Harzkreis l „Die Einkaufsmärkte lassen keinen Kunden ohne Wagen rein, aber es gibt keine Möglichkeit, sich oder den Griff vor Ort zu desinfizieren. Das widerspricht sich“, kritisiert Leserin Hannelore Nosovsky aus Hasselfelde gegenüber der Volksstimme. Größere Einkäufe übernähmen zwar ihre Söhne, aber für Kleinigkeiten gehe sie selbst los, so die 70-Jährige. Und die Angst vor einer Corona-Ansteckung sei stets mit dabei.

„Ich bringe von zu Hause immer Desinfektionsmittel mit, aber ich habe zigfach beobachtet, dass viele Kunden sich nicht desinfizieren. Das müsste eine Pflicht sein“, so die Rentnerin. „Die Märkte müssten Desinfektionsmittel und Handschuhe bereitstellen.“

Dass das nicht so einfach sei, erklärt Grit Walther. Die 54-Jährige ist Inhaberin des Edeka-Markts in Elbingerode. „In allen Medien wird immer wieder berichtet, dass nicht genügend Desinfektionsmittel und Handschuhe zur Verfügung stehen. Da können wir nicht einfach welche verschenken“, gibt sie zu bedenken. „Wir bekommen auch nur geringe Mengen.“ Diese stünden dann im Regal zum Verkauf bereit.

Zur Kontrolle weniger Wagen in Krisenzeit

Ihrer Verantwortung sei sie sich dennoch bewusst, so Walther – Kunden und Mitarbeitern gegenüber. Entsprechend der Verordnung des Landes bleibe das integrierte Café geschlossen, auch die offene Salatbar werde derzeit nicht befüllt. Vor den Frischetheken sowie den Kassen sei der vorgeschriebene Mindestabstand von minimal anderthalb Metern zu anderen Menschen auf dem Boden markiert. „Zudem desinfizieren wir regelmäßig alle Griffe, Türklinken, Touchpads – eben alles, was die Kunden berühren“, betont Grit Walther.

Die Zahl der Einkaufswagen habe sie auf 50 reduziert. So könne einerseits der Abstand von Kunde zu Kunde im Markt unterstützt werden, andererseits sei das eine Kon­trollmöglichkeit. Denn auf den 1400 Quadratmetern des Marktes dürften sich laut Vorgaben maximal 70 Menschen gleichzeitig aufhalten. Das Personal sei dabei mitzuzählen. Jeder Kunde dürfe deshalb den Markt nur noch mit einem Wagen betreten. Die Einhaltung werde am Eingang überprüft.

Auch für den Schutz ihrer Mitarbeiter tue sie, was sie könne, betont die Chefin. „An den Kassen wurden Plexiglasscheiben als Spuckschutz angebracht. Außerdem haben die Mitarbeiter jederzeit die Möglichkeit, ihren Platz zu verlassen, um sich die Hände zu waschen. Für genug Ablösung ist gesorgt“, so die Inhaberin.

Entsetzen in Halberstadt

Wie Stichproben-Besuche zeigen, gibt es im Harzkreis von Laden zu Laden Unterschiede: Schilder am Eingang mit der Aufforderung, nur mit Einkaufswagen den Markt zu betreten, weiße A4-Blätter mit Hygienehinweisen. „Kontrolliert wird das im Netto-Markt in der Westerhäuser Straße leider überhaupt nicht. Im Gegenteil, es scheint egal, dass hier mehrköpfige Familien samt Kinderwagen durch die Gänge laufen, die Kinder alles anfassen. Oder dass manche Kunden eben einfach einen Karton statt Wagen nehmen. Außerdem gibt es weder Plastikhandschuhe noch irgendeine Möglichkeit, Hände und Griffe der Wagen zu desinfizieren.“ Siegwart Puls ist entsetzt, wie lasch in diesem Supermarkt in Halberstadt die Vorsichtsmaßnahmen in Corona-Zeiten gehandhabt werden. In anderen Super- und Discountmärkten erlebe er das anders, berichtet der Halberstädter am Lesertelefon der Volksstimme.

Warum die Kunden hier nicht strikter zur Einhaltung der Vorgaben angehalten werden, sei leider nicht in Erfahrung zu bringen gewesen, so Puls. Auch die Volksstimme scheiterte mit dem Versuch, Verantwortliche für eine Stellungnahme zu erreichen. Immerhin wird für die Mitarbeiter an den Kassen mit Plexiglasscheiben versucht, die Ansteckungsgefahr zu reduzieren.

Unterdessen werden vor dem Penny-Markt in der Kreisstadt wie im Kaufland oder bei Edeka-Bienek die Griffe der Wagen desinfiziert, Aldi hat die Handschuhe aus der Backstation in Wagennähe platziert und auch in Halberstädter Baumärkten sorgen Mitarbeiter oder extra engagierte Sicherheitsmitarbeiter für Abstand und Desinfektion. Beim Einkauf am Gründonnerstag sind in einigen Märkten sogar die Kunden vor den Kassen dirigiert worden, um die Einhaltung der strengen Abstandsregelung zu gewährleisten.

Kleiner Dorfladen funktioniert

Darum bemüht man sich auch in Deersheim. Der dortige Dorfladen ist kein Supermarkt, mehr als vier Einkaufswagen besitzt dieser nicht. Fristen diese sonst eher ein Schattendasein, sind die Kunden derzeit verpflichtet, stets einen Wagen zum Einkauf zu nutzen. „Die Leute achten darauf, das ist kein Problem“, sagt Uta Müller, Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Vertreter des städtischen Ordnungsamts seien vor Ort gewesen, um zu überprüfen, ob die Vorgaben der Landesverordnung umgesetzt worden sind.

Gut genutzt werde von den Kunden auch die Möglichkeit, seinen Einkaufswagen vor dem Anfassen zu desinfizieren. Entsprechende Flaschen stehen bereit. An der Dorfladentür befinden sich jede Menge Hinweise zum korrekten Verhalten. Eine gläserne Wand wurde zum Schutz der Verkäuferinnen installiert.

Zuweilen handhaben die Supermärkte die Verfahrensweise unterschiedlich. Vor Tagen wurde im Lidl-Markt in der Benzingeröder Chaussee in Wernigerode noch jeder Wagen am Markteingang desinfiziert. Nachdem die Kunden ihn zuvor zwischen Parkplatz und Eingang berührt hatten. Am Gründonnerstagvormittag gab es weder Reinigung noch Kontrollen. Das gleiche Bild am Abend im Kaufland in Wernigerode.

Am Hagebaumarkt in Wernigerode ist die Zahl der Wagen reduziert worden, um die Kundenzahl zu minimieren. Dort wurden am Gründonnerstag alle Griffe vor der Übergabe an den nächsten Kunden desinfiziert. Vor Ort dominierten Verständnis und eine entspannte Atmosphäre. Geradezu vorbildlich agiert Rossmann in der Innenstadt: Vor dem Laden wird mit Abstand gewartet, bis der nächste Kunde rein darf. Und der bekommt einen zuvor gereinigten Wagen.

Viel Verständnis bei Kunden

Sehr akkurat die Schutzvorkehrungen im Lidl in Blankenburg. Dort ist Marcel Kaufmann im Einsatz. Der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes desinfiziert die Griffe jedes benutzten Einkaufswagens, weist alle Kunden auf die Einhaltung des Mindestabstandes hin und auch darauf, nur mit Einkaufswagen den Markt zu betreten. Und das mit stoischer Ruhe, selbst wenn Kunden die Vorkehrungen für überzogen halten und dies zum Teil recht unwirsch artikulieren. „Das sind aber eher Ausnahmen“, so Kaufmann, der in seiner langjährigen Tätigkeit schon schwierigere Situationen erlebt habe.

Ebenso vorbildlich die Handhabung im Kaufland in Quedlinburg: Dort stehen für die Kunden direkt an den Einkaufswagen-Stellplätzen mehrere Desinfektions-Boxen bereit, um individuell die Griffe der Wagen zu desinfizieren. Darüber hinaus werden die Kunden vor dem Betreten des Marktes von einem Mitarbeiter nett gefragt, ob er den Wagen desinfizieren dürfe. Wer kann in diesen Zeiten dazu schon nein sagen?

Im Real-Markt in Blankenburg sind die Kunden angehalten, auf den letzten Metern in Richtung Kasse einen extra ausgewiesenen Weg zu benutzen - immer auf Abstand natürlich. Eine Mitarbeiterin weist jedem die nächste frei werdende Kasse zu. So soll erreicht werden, dass Kunden den Mindestabstand zumindest in dieser Zone einhalten. Eine Wagen-Desinfektion wurde - zumindest am Mittwoch - am Ausgang als Selbstbedienung angeboten.