Blankenburg l Wer seit gestern aufmerksam durch Blankenburgs Straßen geht, kann im wahrsten Sinn über kleine Gedenksteine stolpern. Die elf mal elf Zentimeter großen, mit einer blank polierten Messingkappe besetzten Pflastersteine, berichten unter anderem mit Geburtsdaten und Namen über das Schicksal jüdischer Blankenburger, die vor allem nach den Novemberpogromen 1938 von den Nationalsozialisten verfolgt, misshandelt, deportiert und in den meisten Fällen ermordet wurden. An sieben Orten, an denen diese Menschen einst in Blankenburg lebten und arbeiteten, hat der Künstler Gunter Demnig solche Stolpersteine am Sonntagmorgen in das Straßenpflaster eingesetzt.

Jahrelange Recherche

Vorausgegangen war eine akribische Recherchearbeit, die sich über nahezu 20 Jahre erstreckte. Daran erinnerte Christa Grimme, die letztlich dafür sorgte, dass die Stolpersteine für Blankenburg finanziert werden konnten. Umso mehr freute sie sich, das Dr. Stefan Küchler die Verlegearbeiten mit verfolgte. Er hatte einst als Leiter der Sekundarschule „August Bebel“ den Anstoß dafür gegeben, dass in einem Schülerprojekt über das jüdische Leben in Blankenburg geforscht wurde. Dabei stießen die Jugendlichen auf ein Dutzend Namen: So unter anderem die Kaufmannsfamilien Crohn, Meyer und Westfeld, den damaligen Direktor der Harzer Werke, Dr. Siegfried Sokolowski, den Eisenwarenhändler Conrad Hesse, die Schwestern Margarete und Lina Herz und die Arztwitwe Anna Louise Ewh.

Gegen das Vergessen

An ihr Schicksal wird nun mit diesen Stolpersteinen erinnert - „Gegen das Vergessen der Opfer und gegen das Vergessen der Gräueltaten“, wie es Christa Grimme formulierte. Und: „Als Mahnung an uns alle, nicht zuzulassen, dass sich wieder in unserem Land Menschen breit machen, die Andersdenkende und Andersgläubige ausgrenzen und der Verfolgung preisgeben.“

Bilder

Für die Verlegung der Stolpersteine hatte Christa Grimme gemeinsam mit Gunter Demnig zu einem würdevollen Stadtrundgang eingeladen - musikalisch umrahmt von Desiree Bienert aus Quedlinburg, die an jeder Stelle, an der ein Stolperstein verlegt wurde, ein Klezmer-Stück auf der Klarinette spielte. Christa Grimme, Schüler der August-Bebel-Schule sowie weitere Förderer des Projektes berichteten außerdem über das Schicksal der nun namentlich bekannten Opfer, über die Ereignisse in und nach der Pogromnacht in Blankenburg und in anderen Städten sowie über das perfide System, wie Deutsche Bahn, Reisebüros und SS von den Transporten in die Konzentrationslager profitierten.

Nicht alle Schicksale bekannt

Zum Auftakt der Verlegeaktion begrüßte Christa Grimme am Marktplatz zahlreiche Freunde, Mitstreiter und Förderer ihres Herzensprojektes. Darunter auch Bürgermeister Heiko Breithaupt (CDU) der vor dem Eckhaus Tränkestraße/Lange Straße daran erinnerte, dass diese Aktion ganz bewusst auch vom Stadtrat mit großer Mehrheit getragen und von der Stadtverwaltung begleitet und unterstützt wurde.

75000. Stein wird verlegt

Aus heutiger Sicht sei es nicht zu verstehen, wie von einem Moment auf den anderen Menschen aus ihrem Haus, ihrer Bleibe vertrieben werden und man nie wieder etwas von ihnen höre, so das Stadtoberhaupt. Nicht weniger erschüttert sei er aber auch davon, wie nach dem Krieg mit den Unterlagen dazu umgegangen wurde. Vieles sei als Altpapier verbrannt worden. Das habe auch dazu geführt, dass immer noch nicht alle Schicksale aufgeklärt werden konnten.

Deshalb richtete er auch seine Bitte an die anwesenden Schüler und Lehrer der Europaschule und des Gymnasiums „Am Thie“, weiter an einer Erinnerungskultur zu arbeiten.

Während sich einige der Begleiter bei koscherer Kichererbsensuppe, Tee und Kaffee aufwärmen konnten, ging der Sonntag im Harz für Gunter Demnig noch arbeitsreich weiter. Er verlegte weitere Stolpersteine in Quedlinburg und Bad Gandersheim. Am 29. Dezember, so der Kölner Künstler, werde er seinen 75 000. Stein in Memmingen im Allgäu verlegen - vor dem Wohnhaus des dortigen AfD-Vorsitzenden.