Guayaquil/Wernigerode l Menschen, die auf der Straße zusammenbrechen und sterben, weil sie nicht behandelt werden können. Familien, die ihre verstorbenen Angehörigen auf der Straße verbrennen, weil niemand weiß, wohin mit den Toten. Ärzte, die von ihren Vermietern vor die Tür gesetzt werden, aus blanker Angst, sie könnten das Virus mit ins Haus tragen: Jörg Konstabel zeichnet im Gespräch mit der Volksstimme ein düsteres Bild von der Lage in Ecuador, dem kleinen Andenstaat am Äquator, der aktuell von einer Krankheitswelle, verursacht durch Covid-19, überrollt wird.

Der Wernigeröder befindet sich derzeit in General Villamil Playas, einer Kleinstadt an der Pazifikküste, etwa 100 Kilometer von der Provinzhauptstadt Guayaquil entfernt. Sie gilt als Tor zu den berühmten Galapagosinseln mit ihrer unberührten Natur und einmaligen Artenvielfalt. Die Provinz Guayas ist das Epizentrum der Krise in Ecuador und ganz Südamerika: Offiziellen Quellen zufolge entfallen mehr als zwei Drittel aller bestätigten Corona-Fälle auf dieses Territorium, über das strenge Quarantäneregeln verhängt wurden.

Aber was haben bestätigte Fälle mit der Realität zu tun? „Es besteht eine große Diskrepanz zwischen den offiziellen Zahlen und den offensichtlichen, tatsächlichen Todesfällen“, sagt Jörg Konstabel. Das sei eines der Hauptprobleme vor Ort – verlässliche Zahlen sind nicht vorhanden, das Vertrauen in das Handeln der Regierung ist dementsprechend gering. „Die Regierung versucht, die wahren Zahlen herunterzuspielen“, belegt der 57-Jährige mit einem Beispiel: So sei zunächst die Rede von 400 Toten gewesen. „Aber am Wochenende hat ein Verantwortlicher aus Guayaquil zugeben müssen, dass in den ersten zwei Wochen mindestens 5000 Menschen in der Stadt gestorben sind. Untersuchungen, ob die Todesursache Covid-19 war, werden nicht gemacht.“

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Grauenhafte Videos in sozialen Netzwerken

Die Zahl habe man durch einen Vergleich der gemeldeten Sterbezahlen zum Vorjahr 2019 ermitteln können. „Viele, vor allem ältere Menschen sterben aktuell zuhause, werden nicht getestet. Es kursieren glaubhafte Videos, die zeigen, dass Menschen auf der Straße zusammenbrechen und sterben.“ In Zeiten von Social Media ließen sich die Menschen nicht so leicht von gedeckelten Zahlen täuschen. Wie hoch die Durchseuchung in Ecuador ist, vermag aktuell niemand zu sagen

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Amazonas-Dschungel, Vulkanlandschaften, Regenwald, Inka-Ruinen, koloniale Städte, palmengesäumte Strände: Das ist Ecuador von seiner schönsten Seite. Es ist jenes entdeckenswerte Land, in dem Jörg Konstabel arbeitet. Der Wernigeröder kennt Lateinamerika recht gut. Er ist auch für den Senior Experten Service (SES) regelmäßig dort unterwegs. „Die Krankheit verbreitet sich hier wie ein Lauffeuer“, sagt der Tourismuskaufmann. „Aufgrund der sozialen Verhältnisse ist es sehr schwer, die Ausbreitung unter Kontrolle zu bekommen. Ähnlich wie in Italien und Spanien leben hier mehrere Generationen unter einem Dach. Die Ansteckung innerhalb der Familien und der Familienverbände verläuft rasend.“

Die hygienischen Bedingungen seien gerade in den Barrios, den Armenvierteln am Rande der Städte, die wir aus anderen Ländern als Slums kennen, verheerend. „Wie soll man sich ohne fließendes Wasser die Hände waschen?“, fragt er. Binnen kürzester Zeit seien die Bestattungsinstitute nicht mehr damit hinterhergekommen, die Toten aus den Krankenhäusern und aus den Wohnhäusern abzuholen und zu bestatten.

Größte Bewährungsprobe steht noch bevor

Die Folge – Jörg Konstabel hält inne, sagt dann: „Sie haben die Toten vor die Haustüren gelegt und aus Angst vor Ansteckung in einigen Fällen angefangen, sie anzuzünden – auf der Straße.“ Ja, das sei in einem Land wie Deutschland unvorstellbar. Und doch – Ecuador, das mit seinem Fallverlauf schätzungsweise zwei Wochen hinter Deutschland liegt, steht die größte Bewährungsprobe noch bevor, ist er überzeugt. Die Zahlen steigen nach wie vor.

Ein wesentliches Problem sei, dass das Gesundheitssystem durch massive Einsparungen und Vernachlässigung nicht für das Virus gewappnet sei. Krankenschwestern hätten von Räumen voller Toten in den Krankenhäusern berichtet. „Darunter auch Personal. Sie hatten in den ersten Wochen keine ausreichenden Möglichkeiten, sich zu schützen. Größere medizinische Einrichtungen gibt es nur in den Großstädten.“

In den kleinen Ortschaften gibt es nur Stützpunkte, die in der Woche oft nur stundenweise besetzt sind. In der Küstenregion gebe es keine intensivmedizinischen Behandlungsplätze. „50 000 Einwohner leben hier in diesem Küstenlandkreis. Es gibt ein Hospital, vergleichbar einer Poliklinik, aber keinerlei Ausrüstung für Intensivmedizin“, berichtet Jörg Konstabel. Zudem hätte das Personal keine entsprechende Erfahrung in der intensivmedizinischen Betreuung, sprich Beatmung der Patienten. Die Verhältnisse seien vergleichbar mit anderen südamerikanischen Staaten. „Diese Länder sind vom medizinischen System her so einer Pandemie überhaupt nicht gewachsen“, sagt der 57-Jährige.

Warten auf Hilfespakete

„Wen es sehr trifft, sind die Leute, die kleine Geschäfte haben, die seit Wochen geschlossen sind“, berichtet er. „Das ist ganz ähnlich wie in Deutschland. Nur hier erhalten sie gar keine Unterstützung.“ Der Staat hat Lebensmittelpakete versprochen, auf die viele dieser Menschen immer noch warten. „In den größeren Städten wurden Hilfen – Grundnahrungsmittel – an die ganz Hilfsbedürftigen ausgegeben. Es werden Pakete mit einmal Reis, Öl, Zucker, Mehl und Konservendosen verteilt. Doch damit kommt eine Familie nicht weit.“

Aufgrund seiner Netzwerkarbeit kann er auf Kontakte zum Roten Kreuz in der Region zurückgreifen; eine Organisation, die er 2019 auch als Freiwilliger unterstützt hat. Nun tauscht er sich mit den Mitarbeitern aus, um Unterstützung für die Ärmsten der Armen anzuschieben. Besonders die Kleinstadt Villamil Playas liegt ihm am Herzen, denn Hilfsaktionen sind dort bisher nicht angekommen. Dort will Jörg Konstabel helfen und Lebensmittel für diejenigen kaufen, an denen die Hilfen vorbeigehen. Zum Vergleich: Bis zu 9000 Euro Soforthilfe können Solo-Selbstständige in Deutschland beantragen.

In Ecuador gibt es keinerlei Unterstützung vom Staat für Selbstständige. Wer durch die Ausgangssperre kein Geld mehr verdienen kann und für hilfsbedürftige Familien soll es einmalig 60 Dollar vom Staat geben. Das Geld müsse online beantragt werden. „Arme Leute kommen nicht an diese Informationen“, betont Konstabel. Arme Leute wie die Tagelöhner, wie es sie zuhauf in dem lateinamerikanischen Staat gibt. Sie verkaufen Schnürsenkel oder Obst am Straßenrand. Ihnen nützen Online-Anträge für Soforthilfen wenig – ohne Internet, vielfach ohne festen Wohnsitz und Bankkonto.

Leben von der Hand in den Mund

Sie fristen ein Dasein als Bewohner einer Hütte in den Barrios, leben von der Hand in den Mund. „Hier ist das durchaus üblich: Tagelöhner und die Straßenverkäufer verdienen sich jeden Tag ihr Geld, um abends was zu kaufen und ihre Familien zu ernähren“, sagt er. Auf diese mittellosen Frauen und Männer, die in der ecuadorianischen Gesellschaft keine Stimme haben, möchte Jörg Konstabel das Augenmerk richten. „Für diese Leute über Geldspenden Lebensmittel zu kaufen und zu verteilen – das wäre mir mein Hauptanliegen. Da muss was gemacht werden. Die Leute haben nichts zu essen.“ Ihm selbst gehe es verhältnismäßig gut.

Inzwischen müsse in der Öffentlichkeit eine Maske getragen werden, berichtet er. Zudem gelte eine allgemeine Ausgangssperre von 14 Uhr nachmittags bis 5 Uhr morgens, montags bis sonntags. Von 5 bis 14 Uhr könne man sich draußen zum Einkaufen bewegen. Lebensmittelläden, Tankstellen und Apotheken seien geöffnet. Für den Autoverkehr innerhalb der Region gelte eine Restriktion nach Nummernschildern. An bestimmten Wochentagen dürfen bestimmte Nummernschild-Inhaber fahren, andere nicht. „Die Wochenenden sind für private Fahrten komplett verboten, nur Rettungsdienste, Feuerwehr, Wasser- und Lebensmitteltransporte und Regierungsfahrzeuge dürfen passieren.“

Gebete statt Hygiene und Abstand

Interessiert verfolgt er die Berichterstattung aus Deutschland. Persönlich hält er sich an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Den Zahlen und Fakten der ecuadorianischen Behörden schenkt er wenig Glauben. À propos Glauben – ein großes Problem sei der weit verbreitete Aberglaube. Es kursieren angebliche Heilmittel aus Kräutern. Es wird gegen das Virus gebetet – wogegen nichts einzuwenden sei. Doch die Menschen hielten sich durch ihren Gottglauben für geschützt und verzichteten in der Folge auf die wichtigen Sicherheitsregeln wie Abstand halten und Hygienevorkehrungen.

„Andererseits gibt es leider sehr viel Aktionismus und Populismus. Man hat versucht, mit Desinfektionsduschen zu helfen“, berichtet er. „Man hat sich an China orientiert – wo Leute am Eingang zu öffentlichen Einrichtungen desinfiziert wurden, was relativ uneffektiv ist. Es macht die Leute noch unvorsichtiger – sie sind der Meinung, der Staat schützt sie und sie sind sicher. Möglich, weil ein nur relativ niedriger Bildungsstand vorhanden ist“, so Konstabel. Auch Straßen würden mit Chemikalien vernebelt.

Anfangs habe die Bevölkerung geglaubt, Ausländer hätten Covid-19 eingeschleppt. „Zum Glück konnte nachgewiesen werden, dass es Ecuadorianer selbst waren, die den Virus aus Spanien mitgebracht hatten“, sagt er. Nun würden Menschen diskriminiert, die im medizinischen Sektor beschäftigt sind. „Eine Ärztin musste ihr Haus verlassen. Ein örtlicher Freiwilliger vom Roten Kreuz muss sich eine neue Bleibe suchen, weil sein Vermieter ihn nicht mehr unterbringen will. Es ist fast eine Hexenjagd – aus Unwissenheit.“

Spenden für Seife und Lebensmittel gefragt

Jörg Konstabel will seine Kontakte in Ecuador nutzen, um in der kleinen Stadt Villamil Playas zu helfen. Er hat über die Plattform PayPal einen Money-Pool eingerichtet, mit dem unkompliziert Geld für einen bestimmten Zweck gesammelt werden kann. Gebühren und Kosten fallen für den Money-Pool nicht an. Mit dem Geld will Jörg Konstabel Lebensmittel und Seife kaufen und mit Unterstützung von Helfern in den Barrios verteilen, um die Not zu lindern.

Mehr mehr Infos zum Projekt und der Verwendung der Spenden gibt es hier. Kontakt zum Organisator per E-Mail an ecuadorhilfe2020@gmail.com.