Wernigerode l Wenn Silvester um 24 Uhr die Korken knallen und die Geister des Jahres 2019 mit Feuerwerk vertrieben werden, dann erreicht auch im Plemnitzstift in Wernigerode die Stimmung ihren Höhepunkt: Dort, im Hauptgebäude gegenüber vom Waldhofbad, feiert Heimleiter Matthias Liesegang mit Kollegen und Bewohnern nicht nur ins neue Jahr, sondern auch sein 30. Dienstjubiläum.

Am 1. Januar 1990 trat der gebürtige Wernigeröder seinen ersten Arbeitstag in der Einrichtung an, in der behinderten Menschen betreut werden, die noch arbeiten können. „Mir ist in den ersten Monaten alles um die Ohren geflogen“, erinnert er sich. Kurz nach der Wende sah er sich mit diversen Baustellen konfrontiert, die er bewältigen musste.

Probleme

„Wir hatten Personalmangel, weil nach dem Mauerfall einige Angestellte in den Westen gegangen sind“, sagt der 58-Jährige. „Viele unserer Bewohner, die in der Industrie gearbeitet hatten, wurden arbeitslos.“

1989 ist auch drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall für viele Menschen nach wie vor ein besonderes Jahr. Auch für Matthias Liesegang wurde mit dem Fall der innerdeutschen Grenze die Welt ein Stück größer. Er hat den 9. November direkt in Berlin miterlebt, als er noch bei der Berliner Wasserwirtschaft beschäftigt war. Dann wagt er den extremen Tapetenwechsel – von Wasser und Abwasser in Berlin zu Menschen mit Behinderung in einem Wernigeröder Heim. „Ja, ich war fachfremd und gerade einmal 28 Jahre alt“, blickt er zurück. „Aber es war eine Führungstätigkeit und damit genau das, was ich suchte. Und wenn man in Berlin die Mauer aufgemacht hat, dann kann man alles schaffen – vielleicht hatte ich deswegen keine Manschetten, mich auf die Stelle zu bewerben“, sagt er.

Entwicklung

Zumal Wernigerode durch den Mauerfall plötzlich mitten ins Zentrum Deutschlands gerückt sei. Nicht ganz unerheblich für den unternehmenslustigen Diplom-Betriebswirt, der sich im Laufe seines Lebens immer weiter qualifizierte, unter anderem berufsbegleitend Sozialpädagogik studierte. Anfangs habe er sich jedoch kein Jahr zugetraut, gesteht er. „Doch es gab durchaus Chancen in dieser turbulenten Zeit“, sagt er.

Einer der wohl bewegendsten Momente in diesen ersten Monaten sei die Hochzeit zweier Bewohner gewesen. „Ich war Dein Trauzeuge, Günthi“, sagt Matthias Liesegang an Horst-Günther Koch gerichtet. Der 67-Jährige nickt. Seit 30 Jahren kennen sie sich nun. Und Koch kennt den Plemnitzstift sogar noch länger als der Heimleiter, war einer der ersten Bewohner der 1987 gegründeten Einrichtung.

Hochzeit

Koch heiratete damals seine Margot – am 3. Oktober 1990 um 9 Uhr im Rathaus. „Damit waren die beiden das erste Paar in Wernigerode, das nach bundesdeutschem Recht getraut wurde. Und das schrieb vor, dass man einen Trauzeugen haben musste“, sagt Liesegang. Und so wurde er gebeten, die Eheschließung zu bezeugen. „In der Volksstimme wurde damals ein anderes Paar als das erste abgelichtet“, sagt Liesegang. „Aber das können wir ja heute richtig stellen.“ Margot Koch ist leider bereits verstorben.

Im Plemnitzstift lebten damals 21 Bewohner. Heute sind es 29 Frauen und Männer im Plemnitzstift selbst. Neun sind in Wohnungen untergebracht, die die Gemeinnützige Gesellschaft für Sozialeinrichtungen in Wernigerode (GSW) anmietet; einer wird in der eigenen Wohnung betreut.

Sanierung

Die GSW ist Träger der Einrichtung, die sich unter Matthias Liesegang rein optisch von mausgrau zu geschmackvoll gewandelt hat, spätestens mit dem Umbau des 1890 errichteten Hauses im Jahr 2002. Nur die Backsteinfassade blieb damals erhalten – für zwei Millionen Euro wurde das gesamte Gebäude entkernt und neu strukturiert.

Seit dem Jahr 1990 hat sich nicht nur am, sondern auch im Haus viel getan. „Unsere Bewohner sind mitgealtert, haben andere Bedürfnisse“, sagt er. „Wir sind kein Heim, sondern ein Zuhause.“ Das Besondere im Plemnitzstift: Die Menschen haben zwar unterschiedliche Behinderungen, sind aber arbeitsfähig. „Wir leiten unsere Bewohner an, damit sie an der Gesellschaft teilhaben können. Eine große Facette unserer Arbeit ist die Eingliederungshilfe“, erklärt er. Ziel ist es, dass die Frauen und Männer nach und nach immer selbstständiger werden. Viele Bewohner arbeiten in der Lebenshilfe. Vier sind sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt, worauf Liesegang sichtlich stolz ist.

Senioren

Seit Kurzem gibt es eine Tagesgruppe für fünf Bewohner im Rentenalter. Sie müssen nun nicht mehr arbeiten gehen. Zuvor sind sie nach dem Erreichen des Renteneintrittsalters derselben Tätigkeit nachgegangen wie zuvor – allerdings ohne dafür entlohnt zu werden. Horst-Günther Koch ist einer von ihnen. Er erledigt nun Botengänge zum Haupthaus der GSW im Salzbergtal. „Aber nur, weil ich es will, nicht weil ich muss“, sagt er.

Wie nahe sich Matthias Liesegang und die Menschen aus dem Plemnitzstift stehen, zeigt allein die Tatsache, dass der Heimleiter seine Bewohner jedes Jahr mit zum Campen nimmt. Natürlich duzen sich alle. „Das geht ja gar nicht – sich unter Campern zu siezen“, sagt er.

Für Matthias Liesegang war auch von Anfang an klar, dass er mit seinem Stellvertreter Mike Horn und den Bewohnern ins Jubiläum feiern wird. „Ich habe Dienst von 14 bis 1 Uhr. Ich habe Dienste wie unsere Betreuer, wie die Feste eben fallen, ob Weihnachten oder Silvester. Und ins neue Jahr feiern ist hier einfach besonders schön. Ich bin einfach gern hier, stimmt‘s Günthi?“