Euro in einem Restaurant in Goslar essen gehen“, erklärt er.

Da die Unternehmer jedoch jetzt gerade das Geld dringend benötigen, wurde diese Variante für die aktuelle Lösung verworfen. „Ein Gutschein gilt für ein Geschäft und das Geschäft bekommt das Geld sofort. Es muss nichts abgerechnet und aufgeschlüsselt werden.“ So sei es eine echte und unmittelbare Soforthilfe.

Als Kunde muss man sich nicht extra anmelden: Man besucht die Webseite, kann ein Geschäft und die Höhe des Gutscheins auswählen, bezahlt sicher per Paypal, kann den Gutschein ausdrucken, speichern oder versenden. „Und wenn das Geschäft in vier Wochen wieder aufmacht, kann man dort essen gehen oder einkaufen – oder man verschenkt den Gutschein. So kann man sein Geschäft vor Ort unterstützen.“

Für den Anbieter fallen außer den Paypal-Gebühren (sicheres Online-Bezahl-System) keine weiteren Kosten an. Auch die Anmeldung und Nutzung des Portals ist für sie kostenfrei. „Die Gebühr, die das Portal an sich nimmt, hat der Betreiber gestrichen“, erläutert Frank Uhlenhaut.

Die Resonanz sei sofort sehr positiv gewesen. Mittlerweile sind bereits über 100 Händler angemeldet. „Es kommen jeden Tag welche dazu. Es ist vom Friseur über Kosmetik, Sanitärbetriebe, Hotels, Gastronomen, Bekleidungsgeschäfte, Schuhgeschäfte alles dabei“, sagt er. Derzeit sei man dabei, die Plattform zu bewerben. Mit Dr. Oliver Junk, dem Goslarer Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden der Ein Harz GmbH, sei Uhlenhaut im Gespräch bezüglich einer Postkartenaktion. „Die Kunden sind begeistert – aber sie müssen davon erfahren“, sagt er.

Kerstin Wagner und Thomas Pracht haben die Aktion auf ihrer Webseite mit einem Text beworben: „Mit dem Kauf eines Gutscheins helfen Sie uns, diese schwere Zeit zu überstehen, und schaffen sich Vorfreude auf Genuss pur“, schreiben sie unter anderem. Die Gutscheinkäufer bleiben anonym, doch einige hinterlassen private Nachrichten für Familie Pracht-Wagner. „Zum Teil schreiben sie, dass sie es waren, die den Gutschein gekauft haben und uns damit helfen möchten“, berichtet sie. „Es ist vor allem eine mentale Unterstützung.“ Davon zehren sie derzeit. Ansonsten liege das gesamte Geschäft auf Eis. Ostern seien sie komplett ausgebucht gewesen, hätten mehrere Buffets im Refektorium ausrichten sollen. Wandergruppen waren angemeldet für die Wochenenden. Doch nichts davon findet statt.

„Es ist ein enormer Verlust“, sagt Kerstin Wagner. Der Alltag sei derzeit vor allem von Papierkram geprägt. „Wir sitzen die ganze Zeit an Anträgen – am ersten Formular haben wir einen ganzen Tag gearbeitet, bevor unsere Bank einfach ein neues Formular veröffentlicht hat. Seit heute gilt wieder ein neues – und eine Bewilligung oder einen Bescheid haben wir bisher nicht.“ Der Server der Bank sei so stark ausgelastet, dass sie sich nachts den Wecker stellen, um Zugriff zu haben. Doch nicht ein Cent ist bisher geflossen. Eine große Hilfe sei der Harzer Tourismusverband (HTV), der täglich einen Corona-Newsletter versendet, um die Gastgeber auf dem Laufenden zu halten. „Die lassen einen nicht im Regen stehen“, beschreibt sie ihren Eindruck.

Unkomplizierte, unbürokratische Hilfe sei das Gebot der Stunde. „Und deshalb sind die Gutscheine so wichtig für uns“, sagt Kerstin Wagner. Als Dankeschön hat sie am Sonntag ein Kuchenkörbchen vom Balkon ihres Hotels gelassen. „Ich backe immer selbst für unsere Gäste. Und um denjenigen Danke zu sagen, die uns in dieser schweren Zeit unterstützen, lasse ich das Körbchen herunter. Jeder, der mag, kann sich ein Stück Kuchen mitnehmen und zuhause genießen.“