Wernigerode l Bereits zum ersten Advent stand der Weihnachtsbaum in der Wernigeröder Frauenschutzwohnung zum Schmücken bereit. Die vier Bewohnerinnen und zwei Kinder verzierten den Baum aus dem Wernigeröder Stadtforst mit zahlreichen Kugeln und Lichterketten – so können auch sie ein friedliches und sicheres Weihnachtsfest feiern. „Ich finde, so ein geschmückter Baum ist immer ein Symbol für Harmonie, was wir unseren Bewohnerinnen mitgeben wollen“, sagt Nadine Albrecht mit einem Lächeln. Die 41-Jährige arbeitet seit vielen Jahren in der städtischen Frauenschutzwohnung und bietet Opfern von häuslicher Gewalt ein Dach über dem Kopf, wenn die Situation zu Hause zu eskalieren droht.

Gerade zu Weihnachten versuchen sie und ihre Kollegin Petra Heinrichs den typischen Weihnachtstraditionen zu folgen: Adventskranz, Nikolaustag, Weihnachtsbaum, ein Festessen und kleine Geschenke. „Viele Bewohnerinnen kennen die traditionellen Festbräuche gar nicht aus ihrem Zuhause“, hat Nadine Albert festgestellt. „Aus diesem Grund versuchen wir, ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit und ein besinnliches Weihnachtsfest zu bescheren.“

Manche kennen Weihnachten aber auch nicht, weil sie in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind. „Bei uns lebt im Moment auch eine Hindu-Familie, der das traditionelle Gabenfest, wie wir es hier in Deutschland feiern, echt gefällt“, ergänzt Nadine Albrecht.

Zwei Kinder in Frauenschutzwohnung

Im Moment wohnen in Wernigerodes Frauenschutzwohnung vier Frauen zusammen mit zwei Kindern. Für die Kleinen hat Petra Heinrichs wie im jedem Jahr individuelle Adventskalender gebastelt. Befüllt werden sie mit süßen schokoladigen Kleinigkeiten, verrät sie. Aber auch der klassische Stiefeltag dürfe nicht ins Wasser fallen, meint Nadine Albrecht. So hatte jeder zum Nikolaustag am 6. Dezember seinen eigenen kleinen Stiefel, in dem Süßigkeiten versteckt war.

Auch kleine Schneemänner aus Lebkuchen haben die Bewohnerinnen zusammen mit den Kindern gestaltet, um die Weihnachtenszeit einzuläuten. „Ich hoffe sehr, dass wir noch Plätzchen backen“, plant die 36-jährige Petra Heinrichs.

Und die Wohnung, deren Ort aus Schutzgründen geheim bleibt, ist ebenfalls liebevoll und bunt geschmückt für den Heiligen Abend. Gerade im Gemeinschaftsraum verbreiten zahlreiche Dekorationen Vorfreude auf das diesjährige Weihnachtsfest.

Festessen ist Tradition

In der Wernigeröder Frauenschutzwohnung sei es Tradition, dass alle – die vier Betreuerinnen und Bewohnerinnen – am Tag vor Heilig Abend zusammenkommen und gemeinsam ein Festessen veranstalten. „Dieses Jahr haben sich die Frauen den typischen Weihnachtsklassiker gewünscht: Ente mit Rot- und Grünkohl sowie Klößen“, erzählt Heinrichs. Bei weihnachtlicher Musik sitzen dann alle an einem großen Tisch im Gemeinschaftsraum und speisen gemeinsam. Jedoch war das große gemeinsame Essen in diesem Jahr coronabedingt nicht möglich. Aus diesem Grund war nur Petra Heinrichs am gestrigen Abend bei den Frauen und ihren Kindern.

Aber was wäre Weihnachten ohne Geschenke? Richtig, kein wirkliches Gabenfest. So dürfen sich auch die Bewohnerinnen über kleine Geschenke freuen, denn Nadine Albrecht und ihre Kolleginnen geben sich immer Mühe, dass jeder wenigstens eine Kleinigkeit bekommt. Mütter, die in der Schutzwohnung Zuflucht suchen, können beispielsweise im Stöberstübchen auf Geschenke-Suche gehen, informiert Albrecht.

Über die Feiertage gestalten die Bewohnerinnen ihre Tage dann ganz individuell. Die einen bleiben in der Wohnung, andere werden von Freunden oder Verwandten eingeladen. „Aber eine Betreuerin ist trotzdem vor Ort“, beschreibt Nadine Albrecht. Diese schaue nach dem Rechten und kommen beim Kaffee mit den Bewohnerinnen ins Plaudern. In den vergangenen Jahren haben die Betreuerinnen zusammen mit den Frauen und Kindern in der Weihnachtszeit immer einen kleinen Spaziergang gemacht. 2019 sind sie zum Beispiel mit der Bimmelbahn gefahren und haben eine Wanderung durchs Christianental gemacht.

Weihnachtsschmuck zum Wohlfühlen

„Die einen zeigen sich sehr dankbar und freuen sich, manche ziehen sich lieber in ihre Zimmer zurück“, beschreibt Albrecht. Aber sie möchte nicht, dass Frauen aus ihrem weihnachtlich geschmückten Zuhause in eine kahle, triste Schutzwohnung kommen. „Da würde sich hier auch keiner wohlfühlen“, schlussfolgert die Sozialarbeiterin.

Seit 1993 können Frauen, die unter physischer und psychischer Partnerschaftsgewalt leiden, die Wernigeröder Frauenschutzwohnung aufsuchen. Im vergangenen Jahr nahmen 24 Frauen mit 26 Kindern die Hilfe an. Im Durchschnitt wohnen die meisten Frauen rund 80 Tage in der Wohngemeinschaft. „Für manche, die Ziele und eigene Perspektiven haben, ist es nur eine Zwischenstation“, erläutert Nadine Albrecht, „andere, die in ihrer Vergangenheit viel Schlimmes erlebt haben, bleiben teilweise länger“.

Kontakte bestehen länger

Die Wege, die die Frauen nach der Zeit in der Schutzwohnung gehen, sind laut Nadine Albrecht auch ganz unterschiedlich. Teilweise besuchen die ehemaligen Bewohnerinnen noch die ambulante Beratung. „Ich freue mich immer, wenn Frauen vorbei kommen und uns berichten, wie ihr Leben jetzt läuft“, sagt sie lächelnd.

Nadine Albert und ihre Kollegin Petra Heinrichs berichten von vielen schönen Momenten, die sie schon erlebt haben. „Ich habe mich echt gefreut, als ich den Montag nach Nikolaus in mein Büro kam“, berichtet Nadine Albrecht, „und auf meinem Tisch ein kleines Kästchen gefüllt mit Schokolade stand, versehen mit meinem Namen und einem Herz“.