Archäologie

Funde aus der Totenhütte von Benzingerode im Harzmuseum zu sehen

Wie lebten die Harzer vor 5000 Jahren? Aufschluss darüber gibt die interessante neue Ausstellung im Wernigeröder Harzmuseum. Die Harzer Volksstimme hat sie besucht.

Von Ivonne Sielaff
Zeitreise in die Steinzeit: Archäologin Alexandra Runschke hat die Sonderausstellung im Wernigeröder Harzmuseum vorbereitet. Die Fundstücke, die zu sehen sind,  stammen aus der Harzer Region.
Zeitreise in die Steinzeit: Archäologin Alexandra Runschke hat die Sonderausstellung im Wernigeröder Harzmuseum vorbereitet. Die Fundstücke, die zu sehen sind, stammen aus der Harzer Region. Foto: Ivonne Sielaff

Wernigerode - Im Erdreich verborgen liegt der Schlüssel zu unserer Vergangenheit. Meist nur durch Zufall, bei Bauarbeiten, kommen Zeugnisse aus längst vergangenen Zeiten wieder ans Tageslicht – mal eine Tonscherbe, mal ein bearbeiteter Stein, mal ein menschlicher Knochen, und manchmal sogar ganze Gräber. Funde wie diese geben so vieles preis: Wie sah das Leben unserer Vorfahren vor Jahrtausenden aus? Wie wohnten sie? Was war ihnen wichtig? Für Archäologen sind solche Entdeckungen deshalb immer voller Erkenntnisse.

Auch die Wernigeröder haben Gelegenheit, auf Zeitreise zu gehen. Auf eine Reise in die Steinzeit. „Begraben und vergessen“ heißt die Ausstellung, die derzeit in den Räumen des Harzmuseums zu sehen ist. Wegen Lockdown und Bundes-Notbremse in den vergangenen Wochen zwar so gut wie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Inzwischen aber darf das Harzmuseum wieder besucht werden.

Sehr zur Freude von Alexandra Runschke. Die Museumsmitarbeiterin und Archäologin hat die Ausstellung vorbereitet, historische Fakten recherchiert und Exponate zusammengetragen. Das Besondere: Alle Fundstücke, die gezeigt werden, stammen aus der Region – aus Benzingerode, Börnecke, Quenstedt und Derenburg. Soll heißen, die Ausstellung gibt Aufschluss über unsere direkten Nachbarn aus der Steinzeit.

„Die Steinzeit war der Knackpunkt für die Menschheitsgeschichte“, sagt Alexandra Runschke. „Mit unheimlichen Folgen.“ Warum? Weil die Menschen anfingen, sich niederzulassen, Getreide anzubauen, Tiere zu halten. Es entstanden dauerhafte Siedlungen, in denen die Menschen zusammenlebten. Ihre Toten bestatteten sie in Grabanlagen ganz in ihrer Nähe.

Hütte mit 46 Skeletten

Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Totenhütte von Benzingerode. Archäologen legten die Begräbnisstätte vor gut 19 Jahren bei Straßenbauarbeiten an der B 6n-Trasse frei. Die Urahnen der Wernigeröder hatten ihre Angehörigen vor 5000 Jahren nahe des Hellbachs zu Grabe getragen. Ein Sensationsfund, denn die Anlage, die sich nicht einmal einen Meter tief unter der Erdoberfläche befand, war so gut wie unversehrt. Darin verborgen: 46 Skelette, Keramikgefäße und Schmuck aus Tierknochen.

Kein Wunder also, dass Alexandra Runschke die Totenhütte zum Kernstück der Ausstellung erkoren hat. Natürlich nicht das Original, aber dafür ein Modell – gefertigt von den Mitarbeitern der Oskar Kämmer Schule. Die Nachbildung zeigt die Totenhütte - so wie sich die Archäologen die Begräbnisstätte anhand der Funde vorgestellt haben: ein rechteckiger mit Holz verkleideter Raum mit einem aus Stein gepflasterten Fundament und einem Zugang an der Seite - darin Knochen und etliche Skelette - selbstverständlich alles im Miniaturformat. Ergänzt wurde das Modell durch ein kleines Schaltpult, mit dem die Besucher bestimmte Bereiche der Grabanlage mit Licht markieren können.

Aber es gibt noch viel mehr interessante Objekte in der Ausstellung zu entdecken. Die etwa 50 Exponate stammen zum Teil aus der hauseigenen archäologischen Sammlung, aber auch aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, aus dem Braunschweigischen Landesmuseum und aus Osterwieck. Darunter Schmuck, Gebrauchskeramik, Alltagsgegenstände und sogar Musikinstrumente.

OPs in der Steinzeit

„Die Keramik war wichtig“, erklärt die Archäologin. „Die Jungsteinzeitmenschen brauchten Lagermöglichkeiten für ihre Lebensmittel.“ Dazu kam, dass jede Kultur eine andere identitätsstiftende Verzierung nutzte. „Die Menschen kämpften zu der Zeit nicht nur um ihr Überleben“, sagt Runschke. „Sie hatten Zeit und Muße, sich Schmuck anzufertigen und hatten das Bedürfnis, sich auszudrücken und gesellig zu sein, zum Beispiel mit Musik.“

Ins Auge des Besuchers fallen auch die Totenschädel, die aus einer Grabanlage bei Börnecke stammen. Ihr guter Zustand ist nicht die einzige Besonderheit. In jeder der Schädeldecken klaffen kreisrunde Löcher. Etwa Kampfverletzungen? Nein, die Schädel wurden einst mit Hilfe von scharfen Feuersteinwerkzeugen geöffnet – aus medizinischen Gründen. Nicht immer überlebten die Patienten diesen Eingriff. Bei einem der Schädel konnte jedoch anhand des Heilungsprozesses nachgewiesen werden, dass dessen Besitzer nach der OP noch einige Jahre gelebt hat. „Das zeigt den Fortschritt.“

Die Ausstellung ist bis zum 12. September zu sehen. Alexandra Runschke und die anderen Mitarbeiter im Harzmuseum hoffen nach der Zwangsschließung nun auf besucherstarke Sommermonate.

Das Modell zeigt sehr anschaulich, wie die Totenhütte von Benzingerode vor 5000 Jahren ausgesehen haben muss.
Das Modell zeigt sehr anschaulich, wie die Totenhütte von Benzingerode vor 5000 Jahren ausgesehen haben muss.
Foto: Ivonne Sielaff
Diese Trommel beweist: Musik spielte bei den Menschen der Steinzeit eine große Rolle.
Diese Trommel beweist: Musik spielte bei den Menschen der Steinzeit eine große Rolle.
Foto: Ivonne Sielaff
Operation vor 5000 Jahren: Dieses Loch im Schädel stammt von einem medizinischen Eingriff.
Operation vor 5000 Jahren: Dieses Loch im Schädel stammt von einem medizinischen Eingriff.
Foto: Ivonne Sielaff