Wernigerode l Dichte Rauchschwaden steigen in den Himmel empor. Zahllose Passanten sind stehen geblieben und sehen schockiert zu, wie Qualm unter den Dachziegeln hervorquillt. Dann schlagen erste Flammen aus dem Dach. Das Nebengebäude des spanischen Restaurants „Bodega“, eines der ältesten an der Wernigeröder Marktstraße, ist am Montagvormittag einem Großbrand zum Opfer gefallen.

Der Alarm geht um 11.07 Uhr bei den Feuerwehren ein, ausgelöst wurde er durch einen Anruf von Alexander Kasten, dem Eigentümer der Restaurants „Bodega“ und „Altwernigeröder Kartoffelhaus“. Die beiden Lokale samt dazugehörigem Hotel liegen nebeneinander in der Marktstraße.

Die sogenannte Hamme, das holzverkleidete Nebengebäude, das zur „Bodega“ gehört, liegt an der Ecke Teichdamm, vis-à-vis der Blumenuhr und hinter dem Rathaus. Am Montagmorgen richtet Kasten den Biergarten des „Kartoffelhauses“ her, als er Brandgeruch wahrnimmt. Er setzt besagten Notruf ab, die Feuerwehr ist kurz darauf vor Ort. „Es stellte sich heraus, dass der Dachstuhlbrand in vollem Gange ist“, sagt Marco Söchting, Wernigerodes stellvertretender Stadtwehrchef, und Einsatzleiter an der „Bodega“.

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Zahlreiche Wehren im Einsatz

Mit einem Großaufgebot von rund 100 Kameraden kämpfen die Wehren gegen die Flammen. Die Brandschützer gehören zur hauptamtlichen Wachbereitschaft und der freiwilligen Feuerwehr Wernigerode. Hinzu kommen Kräfte der Wehren aus Benzingerode, Darlingerode, Derenburg, Drübeck, Ilsenburg, Minsleben, Reddeber, Schmatzfeld, Silstedt und Wasserleben, ebenso die hauptberuflichen Kameraden des Wernigeröder VEM-Werkes. Insgesamt 26 Fahrzeuge rücken an, inklusive zweier Drehleitern.

Binnen zwei Stunden bringen die Feuerwehrleute den Dachstuhlbrand weitgehend unter Kontrolle. Insbesondere wollen sie verhindern, dass das Feuer auf das benachbarte Gebäude übergreift. Während Kameraden von der Wernigeröder Drehleiter aus den Dachstuhlbrand löschen, wässern und kühlen ihre Kollegen auf der Drehleiter aus Ilsenburg, die in der Marktstraße aufgebaut wurde, das nebenstehende Haus. Mit Erfolg: „Das Hotel hat keinen Schaden genommen“, so Söchting später. Dazu beigetragen habe die Tatsache, dass zwischen den beiden Gebäuden eine Brandmauer steht.

Die Hamme, aus deren Dach die Flammen schlugen, hingegen ist schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Bei dem Brand sei ersten Schätzungen zufolge ein Sachschaden von mehreren hunderttausend Euro entstanden, teilt die Polizei, die den Brandort beschlagnahmt hat, mit. Verursacht habe das Feuer womöglich ein 31-Jähriger, der rund um die Gaststätte mit einem Gasbrenner Unkraut beseitigt habe, so Polizeisprecher Uwe Becker. Gegen den Mann aus der Stadt Oberharz am Brocken werde nun wegen fahrlässiger Brandstiftung ermittelt, so der Sprecher des Harzer Polizeireviers in Halberstadt.

Polizei schickt Ermittler

Erste Erkenntnisse lägen nahe, dass der Brand an einer ebenerdig gelegenen Nebentür des Gebäudes ausgebrochen sei, so Becker. Von dort könnten die Flammen auf den Dachstuhl übergegriffen haben. Endgültige Klarheit über den Ablauf soll ab heute ein Brandursachenermittler der Polizei schaffen.

Am Montagnachmittag dann erneutes Sirenengeheul in der Stadt: Das Feuer flammt kurzzeitig wieder auf. Wieder eilt die Feuerwehr zum Rathaus, die Flammen breiten sich aber nicht aus, so Söchting.

Wichtig sei, dass niemand zu Schaden gekommen ist, betont Wernigerodes bisheriger Ordnungsdezernent Volker Friedrich. Sechs Mitarbeiter einer Reinigungsfirma können das Brandhaus rechtzeitig verlassen. Friedrich lobt die Kameraden für ihren raschen und effektiven Einsatz. „Wir sind froh, dass wir eine so schlagkräftige Feuerwehr haben.“

„Bodega“-Chef Alexander Kasten wartet derweil darauf, dass die Polizei und die Gutachter der Versicherung ihre Arbeit erledigen. 2008 habe er die Hamme gekauft, die bis 2010 umfassend saniert worden sei. Wo zu DDR-Zeiten die Jugendgaststätte der Freien Deutschen Jugend, die sogenannte „Böse-Buben-Bar“, untergebracht war, entstanden damals zusätzliche Gasträume.

Das beliebte spanische Lokal ist bis auf weiteres geschlossen. „Wir werden die ,Bodega‘ auf jeden Fall wieder öffnen, wissen aber noch nicht, wie lange es dauert“, so Alexander Kasten. Neben dem Brandschaden am Dach sei der Rest des Hauses von Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen worden. Zudem habe das Feuer eine Hauptstromleitung beschädigt, die teils auch das „Kartoffelhaus“ versorgt. Dieses soll spätestens am heutigen Dienstag wieder öffnen, so Alexander Kasten.

Kulturhistorisch sei die Hamme wertvoll, sagt Wernigerodes Baudezernent Burkhard Rudo. Sie wurde um 1650 errichtet und sei eines der wenigen Gebäude der Barockzeit, das in der Marktstraße geblieben sei. „Das ist ein Stück altes Wernigerode.“