Wernigerode l Hungrige Kinder können ungeduldig, quengelig und laut sein – wie laut, das wird in dem kleinen Flachbau deutlich, der sich neben der Diesterweg-Grundschule in Wernigerode befindet. Eine lange Schlange hat sich vor der Essensausgabe gebildet. In einem schmalen, fünf Quadratmeter großen Raum stehen zwei Küchenfrauen und teilen die beiden Mahlzeiten des heutigen Tages aus: Gemüsesuppe und Griesbrei.

Die ausgefüllte Karte mit ihrem Wunschessen müssen die Kinder griffbereit haben, damit es rasch voran geht. Denn der Raum bietet gerade einmal Platz für 45 Kinder. Damit alle satt werden, essen die Klassen in sechs Etappen. Die ersten beginnen um 11 Uhr, die letzten Kinder nehmen ihr Mittag ab 13 Uhr zu sich. Dann stoßen zu den Grundschülern noch 35 Jugendliche aus der benachbarten Thomas-Müntzer-Sekundarschule. Wer dann in der Schlange steht, um auf das Mittagessen zu warten, muss sich beeilen. Denn um 13.30 Uhr werden die Kinder im Hort erwartet, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Für das Mittagessen bleiben häufig nicht mehr als zehn Minuten Zeit, berichtet eine Mutter.

Lösung ist größerer Raum

Die Aufsicht über die Essensausgabe haben die Lehrer. Sie finden den Zustand unhaltbar. „Wir schleusen die Kinder regelrecht durch“, sagt Schulleiterin Ingrid Mehlhorn. „Die Situation ist der Tatsache geschuldet, dass die Stadtverwaltung vor zehn Jahren den großen Speisesaal in der Schule dem Hort zugesprochen hat und wir seitdem den Flachbau für die Essensausgabe nutzen müssen“, erklärt sie. Seit zehn Jahren werden in der ehemaligen Hausmeisterwohnung täglich mehr als 200 der insgesamt 268 Schulkinder mit Schulspeisung versorgt. „Die Lösung wäre ein größerer Speiseraum. Und eine ordentliche Küche“, sagt die Direktorin. Die alte Küche sei mit 25 Quadratmetern fünfmal so groß gewesen, im alten Speiseraum hätten 90 Kinder Platz gefunden.

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„Wir müssten theoretisch um 10 Uhr mit der Essensausgabe beginnen, um bis 13 Uhr alle versorgt zu haben“, sagt Marit Dannewitz. Die Lehrerin ist die Vorsitzende des Personalrates. Auch sie belastet der Stress, dem die Kinder mittags ausgesetzt sind. Ob sich die Eltern nicht an der Situation stören? „Der Förderverein hat uns in der Vergangenheit bereits tatkräftig unterstützt und dafür gesorgt, dass der Eingangsbereich ausgebaut wurde, damit die Kinder bei Wind und Wetter nicht draußen stehen müssen“, sagt sie. Mehr Kapazitäten gebe das Gebäude nicht her.

Dass es bei der Speisenausgabe „brennt“, bestätigt auch Anke Brückner, die Chefin der Stadtküche, die die Diesterweg-Grundschule und weitere Schulen mit Essen versorgt. „Solche Zustände kenne ich aus keiner anderen Einrichtung“, sagt sie. Die Räume seien alles andere als geeignet für eine Essensausgabe. Ein kleiner Wasserboiler in der Toilette erhitzt das Wasser, das die beiden Küchenfrauen für den Abwasch brauchen. Denn in der Diesterweg-Grundschule wird das Geschirr – täglich mehrere Hundert Teller – noch per Hand abgewaschen. Für knapp zwei Becken reiche das warme Wasser. „Das ist nicht haltbar“, sagt Anke Brückner. „Alle anderen Schulen verfügen über industrielle Geschirrspüler.“

Abläufe in Schule anpassen

Die Kritik der Schulleitung richtet sich an die Stadtverwaltung. Denn während die Lehrer beim Land angestellt sind, obliegen die Schulgebäude der Stadt. Ingrid Mehlhorn sieht deshalb die Verwaltung in der Pflicht, etwas an den Zuständen zu ändern.

„Die Situation der Essensausgabe ist nicht akzeptabel“, räumt Christian Fischer unumwunden ein. Der Dezernent für Gemeinwesen in Wernigerodes Stadtverwaltung habe bereits drei Kontrollen durch städtische Bedienstete veranlasst und eine Anfrage an das Landesschulamt gerichtet. „Möglicherweise kann der Stundenplan optimiert werden, sodass die Essensausgabe bis 13 Uhr gewährleistet werden kann“, so Fischer. Zudem habe er vom Landesschulamt wissen wollen, ob ausreichend Lehrer und pädagogische Mitarbeiter in der Diesterweg-Schule im Einsatz sind, sodass die Schule ihren Aufgaben nachkommen kann.

Unzumutbar sei es Christian Fischer zufolge besonders für die vierten Klassen, erst ab 13 Uhr essen zu können: „Darüber muss man gar nicht diskutieren, das muss sich ändern.“ Die Kinder hätten einen langen Schultag hinter sich und seien hungrig. „Die Schule ist bis 13 Uhr in der Betreuungspflicht. In dieser Zeit hat die Essensversorgung stattzufinden“, so der Dezernent.

Hygiene unter der Lupe

Er habe zudem Vertreter des Landkreises gebeten, sich ein Bild von den hygienischen Bedingungen zu machen. „Es werden Kontrollen durchgeführt“, so Fischer. Stellt sich heraus, dass der Speiseraum zu klein ist, könne eine Containerlösung in Erwägung gezogen werden, um zusätzlichen Platz zu schaffen. „In erster Linie sehe ich aber das Land in der Pflicht, die Abläufe im Unterricht so anzupassen, dass in der vorgesehenen Zeit gegessen werden kann“, so der Dezernent. Nach den Herbstferien sollen die Ergebnisse vorliegen.

Eine erste Entlastung wird laut Fischer bereits im November eintreten, da die Müntzer-Schüler dann in ihrer eigenen Schule speisen sollen. Schulleitung und Kreisschulamt seien gebeten worden, innerhalb der nächsten vier Wochen die Voraussetzungen für eine Essensausgabe in der Sekundarschule zu schaffen. „Solange können die Jugendlichen natürlich weiter gemeinsam mit den Grundschülern in der Diesterweg-Schule essen“, sagt Christian Fischer. Guten Morgen