Braunlage l Mit einem für den Harz neuartigen Hotelkonzept will Meik Lindberg in diesem Sommer so richtig durchstarten. Geöffnet habe er bereits, doch die letzten Bauarbeiten in einem der Häuser des Hotelkomplexes laufen noch. Oder besser, liefen. Denn das dafür eingeplante Geld wird derzeit für die anfallenden Betriebskosten benötigt. Einnahmen bleiben aufgrund der Corona-Krise aus, Touristen dürfen aktuell nicht einchecken. Trotz der Einschränkungen wollen der Hotelbetreiber und sein Team etwas Gutes tun. Sie haben eine ungewöhnliche Benefizaktion ins Leben gerufen.

„Wir haben technisch sehr gut ausgestattete Zimmer. Diese wollen wir Denjenigen, die im Notstand sind und nicht zu Hause arbeiten dürfen, umsonst zur Verfügung stellen“, umreißt Meik Lindberg die Idee. „Die Zimmer sind sowieso leer. Wenn zusätzlich Strom und Wasser verbraucht wird, ist das das Kleinste, was wir in der Situation beisteuern können.“ Die Ausgaben seien überschaubar.

Bedingungen für kostenlosen Aufenthalt

Voraussetzung sei, dass die Anreise aus geschäftlichen Gründen erfolgt. „Es gibt bislang viele Interessenten. Leider zieht die Aktion auch viele Nutznießer an, die denken, sie könnten hier kostenfrei Urlaub machen“, berichtet der 51-Jährige. Sogar zwei Spontanbesucher habe das Personal bereits wieder wegschicken müssen. „Unser Angebot richtet sich ausdrücklich an Leute, die beispielsweise einen Corona-Fall im Wohnhaus haben und nicht dorthin zurück wollen. Oder an Start-ups, die an Hilfsmöglichkeiten in der Krise arbeiten“, stellt er klar.

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Denkbar wäre auch die Unterbringung von einem Elternteil, dem im Homeoffice die Decke auf den Kopf falle. „Ich habe drei Kinder. Als die klein waren und wir vielleicht in einer kleinen Wohnung gelebt hätten, hätte ich mir das auch nicht vorstellen können“, gibt er zu. „Die meisten, die Homeoffice machen, haben das vorher nie getan. Von morgens bis in den späten Nachmittag hinein Leistung bringen, ist was anderes, als nur am Abend mal die E-Mails zu checken.“

Letztendlich sei die Annahme der Gäste mit ihren individuellen Gründen eine Abwägungssache. Die Entscheidung werde dann in Absprache mit dem Gesundheitsamt Goslar getroffen. Zunächst sei die Behörde von der Aktion nicht begeistert gewesen, jetzt arbeite man aber zusammen. „Wir haben offen über die Idee gesprochen. Es geht darum, dass wir helfen wollen. Wir wollen aber auch, dass das Virus eingedämmt wird“, erklärt Lindberg.

Selbstbedienung statt Hotelrestaurant

Deshalb gebe es auch strenge Vorkehrungen im Hotel am Stadtrand von Braunlage. „Jeder checkt ein, ohne dass er jemanden trifft. Wir haben klassische Türkarten, die in einem Schließfach liegen und per Code entnommen werden können“, beschreibt der Geschäftsführer. Die Rezeption sei bei Fragen dennoch besetzt. Hier könne dann vom Zimmer aus angerufen werden.

Auch Frühstück oder der Besuch des Hotelrestaurants werden nicht angeboten. „Es gibt lediglich eine Selbstbedienungsstation mit Getränken und Schokoriegeln. Ansonsten müssen die Gäste sich etwas liefern lassen oder selbst in die Stadt fahren und einkaufen“, verdeutlicht Lindberg.

Am morgigen Mittwoch ist Premiere. Erwartet werden zwei Männer aus Oldenburg, die bis Karfreitag bleiben wollen. Laut Meik Lindberg handelt es sich dabei um ein Start-up, dass an einer digitalen Lösung zur Unterstützung logistischer Prozesse für Hilfskrankenhäuser arbeite.

Maximal fünf Tage dürfen die Aktions-Gäste bleiben. Für die allgemeine Hygiene müsse dann das Zimmer gereinigt werden. Schließlich gebe es ja auch eine Zeit nach Corona. Am 1. Juli ist die offizielle Eröffnung des Hearts Hotels Braunlage geplant. Dann sollte eigentlich der komplette Ausbau abgeschlossen sein. Von 69 geplanten Zimmern seien derzeit 58 für den Betrieb hergerichtet. „Wir haben mitten in der Bauphase aufgemacht, sind zusammen mit den Gästen in die Materie reingewachsen“, blickt der 51-Jährige zurück.

Er selbst kommt aus der digitalen Branche. Vor 20 Jahren gründete er in Stuttgart die Plattform Fotokasten.de. Zwischenzeitlich lebte er sechs Jahre in Kalifornien, hat unter anderem mit Tesla an einer App für E-Autos gearbeitet. „Ich hatte Bock auf was Neues, was Emotionaleres“, erzählt Meik Lindberg. „Früher war ich viel unterwegs, habe oft in Hotels geschlafen. Aber es war nie das Perfekte dabei. Durch einen Zufall habe ich in Kalifornien ein kleines Hotel gekauft.“ Dieses herzurichtet und zu sehen, wie die Leute es annehmen, sei etwas Wundervolles gewesen. Zurück in Deutschland kam dann der nächste Zufall. Als der damalige Hamburger zu Weihnachten in Braunlage war, lernte er jemanden aus der Hotelbranche kennen. Kurze Zeit später ergab sich die Gelegenheit, ein geeignetes Gelände in Braunlage zu erwerben.

Das Konzept wendet sich laut Lindberg vorwiegend an 30- bis 40-Jährige, „die aus Stadt ausbrechen wollen und authentisches Design suchen“. Und die Idee kommt an. „Wir waren im Februar zu 87 Prozent ausgelastet, zu Ostern sogar ganz ausgebucht“, verrät der Hotelbesitzer. Doch statt Urlauber zu begrüßen müssen er und sein Team jetzt vor allem eins: Durchhalten. Die 31 Mitarbeiter – darunter zwölf Vollbeschäftigte, drei Auszubildende sowie Hilfskräfte auf 450-Euro-Basis – habe er in Kurzarbeit schicken müssen.

Der Corona-Krise könne er dennoch etwas Positives abgewinnen. „Viele Menschen und Unternehmen machen derzeit Dinge, die sie bislang vor sich hergeschoben haben, beispielsweise Videokonferenz. Das hat einen positiven Effekt, bringt die Wirtschaft nach vorn und macht sie moderner“, ist er sich sicher. Dennoch hoffe er, dass bald wieder Normalität einkehre. „Ich vermute, dass es in Stufen wieder losgeht“, zeigt er sich optimistisch.

Anfragen für einen Homeoffice-Platz im The Hearts Hotel können per E-Mail unter work@heartshotel.com oder über die Hotel-Website www.thh622.de gestellt werden.