Trautenstein l Die Ursprünge des Dorfgemeinschaftshauses in Trautenstein reichen bis ins Dritte Reich zurück. Nun sorgt eine Reminiszenz an die Entstehungszeit für Wirbel im Dorf an der Rappbode. Am Giebel des markanten Gebäudes prangt seit Monaten ein hölzener Adler, Blickrichtung nach rechts.

Dabei handelt es nicht um einen Reichsadler. Stattdessen wurde die Figur „von Hitler persönlich nach der Machtergreifung als Parteiadler der NSDAP kreiert“, wie Stephanie und Holger Scharun aus dem Oberharz-Ortsteil berichten. „Wir haben keine Freude daran, unter dem Nazisymbol in unserem Dorf zu leben.“

Kein Verstoß gegen Gesetze

Da das Hakenkreuz bei der Trautensteiner Variante fehlt, verstoße die Greifvogel-Skulptur zwar nicht gegen das Verbot von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Dennoch befürchtet die Familie einen „Husarenstreich der neuen Rechten.“

„Er hat nur kurze Diskussionen ausgelöst, ist letztlich unwidersprochen durchgegangen. Kein Aufschrei, kein Protest, kein Veto der Bürgerschaft, der Vereine, Kirchen oder des Ortsrates“, kritisieren Scharuns – und befürchten eine schleichende Unterwanderung des Dorfes von Rechtsradikalen.

Ortsbürgermeister hält Figur für Schmuck

Dem widerspricht Mathias Vogel, seit Juli Ortsbürgermeister, vehement: Der Einzelbewerber auf CDU-Liste sehe „keine Veranlassung, bezüglich des Adlers zu intervenieren“. Die Sponsoren der Skulptur hätten die Genehmigung, die Figur anbringen zu dürfen, vor seiner Amtszeit selbständig bei der Oberharz-Stadtverwaltung als Eigentümer des Gebäudes eingeholt. Die Holzfigur sei lediglich als Schmuck gedacht, damit würden keine politischen Ziele verfolgt, so Vogel auf Volksstimme-Anfrage.

„Da das DGH Trautenstein ja bekannterweise in der Zeit des Nationalsozialismus gebaut wurde, kann ich in der Intention der Sponsoren bestenfalls zeitgeschichtliche Erwägungen erkennen, welche aber keinerlei Verherrlichung des damaligen Regimes im Dritten Reich oder auch antisemitischer Vorfälle der Gegenwart beeinhalten“, schreibt der Ortsbürgermeister weiter.

Stattdessen hätten die Einwohner des Dorfes – soweit ihm bekannt – etwa den „antisemitischen Anschlag in Halle in Gesprächen stets verurteilt“. Vogel konnte und könne „in Trautenstein zudem keine Tendenzen außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erkennen“. Wer sich dennoch Sorgen mache, sei für Montag, 25. November, eingeladen, seine Bedenken in der Ortschaftsratssitzung während der Einwohnerfragestunde vorzutragen. Diese beginnt um 19 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus, Schützenstraße 11.

Sorge um Außendarstellung des Dorfes

Um die Außendarstellung des Dorfes sorgt sich unterdessen Oberharz-Bürgermeister Ronald Fiebelkorn. Der Christdemokrat hält das Erscheinungsbild der Figur für „problematisch – egal ob rechtlich gedeckt oder nicht“. „Diese Adler-Darstellung lässt einfach zu viel Interpretationsspielraum zu – gerade in der heutigen Zeit“, sagt das Stadtoberhaupt auf Volksstimme-Anfrage.

Hintergrund: Die Anfänge des markanten Gebäudes liegen im Jahr 1936, als Trautenstein zum „Schönsten Dorf des Kreises Blankenburg“, später sogar zum Musterdorf für die Region (Gau) gekürt wurde. Richtfest für den Rohbau wurde im September 1938 gefeiert, wie Chronist Rainer Rosenberg in seiner Ortsgeschichte „Unterm Druidenstein“ schreibt. Die Nordhäuser Zeitung feierte den Bau sogar als „1. Dorfgemeinschaftshaus Deutschlands“. Der Zweite Weltkrieg ab 1939 verhinderte allerdings die Fertigstellung des Gebäudes.

Haus sollte in DDR gesprengt werden

Danach sollte es wegen seiner Entstehung in der Nazizeit sogar gesprengt werden, vermerkt Chronist Rosenberg. Doch dazu kam es nicht. Im Gegenteil: 1950 wurde der Saal fertig ausgestattet. Gemeindebüro, Werkraum, Landwirtschaftsbetrieb und eine Schwesternstation zogen in das nun „Kulturhaus“ genannte Gebäude.

Anfang der 1970er Jahre übernahm der Feriendienst der DDR das Haus. Nach der Wende 1989 blieben die Urlauber jedoch bald aus. Seit 1990 ziehen Gastwirte mal ein und wieder aus, hatten Ortschefs hier ihr Büro, wurde das Gebäude stückweise saniert.

Noch immer sei der einstige Vorzeigebau aus der Nazizeit sei der „Dreh- und Angelpunkt des Vereinslebens“ im Ort an der Rappbode, wie es Ortschef Vogel ausdrückt. In den vergangenen Jahre gab es mehrmals Bemühungen, das marode Gebäude zu sanieren, die aber wegen der klammen Kassen der Stadt Oberharz am Brocken scheiterten.