Blankenburg l Gut gemeint, schlecht gemacht - Dieses Urteil fällen zahlreiche Mediziner und Angehörige psychisch Kranker über die neue Personalrichtlinie für die Psychiatrie, die zum 1. Januar in ganz Deutschland eingeführt werden soll. Doch dagegen wächst der Protest. Am Donnerstag gingen in Blankenburg die Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Harzklinikum „Dorothea Chistiane Erxleben“ zwar nicht auf die Straße, aber immerhin in den Innenhof ihrer Klinik. Sie folgten mit ihrer Demonstration dem Aufruf mehrerer Ärzte- und Klinikverbände sowie dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker. Auf ihren Plakaten forderten sie „Mehr Zeit für Teilhabe“, „Mehr Personal für moderne Behandlung, „ Mehr Zeit für Selbstbestimmung“. Schnell füllten sich auch die ausliegenden Unterschriftenlisten. Denn damit wollen die Initiatoren erreichen, dass sich der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages mit diesem Thema befasst.

Wie Chefarzt Dr. Christian Algermissen vor Kollegen, Patienten und deren Angehörigen erläuterte, sind deutschlandweit pro Jahr rund 1,2 Millionen psychisch kranke Menschen auf eine gute stationäre Behandlung angewiesen. Während die 30 Jahre alte Richtlinie ohnehin nicht mehr den modernen Anforderungen gerecht werde, verfehle aber gerade die neue gesetzliche Vorgabe ebenfalls klar dieses Ziel.

Verluste

Dies unterstrich auch Oberarzt Jens Gregor. „Jeden Tag gehen eine Unmenge wertvoller Arbeitsstunden der Patientenversorgung an die Bürokratie verloren. Die Kontrollwut und Überregulierung werden immer weiter ausgebaut“, erklärte er. So sei mit der neuen Personalrichtlinie zwingend eine umfangreiche Dokumentationspflicht zur Einhaltung der Vorgaben erforderlich. Diese Dokumentation steige aus seiner Sicht unverhältnismäßig an, da sie nicht nur für die Klinik insgesamt, sondern für jede Station angewendet werden müsse. Zudem seien Personal-Untergrenzen festgelegt worden, die „bei weitem nicht den tatsächlichen Bedarf einer guten Versorgung abdeckt“, so der Mediziner vor der Belegschaft sowie Stadtratsmitglied Ulrich-Karl Engel und der Kreistagsabgeordneten Christine Engel (beide Bündnis 90/Die Grünen).

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Gerade in der Psychiatrie seien Beziehungsaufbau und -gestaltung wesentliche, die Therapie positiv beeinflussende Faktoren. Stationsübergreifende Therapien, wie Entspannungs-, Aktivitäts- Gesprächsgruppen seien dann kaum noch möglich. „Sie können in diesem System nicht abgebildet werden. Dadurch kommt es zu einer weiteren Arbeitsverdichtung der Angestellten“, befürchtet er. „Wir möchten aber einen attraktiven Arbeitsplatz für gut ausgebildetes Personal“, so Jens Gregor. Nicht zuletzt könnten die neuen Vorgaben auch dazu führen, dass Patienten längere Wartezeiten für die stationäre Aufnahme in Kauf nehmen, oder Behandlungen sogar vorzeitig beendet werden müssten. Dass die neue Personalrichtlinie noch einmal nachgebessert wird, dafür setzt sich die Petition 99626 „Mehr Personal und mehr Zeit für die psychische Gesundheit“ ein, die über das Petitions-Forum des Bundestages online noch bis zum 24. Dezember gezeichnet werden kann.