Corona

Darum sehen Harzer Mediziner die gerade von der Politik beschlossenen Lockerungen für Geimpfte und Genesene kritisch

Bundestag und Bundesrat haben Lockerungen für Geimpfte und Genesene beschlossen. Die Volksstimme hat Ärzte und Betroffene gefragt, was sie davon halten.

Von Dennis Lotzmann und Sandra Reulecke
Kunden, die zum Friseur gehen - zum Beispiel zu Sybille (rechts) und Yvonne Kallnischkies in den Wernigeröder Salon Haargenau, müssen keinen negativen Corona-Test (beispielsweise mit Handy-App) mehr vorlegen, wenn sie  mit ihrem gelben Impfausweis  nachweisen können, dass sie vollständig geimpft  sind.
Kunden, die zum Friseur gehen - zum Beispiel zu Sybille (rechts) und Yvonne Kallnischkies in den Wernigeröder Salon Haargenau, müssen keinen negativen Corona-Test (beispielsweise mit Handy-App) mehr vorlegen, wenn sie mit ihrem gelben Impfausweis nachweisen können, dass sie vollständig geimpft sind. Foto: Sandra Reulecke

Landkreis Harz

Dr. Sheila Holler, ihres Zeichens Vize-Chefin im Kreis-Gesundheitsamt, rechnet mit einer neuen Welle. Keine vierte Corona-Infektionswelle, sondern eine Welle von Bürgeranfragen. Auslöser: Die von Bundestag und Bundesrat auf den Weg gebrachten Lockerungen für Menschen, die vollständig gegen Covid-19 immunisiert sind oder aber eine Corona-Infektion überstanden haben und damit für eine gewisse Zeit als immun gelten. Während Erstere lediglich ihren Impfausweis als Nachweis vorlegen müssen, dürften Letztere nun zuhauf wegen entsprechender Bescheinigungen auf das Amt zukommen.

Dessen ist sich Dr. Holler bewusst. Schließlich werden Genesene und Geimpfte ab dem morgigen Sonntag negativ getesteten Personen faktisch gleichgestellt. Mehr noch: Der Impfausweis oder der entsprechende positive PCR-Labortest ersetzen für diese Menschen nicht nur den negativen Schnelltest beispielsweise beim Friseurbesuch, sondern ermöglichen auch wieder mehr Kontakte oder Ausgangsmöglichkeiten.

8100 Covid-Infektionen im Landkreis Harz

Dreh- und Angelpunkt: Genesene müssen den Fakt ihrer überstandenen Covid-Infektion und das Datum laut Bundesverordnung mittels PCR-Test nachweisen. Und hier, erklärt Dr. Holler, liege der Hase im Pfeffer: „Wir hatten zunächst gehofft, dass auch die von uns ausgefertigten Isolations- und Quarantäneanordnungen ausreichen. Sind sie aber nicht, weil eine PCR-Test-Bescheinigung gefordert wird.“ Deshalb sei im Amt gerade eine solche Bescheinigung als Vordruck in Arbeit. Alsdann heiße es abwarten, wie viele Personen sich melden. Wohin die Reise gehen könnte, macht der Blick auf die Statistiken klar: Bislang gab es kreisweit gut 8100 Covid-Infektionen – „wir können jetzt aber unmöglich 8100 Bescheinigungen ausstellen“, so Dr. Holler. Das aber könnte passieren, wenn die Betroffenen ihre alten PCR-Test-Nachweise nicht mehr zur Hand haben oder sie beispielsweise an ihre Arbeitgeber weitergereicht haben.

Zu den neuen Bundesvorgaben hat Dr. Holler – ganz persönlich – eine eher kritische Sicht. Die Lockerungen kämen, gerade mit Blick auf die Frage der Gerechtigkeit zu früh, findet sie. Viele, die sich impfen lassen wollen, könnten das aktuell noch nicht, weil mengenmäßig Impfstoff fehle und sie zu jung seien.

Zudem sei die Definition „genesen“ nicht unproblematisch. Früher sei man nach überstandener Infektion von einem dreimonatigen Immunschutz ausgegangen – nun von einem sechsmonatigen. Absolut verbrieft sei all das aber nicht.

Und das gelte auch für die Impfung. Ja, sie biete einen hohen Schutz, keineswegs aber einen 100-prozentigen. „Deshalb sehe ich die große Gefahr, dass sich die Menschen nach dem Motto ,Alles ist wieder gut’ in einer falschen Sicherheit wähnen und nötige Vorsichtsregeln wie Mundschutz und Abstand außer acht lassen. Genau das aber bleibt.“

Mediziner: Trotz Lockerung weiter mit viel Vorsicht

Da sieht auch Dr. Tom Schilling, Chefarzt und Ärztlicher Direktor für die Harzklinik-Standorte Wernigerode und Blankenburg, den Knackpunkt. Egal, ob genesen oder geimpft, „man sollte sich immer so verhalten, als könnte man jemanden anstecken oder angesteckt werden“, warnt er. Denn genau das könnte passieren. Auch im Harzklinikum sei es bereits vorgekommen, dass Patienten wie Mitarbeiter mehrfach an Corona erkrankten oder bei vollständig Geimpften der Test positiv ausfiel. „Wir wissen aus israelischen Studien, dass Geimpfte zu 90 Prozent weniger häufig erkranken, die Verläufe meist deutlich milder sind und weniger Viren weitergeben werden“, erläutert Schilling. Zehn Prozent Restrisiko seien aber nicht zu unterschätzen.

Lehnt der Mediziner Lockerung also ab? „Nein. Ich sehe Lockerungen nicht kritisch, solange sich alle weiter strikt an die Regeln halten.“ Maske tragen, Handhygiene, Abstand halten – das dürfe trotz aller Freude über zurückgewonnene Freiheiten nicht vergessen werden.

Nicht nur wegen des Restrisikos einer Ansteckung trotz Impfung oder bereits überstandener Erkrankung. Alles, was mit Corona zusammenhängt, sei auch für Experten eine völlig neue Situation, Langzeitstudien und Erfahrungswerte könne es noch nicht geben. Wie lange hält das Immun-Gedächtnis nach einer Genesung an, wie lange die Immunität dank des Impfstoffes? Das sei zum aktuellen Zeitpunkt schwer zu sagen – zumal jeder Körper anders reagiere, wie etwa aus Erfahrungen etwa mit Hepatitis-B-Impfungen bekannt sei.

Bedenklich ist für Schilling auch, dass es aktuell keinen rechtssicheren Nachweis für Impfungen gebe – immer häufiger machen Meldungen von gefälschten Impfausweisen die Runde. Und ein Attest für Genesene? Wie das funktionieren soll, könne auch er sich noch nicht so ganz vorstellen.

Neuland bedeuten die Regeln nicht nur für Mediziner, sondern auch für die, denen Atteste, Impf- und Testnachweise nun vorgelegt werden sollen. Eine von ihnen ist Stefanie Hofmeister, Friseurmeisterin aus Reddeber. Gesundheitsamt, Handwerkskammer, Berufsgenossenschaft – wo immer sie versucht, sich über die aktuellen Regelungen zu informieren, erhalte sie oft unterschiedliche Aussagen. „Es ist schon spannend und speziell, dass jeden Tag etwas Neues hinzukommt oder sich ändert“, sagt sie sarkastisch. Das sei mit Aussicht auf die Lockerungen nicht anders. „Es gab schon einige Leute, die anriefen und sagten, dass sie genesen seien“, berichtet Hofmeister. Bislang habe sie solche Kunden nur mit Attest eines Arztes frisiert.

Friseurin arbeitet mit mulmigem Gefühl

Und auch dann habe sie kein gutes Gefühl. „Geimpft oder genesen zu sein heißt ja nicht, dass die Person nicht dennoch Corona hat“, erläutert sie ihre Befürchtungen. Auch Tests seien keine absolute Garantie, würden aber mehr Sicherheit geben. Selbsttests, die Kunden mitbringen oder die im Laden gemacht werden, lehne sie ab. „Wir haben ganz einfach nicht die Ausbildung dafür, um sicherzustellen, dass sie richtig angewendet werden. Außerdem sind wir hier mit Testzentren gut aufgestellt. Das funktioniert unkompliziert.“

Allerdings sei das Verständnis der Kunden nicht unbedingt gegeben. „Es gibt genug Rebellen, die es ablehnen, sich testen zu lassen und deshalb ihre Termine absagen“, berichtet Stefanie Hofmeister. Bei den Senioren – viele von ihnen schon vollständig geimpft – und der jüngeren Kundschaft sei die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten, groß. „Die Rebellen sind meist die Generation 40 plus.“

In ihrem Geschäft „Fhaarenheit44“ in Wernigerode merke sie einen deutlichen Einbruch der Kundenzahlen. Maske tragen und Tests – das schrecke ab. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr von den Tests haben, als zum Friseur und in den Bürgerpark gehen zu können. Sie sollten in den 24 Stunden mehr Freiheiten genießen. Dann sind auch mehr dazu bereit, sich testen zu lassen“, betont die Laden-Inhaberin.