Altenbrak l „Wir werden unseren treuen Sangesbrüdern und Kameraden ein ehrendes Andenken bewahren“, annonciert der Vorstand eines Halberstädter Gesangsvereins 1920. War auch Jäger Paul Schlolaut in so einem Verein, der ihm einen ehrenden Nachruf in der Zeitung widmete?

Der junge Mann wird 1900 geboren und stirbt wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag im Lazarett Halberstadt. Als der Weltkrieg beginnt, den Historiker später als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnen werden, wird Paul Schlolaut als 14-Jähriger begeistert gewesen sein. Man reimt patriotisch-vergnügt: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt ... Er steht am Bahnhof und beobachtet die abrückenden Feldgrauen, aus deren Gewehrläufen Blumensträuße ragen. Junge Frauen stecken den Männern „Liebesgaben“ zu. Es sind Pakete mit Schokolade und anderen kleinen Leckereien.

Vier Jahre später wird Pauls Mutter um ihren Sohn trauern.

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Keine Ort zum Trauern

Jäger Schlolaut stirbt im Reservelazarett Halberstadt und wird auf dem Städtischen Friedhof beigesetzt. Seine Eltern haben damit einen Ort, an dem sie trauern können. Den Hinterbliebenen von Pauls Kameraden ist das nicht vergönnt. Väter und Söhne werden oft im „Feindesland“ verscharrt, so sie überhaupt ein Grab haben.

Paul Schlolaut bekommt sogar einen Grabstein auf dem Neuen Militärfriedhof von Halberstadt, der 1917 in Erweiterung des Städtischen Friedhofes angelegt wird. Die Anlage des alten Garnisonsfriedhofes ist erschöpft. Wer hätte wenige Jahre zuvor noch mit so vielen Gefallenen gerechnet.

Später werden sich dort die Gräber von 186 Opfern des Ersten Weltkrieges befinden: Es sind 174 Deutsche, zwei Russen, ein Türke und neun Opfer unbekannter Nationalität. Sie sterben zwischen dem 22. Oktober 1917 und dem 24. Mai 1921. Ihnen wird ein schlichter Grabstein gesetzt. Ohne Pathos stehen die Lebens- und Sterbedaten darauf.

Friedhof verwahrlost zunehmend

Zahlreiche Angehörige suchen nun den Neuen Militärfriedhof auf, um an den Gräbern Blumen niederzulegen. Doch wenige Jahre später beginnt ein noch größerer, grausamerer Krieg. Die Erinnerung an den ersten Weltenbrand verblasst langsam. Nun sterben die Männer fast ausnahmslos in „Feindesland“. Wer in Deutschland das Leben verliert, ist überwiegend Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Unweit des Halberstädter Militärfriedhofes werden Massengräber für KZ-Häftlinge des Außenlagers Langenstein-Zwieberge angelegt.

Zu Beginn der 1970er Jahre wirkt der Neue Militärfriedhof mit seinen fast 200 Grabsteinen ungepflegt. Es ist ein halbes Jahrhundert vergangen, die Nachkommen sterben langsam weg. Irgendwann fällt aufmerksamen Friedhofsbesuchern auf, dass ein Großteil der Grabsteine verschwunden ist ...

Ortswechsel. Im März 2019 schlendern Spaziergänger aus dem Elbe-Saale-Winkel durch den Luftkurort Altenbrak im Harz. Oberhalb der Waldbühne befindet sich der Ortsteil Rolandseck, der von alters her auch Hohe Sonne genannt wird. Eine Ferien- und Bungalowsiedlung macht diesem Namen alle Ehre. Wer hier ein Grundstück besitzt, hat Glück. Das Paar aus Barby an der Elbe spaziert am Rande der Anlage entlang, wo das Rolandseck in den Wald übergeht. Plötzlich stutzen die Wanderer: An den Flanken einer zugewucherten Treppe eines verwaisten Bungalowgrundstücks erkennen sie vage Inschriften. Bei genauer Betrachtung werden ein Eisernes Kreuz, Buchstaben und Zahlen sichtbar. Nach Freilegung eines weiteren Steins steht fest: Das sind Grabsteine aus dem Ersten Weltkrieg.

Einen Tag später verständigen die Spaziergänger das Landesamt für Denkmalpflege in Halle. Dort winkt man ab, verweist auf Dr. Oliver Schlegel, der beim Landkreis Harz als Denkmalschützer und Archäologe tätig ist.

Ein Glücksfall, wie sich später herausstellen wird. Denn Oliver Schlegel ist besonders affin, was die Zeit des Ersten Weltkriegs betrifft. Gleich einen Tag später macht sich der Kreisarchäologe sofort auf die Socken und findet den beschriebenen Ort in der Siedlung Rolandseck am Waldrand.

Grabsteine als Trittstufen

Als er die Steine in Augenschein nimmt, ist Schlegel elektrisiert. Er stellt fest: Hier sind knapp 100 Grabsteine mit der Schriftseite nach unten als Trittstufen, Bordsteine und Terrassenbelag verbaut worden. Der Archäologe schreibt in seiner Antwort-Mail an die Finder: „Nun ist die sekundäre Vermauerung von obsolet gewordenen Grabsteinen an sich nichts Besonderes und kann, insbesondere auf dem zwischen 1950 und 1990 sehr baustoffarmen Gebiet der ehemaligen DDR, oftmals nachgewiesen werden. Allerdings handelt es sich um einen großen Teil oder gar kompletten Grabsteinbestand eines untergegangenen militärischen Gedächtnisortes, der – der formalen Gleichartigkeit der Grabsteine, der qualitätvollen Ausführung und dem Sterbedatum der Gefallenen zufolge – erst nach dem Kriegsende in einem Zuge eingerichtet worden sein muss.“

Doch woher stammen die zweckentfremdeten Steine? Der Fertigteil-Bungalow ist dem Baustil nach in den 1970er Jahren errichtet worden. Schlegels Bauordnungsamt ermittelt schnell den aktuellen Eigentümer aus Blankenburg, der sich kooperativ zeigt. Er erzählt: Anfang der 1990er Jahre brachte die Gemeinde Altenbrak hier kurzzeitig Flüchtlinge vom Balkan unter, seitdem steht das Haus leer. Allerdings seien ihm die vielen gleichförmigen Buntsandsteinplatten nicht weiter aufgefallen. Er hat nichts dagegen, wenn sie weggeholt würden. Der Pietät wegen.

Gut.

Kriegsgräberfürsorge erteilt Auskunft

Oliver Schlegel wendet sich mit einigen Namen und Daten der Gefallenen an die Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Und hat Glück: Man teilt ihm mit, dass die Steine vom Neuen Militärfriedhof Halberstadt stammen. Kurz darauf schreibt er begeistert an die Finder: „Die von Ihnen entdeckten, umgelagerten und umgenutzten Grabsteine eines untergegangenen militärischen Gedächtnisortes sind in ihrer Ausführung und Anzahl einzigartig in Deutschland!“

Der Kreis beginnt sich zu schließen.

Doch eine spannende Frage bleibt: Wer baute den Bungalow und wem gehörte er zu DDR-Zeiten? Wer hatte damals die Macht, viele Dutzend Sandsteine von einem Friedhof abzuräumen und seine Terrasse damit zu pflastern? Weder in den Bauarchiven von Halberstadt und Thale findet man Akten dazu. (Was zu DDR-Zeiten nicht sonderlich selten war. Denn Grundstücksnutzungen von Ferienobjekten wurden gerne mal mit den Entscheidern vor Ort in der Kneipe getroffen.)

Bei seinem erneuten Besuch am Rolandseck 34 in Altenbrak bleibt nicht unbemerkt, dass sich Oliver Schlegel für ein verwildertes Grundstück interessiert. Er sieht ja auch herzlich wenig nach einer Amtsperson aus, als er in karierter Baujacke einem klapprigen Trabbi entsteigt. Ein junger Mann kommt und will wissen, was er dort treibe. Etwa Baustoffe oder Holz klauen? Als sich der Mitarbeiter des Landkreises ausweist, entspannt sich der couragierte Mann sichtlich, der in der Nachbarschaft wohnt. Er habe keine Ahnung, um was es sich für Steine handelt, für die sich der Amtmann offenbar so sehr interessiert. Der Nachbar weiß aber, wer den Bungalow baute und wem er gehörte: dem Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik!

Hier machten drei Jahrzehnte lang die Familien der MfS-Hauptamtlichen Urlaub. Den Nachbarn waren diese Leute suspekt; man hielt dezent Abstand.

Wer bezahlt die Rückführung?

Was nun folgt, ist ein Behördenpingpong. Landkreismitarbeiter Schlegel kennt die Spielregeln und Gepflogenheiten in den zuständigen Amtsstuben. Von der Denkmalpflege bis zum Landesverwaltungsamt sind die Damen und Herren begeistert über den Fund. Als es jedoch daran geht, wer die Rückführung der Grabsteine bezahlt - ein Steinmetz hatte ein vierstelliges Kostenangebot eingereicht - macht sich freundliche Zurückhaltung breit. Nach einem Jahr stellt Kreisarchäologe Schlegel resigniert fest: „Was ich befürchtet hatte, ist nach langem Warten eingetreten: Ein Sieg der Ökonomie über den Anspruch.“

Doch der 52-Jährige bleibt hartnäckig. Er lässt seine Kontakte zum Magdeburger Garnisonsverein, dem Stadt- und Landschaftspflegebetrieb Halberstadt (Stala, Eigenbetrieb der Stadt) sowie dem Verein Halberstädter Berge spielen. Allesamt Protagonisten, denen die Geschichte am Herzen liegt. Letztendlich kann die Bergungsaktion nur über einen Subbotnik funktionieren. Gebraucht werden ein Lkw, Spitzhacken und ein paar Halberstädter Würstchen.

Schließlich will der Stala 550 Euro für den Transport berappen. Die Bergung der Steine soll mit freiwilligen Helfern erfolgen, sobald es Corona erlaubt. Der Blankenburger Grundstückseigentümer ist einverstanden.

Somit kehren knapp einhundert geschichtsträchtige Grabsteine an den Ort ihres Ursprungs zurück. Bleiben dennoch einige Fragen: Wann und unter welchen Umständen räumte die Staatssicherheit den Friedhof ab? Wer genehmigte das? Brauchte es überhaupt eine Genehmigung? Wer genau machte dort Urlaub, am idyllischen Waldrand von Altenbrak? Da die Zeitzeugen von damals schweigen, könnte das Stasi-Unterlagen-Archiv Magdeburg vielleicht Auskunft geben. Doch die Bearbeitungszeit der Volksstimme-Anfrage hätte „im günstigsten Falle“ ein halbes Jahr gedauert.