Elbingerode l Eineinhalb Stunden Zeit hat Jens Spahn (CDU) eingeplant, um sich im Elbinge­röder Diakonie-Krankenhaus über die Arbeitsbedingungen zu informieren, zum Thema Pflege zu sprechen und darüber zu diskutieren. Es ist der erste von mehreren Terminen auf seiner Harzreise.

Nach dem obligatorischen Händeschütteln mit Vertretern der Lokal- und Landespolitik sowie den Verantwortlichen in der Klinik „beschnuppern“ sich die Teilnehmer zunächst bei einem kleinen Empfang. Während sich die Einen mit Saft und Kaffee eindecken, tippt der Minister in einer Ecke eifrig auf seinem Handy. „Entschuldigen Sie bitte, aber Sie wissen ja, dass es derzeit an mehreren Stellen brennt“, lächelt er. Dann gehört seine ungestörte Aufmerksamkeit den Gastgebern.

„Wir haben hier die gleichen Probleme wie alle Krankenhäuser“, beginnt Martin Montowski, Geschäftsführer des Diakonie-Krankenhauses in Elbingerode. Vor allem zu wenig finanzielle Unterstützung bemängelt er. „Wir sind aber nicht nur die Summe der Schwierigkeiten, sondern haben auch viele Erfolge.“ Die Pfleger arbeiteten gern hier, an Bewerbungen mangele es auch nicht. Das kommt bei Jens Spahn gut an. Als Bundesgesundheitsminister werde er eher mit dem konfrontiert werde, was nicht so gut laufe.

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Versorgung in der Fläche als Thema

Zum Beispiel hinsichtlich der medizinischen Versorgung auf dem Land. „Wenn ich in ein Krankenhaus komme und mir die Ärzte sagen: ‚So einen Fall wie Sie hatten wir schon lange nicht mehr‘, dann würde ich mich unwohl fühlen“, gibt er zu bedenken. „Wir müssen daher einen Spagat zwischen der Flächendeckung und der Spezialisierung finden.“

Auch bezüglich der Ausbildung müsse mehr in der Fläche getan werden, wie Klinikchef Montowski anmerkt. „Wenn wir nur noch Oberzen­tren in Magdeburg und Halle haben, werden sich die Menschen auch dort sozialisieren und dort bleiben.“

Auszubildende sprechen Probleme an

Mit dem Stichwort wird zum nächsten Programmpunkt übergeleitet: Es steht ein kurzer Besuch auf der Station der Inneren Medizin an, auf der gerade die Auszubildenden während einer Aktionswoche das Kommando haben. „Wir haben hier ein großes Problem“, traut sich Schülerin Paulina Raabe, den Bundesgesundheitsminister anzusprechen. „Wir lieben unseren Job. Aber wir sind im Sommer mit unserer Ausbildung fertig und fühlen uns noch gar nicht bereit dazu.“

Denn zu wenig Schwestern auf der Station bedeuten auch weniger Betreuung und Anleitung. „Wir machen dann eher kleinere Tätigkeiten, wie das Essen zu verteilen, sollten aber größere Dinge machen, wie zum Beispiel Spritzen zu setzen“, ergänzt Azubi Inga Hasler. Das Thema nehme Spahn mit, wie er verspricht.

Mehr Zeit zum Austausch bleibt nicht, auf dem Programm steht noch eine längere Diskussionsrunde im Kirchsaal des benachbarten Diakonissen-Mutterhauses. Auszubildende aus unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen sitzen ebenso in den Stuhlreihen wie gestandene Ärzte und Pfleger. Sogar aus dem EDV-Bereich sind Mitarbeiter vor Ort, um ihre Fragen zu stellen. Es geht um die elektronische Patientenakte, den Mindestlohn, Fachkräfte aus dem Ausland, Honorarärzte und die Zwei-Klassen-Medizin.

Spahn möchte Vertrauen zurückgewinnen

Spahn macht sich Notizen, antwortet geduldig, schweift dann und wann in Anekdoten ab. Aber auch hier verspricht er, über die angesprochenen Themen nachzudenken. Denn der 39-Jährige will vor allem eins: Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. „Ich spüre an vielen Stellen, wenn es um das Thema Pflege geht, dass Vertrauen verloren gegangen ist – in die Politik, Institutionen und das System allgemein“, gibt er zu. Deshalb wolle er sichtbare Ergebnisse schaffen, gibt Einblicke hinter die Kulissen.

Zum Beispiel im Bereich der elek­tronischen Datensysteme, die in jeder Arztpraxis und Klinik andere seien. „Wir sind gerade dabei, per Gesetz zu erzwingen, dass es eine Schnittstellenoffenheit gibt und alle Daten ausgetauscht werden können“, zeigt er eine Verbesserung auf. Auch den Zugang zum Medizinstudium wolle er erleichtern, die Abiturnote als vorrangiges Kriterium abschaffen.

Vergütung statt Ausbildungskosten

Mehr Fachkräfte wolle er gewinnen, indem noch bestehende Ausbildungskosten im medizinischen Sektor gegen eine Vergütung getauscht werden. Und durch die Aufhebung der Grundlohnbindung sollen auch den Fachkräften in Reha-Einrichtungen höhere Gehälter ermöglicht werden. Nach eigenen Aussagen arbeite er diesbezüglich „mit Hochdruck an einem neuen Gesetz“.

Gleichzeitig nutzt Spahn die Diskussionsrunde, um die Mitarbeiter im Pflegebereich mit ins Boot zu holen. „Wenn man von sich selbst als Notstandsgebiet spricht, will da auch keiner arbeiten“, regt er zum Nachdenken an. „Wir müssen über die Probleme reden, den Stress, die Bezahlung. Aber eben auch darüber, warum das ein schöner Beruf ist – über die fachlichen Seiten und die menschlichen.“