Schierke/Brocken l „Wir wussten nicht, was uns erwartet“, sagt Dagmar Gutbier über jenen Dienstag, 17. März. An jenem Tag hat ihr Chef, Christoph Lampert, den Mitarbeitern im Brockenhaus verkündet, dass die Harzer Schmalspurbahn ihren Betrieb einstellt und die Nationalpark-Besucherzentren zur Eindämmung der Corona-Pandemie schließen müssen. „Das gab es noch nie“, sagt die Schierkerin.

Sie arbeitet seit 20 Jahren im Brockenhaus, dem quaderförmigen Gebäude mit der Kuppel – heute Besucherzentrum des Nationalparks Harz, früher Stasi-Abhörpunkt „Urian“. „Ich kannte das Areal sogar schon aus der Sperrzeit“, verrät sie und erinnert sich an ihre Jugend, als sie kurzzeitig als junges Mädchen einige Wochen auf dem Brocken arbeiten konnte. Ihr Vater war dort als Kommunikationstechniker im Einsatz. So war ihr das unbekannte Terrain schon immer auf eine gewisse Art vertraut.

Bedrückende Wochen ohne Gäste

„Dann kam die Wende und irgendwann im Jahr 2000 konnte ich dienstlich auf den Brocken zurückkehren. Das war ein glückliches Gefühl“, erinnert sie sich an jene Zeit.

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Umso „bedrückender“ hätten sich die vergangenen Wochen für sie und ihre sieben Kollegen angefühlt. „Wir waren von Mitte März bis Ende April in Kurzarbeit“, sagt Stefan Schwertner, der wie seine Kollegin in Schierke zuhause ist. Dass den beiden ihr Arbeitsplatz auf 1141 Metern Höhe lieb und teuer ist, beweist die Tatsache, dass sie regelmäßig zum Brocken heraufwanderten, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.

In dieser Zeit hätten sie mit ihren Kollegen abwechselnd immer wieder im Brockenhaus nach dem Rechten gesehen. „Wenn wir regulär arbeiten, bilden wir eine Fahrgemeinschaft. Aber in der Schließzeit sind wir hochgelaufen“, sagt Dagmar Gutbier. Gespenstisch still sei es auf dem Berg gewesen. „Es war eine Ruhe – das war hochemotional“, erinnert sie sich. Nur sie und ihr Kollege seien auf dem Brockenplateau gewesen, sonst niemand. „Ich hatte Angst“, gesteht sie. „Wie geht es weiter für uns?“ Wie in vielen anderen Museen und Besucherzentren hatte das Jahr 2020 für das Brockenhaus stark angefangen. „Das Haus lief wunderbar“, sagt sie mit Blick auf das aktuelle Kontrastprogramm: Derzeit dürfen nur 20 Personen gleichzeitig das Museum besuchen.

2018 ist die Ausstellung um einen interaktiven Part erweitert worden; 2019 kam der zweite Teil hinzu. In dem einstigen Abhörstützpunkt des DDR-Geheimdienstes kann heute per Knopfdruck der Wald zum Leben erweckt werden. Hirsch, Specht und Luchs erscheinen in einem inszenierten, dschungelartigen Kunstwald. Spielerisch lernen – das gelingt beispielsweise vor dem Relief des Brockens, wo Fakten zu Flora und Fauna zum Hören abgerufen werden können. Das eigenartige Brockenwetter wird den Besuchern mit Licht und Ton erlebbar gemacht, mit Fakten untermauert.

Auf den Spuren berühmter Brockenbesucher wie Goethe und Heine lernen Gäste die Historie des sagenumwobenen Berges kennen. In der oberen Etage dreht sich alles um das geheimste Kapitel des Brocken: Dort erfahren Besucher, wie die Stasi-Leute Telefonate von BRD-Altkanzler Helmut Kohl (CDU) sowie von Nato, Bundeswehr und anderen westdeutschen Sicherheitsbehörden abhörten. Auf der Terrasse werden Wissensdurstige mit einem tollen Ausblick über den Harz belohnt.

Besuchermagnet dank Ausstellung

Mit den innovativen Elementen hat sich das Brockenhaus zum Besuchermagneten entwickelt. „Wir haben um die 60.000 Gäste im Jahr“, sagt Geschäftsführer Christoph Lampert. „Unter ihnen sind Senioren genauso stark vertreten wie Familien.“ Die Ausstellung ziele auf alle Besuchergruppen ab: vom geschichtsbewussten Senior bis zum Kita- oder Schulkind. Die meisten Gäste kämen zwischen Mai und Oktober. „Wir haben zum Glück eine Wandersaison, die uns viele Besucher im September und Oktober auf den Brocken bringt. Wobei es auch tolle Wintertage gibt“, wie Lampert betont. Das Haus sei insofern stark vom Ferien- und Sommerbetrieb abhängig. „Deswegen ist jetzt für uns genau der richtige Zeitpunkt, die Rückkehr zur Normalität unter Auflagen zu versuchen“, sagt er.

Seit Anfang Mai ist das Museum wieder geöffnet. Im Wonnemonat seien jedoch nur wenige Menschen auf den Brocken gewandert und wegen der seltener fahrenden Brockenzüge der Harzer Schmalspurbahnen auch weniger Besucher auf das Plateau gelangt, die nicht hinauf radeln oder zu Fuß gehen können oder wollen.

„Nie war der Brocken so leer wie heute“, sagt Lampert. Er ringt der Situation aber auch Gutes ab: „Dadurch, dass weniger Züge fahren, hat man morgens eine große Zeitspanne, in der man den Gedanken freien Lauf lassen kann.“ Und, so ergänzt Dagmar Gutbier: „Es war so schön, die Besucher wiederzusehen. Wir haben viele Dauerkarten-Besitzer, die aus der näheren Umgebung kommen“, sagt sie. Von einem herzlichen Wiedersehen spricht auch Christoph Lampert.

Trotz Homeoffice sei er zweimal pro Woche zum Brockendienst gegangen. Obwohl es im ersten Dienstmonat mit Corona schleppend lief, lag ihm die Öffnung am Herzen. „Uns war es wichtig, dass wir ein Zeichen setzen. Und nun wird es langsam aber sicher mehr. Am nächsten Wochenende werden die Karten neu gemischt“, ist er mit Blick auf Pfingsten überzeugt. Denn die seit Donnerstag geltende Lockerung, wonach der Brocken wieder frei für Besucher aus allen deutschen Bundesländern ist, sei eine wichtige Voraussetzung.

„Wir hoffen, dass auch die Holländer und Dänen wieder kommen dürfen“, sagt er. „Wir sind eine GmbH und von jedem Euro, den wir verdienen oder nicht verdienen, abhängig. Wir gehen jetzt volles Risiko ein und hoffen, dass wir Ende des Monats unsere Gehälter bezahlen können.“ Das Land sei ihnen entgegenkommen. „Es hat unsere Mietzahlungen ausgesetzt. Das hilft – und dass die Landesregierung die Grenzen geöffnet hat, erleichtert uns den Schritt aus der Kurzarbeit erheblich.“

Im Juni aus der Kurzarbeit

Denn die Phase der Kurzarbeit werde für die Mitarbeiter im Juni beendet. Auch das Café im Brockenhaus öffnet am Dienstag nach Pfingsten unter den Auflagen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands.

Das Team blicke jetzt zuversichtlich auf die nächsten Monate: „Viele rechnen damit, dass die Deutschen verstärkt im Inland Urlaub machen werden“, so der Museumschef. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass 20 Millionen Deutsche an die Ostsee fahren. Einige werden auch in den Harz reisen.“ Und viele von ihnen werden, so die Hoffnung, auf den Brocken wandern und das Brockenhaus besuchen.