Fußball-EM

Deutsch-englische Fußballbegeisterung

Wenn das Spiel zwischen Deutschland und England angepfiffen wird, werden Jana Rieche und Ron Kelly in Wernigerode mitfiebern - für unterschiedliche Teams.

Von Jörg Niemann
Jana Rieche und Ron Kelly werden gemeinsam das Spiel Deutschland gegen England verfolgen.
Jana Rieche und Ron Kelly werden gemeinsam das Spiel Deutschland gegen England verfolgen. Foto: Jörg Niemann

Wernigerode - Eigentlich sei sie ja gar kein so großer Fußballfan, bekennt die Wernigeröderin Jana Rieche. Aber am Dienstagabend sei dies etwas anderes, sagt die Angestellte eines Wernigeröder Hotels, die das Achtelfinalspiel der Fußball-EM 2020 zwischen den Männer-Nationalteams England und Deutschland gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ron Kelly vor dem heimischen Fernseher gucken wird.

Der Berufsmusiker, der als Schlagzeuger zusammen und Chris Norman und weiteren späteren Smokie-Musikern in jungen Jahren die Band gründete, kurz vor dem Durchbruch aber „Smokie“ verließ, ist begeisterter Fußball-Fan. Er hat sogar selbst in der Jugend- und der Reservemannschaft für Huddersfield FC gespielt, jener Mannschaft, die unter dem deutschen Teammanager David Wagner kürzlich für zwei Jahre in der Premier League spielte, zuletzt aber in die dritte Liga abgestiegen ist.

Die Tore von Wembley und Huddersfield

Ron Kelly, 1950 in Winchester geboren, erinnert sich ganz besonders gern an sein erstes Tor für Huddersfield. Er schoss es während seines Probetrainings für den Club am 30. Juli 1966 in einem Testspiel. Es war ausgerechnet jener Tag, an dem später ein gewisser Geoff Hurst bei der WM in England in der 101. Spielminute das später als Wembley-Tor in die Geschichte eingegangene Tor für England erzielte. Ron Kelly ist sich auch heute noch ganz sicher, dass es ein regulärer Treffer war, wenngleich sein Schmunzeln Raum für Interpretation ließ.

Heute nun, knapp 55 Jahre später, stehen sich wieder die beiden Dauerrivalen gegenüber. Wieder im Wembley-Stadion, allerdings im neuerbauten Fußball-Tempel der britischen Hauptstadt. Ron Kelly glaubt an einen 2:1-Sieg seiner Engländer, die er selbstverständlich in seinem Herzen trägt.

Seine Lebensgefährtin Jana Rieche hat mit Fußball eigentlich recht wenig am Hut, aber am Abend wird sie mit Ron vor dem Fernseher sitzen. Beide werden das Spiel übrigens über einen englischen Sender verfolgen, denn obwohl er schon einige Jahre in Deutschland lebt, hadert Ron Kelly mit der deutschen Sprache – vor allem der Grammatik. Jana Rieche respektiert die Fußball-Leidenschaft ihres Lebensgefährten, auch dann „wenn er öfter mal den Fernseher anbrüllt“, wie sie schmunzelnd erzählt.

Respekt für den sportlichen Gegner

Deshalb ist es ihr eigentlich egal, wer letztlich gewinnt – für sie ist es nur ein Fußballspiel und sie gönnt es der besseren Mannschaft, in die nächste Runde einzuziehen. „Hauptsache der Fernseher bleibt während des Spiels ganz“, sagt sie.

Ron Kelly ist zwar ein wenig fußballverrückt, vor allem aber auch ein fairer Sportsmann. In seiner Wahlheimat hat er sich dem FC Einheit Wernigerode als Fan verschrieben und fällt auf der Tribüne das eine oder andere Mal auf. Dann nämlich, wenn auch der sportliche Gegner des FC Einheit eine gelungene Aktion auf dem Platz zeigt. Dann ist der Engländer oft der einzige im Einheit-Block, der dem Kontrahenten applaudiert. „Anfangs bin ich damit aufgefallen, inzwischen haben sich die anderen an meine Art des sportlichen Respekts gewöhnt“, sagt er.

Scheidet England aus, dann Daumendrücken für Deutschland

Und was passiert, wenn die deutsche Mannschaft am Dienstag (29. Juni) seine „Three Lions“ aus dem Turnier kickt? Davon will Ron Kelly verständlicherweise zunächst nichts wissen. Aber sollte es doch passieren, dann wird er für den Rest des Turniers den Deutschen die Daumen drücken. Schließlich spielen sie für das Land, in dem er seine große Liebe, eine neue Heimat und viele Freunde gefunden hat.