Heimatgeschichte

Im Waldseebad lernten Hasselfelder schwimmen

Generationen von Kindern haben im Waldseebad in Hasselfelde schwimmen gelernt und dort ihre Sommer verbracht. Die Einrichtung des Naturbades jährt sich zum 95. Mal .

Von Katrin Schröder
Tauschen Erinnerungen über das Waldseebad in Hasselfelde aus: Kuno Volkmann, langjähriger Bademeister, und seine Nachfolgerin Petra Tiebe.
Tauschen Erinnerungen über das Waldseebad in Hasselfelde aus: Kuno Volkmann, langjähriger Bademeister, und seine Nachfolgerin Petra Tiebe. Foto: Katrin Schröder

Hasselfelde - An die Schwalbennester erinnert sich Kuno Volkmann genau. „Es gab etliche“, sagt der Hasselfelder – sie gehörten zum Waldseebad wie die Kinder im Sommer und die hölzernen Umkleidekabinen. Von 1970 bis 1995 war er dort Schwimmmeister – als Nachfolger von Karl Böhnstedt, der der erste Bademeister dort war und das Naturbad mit Unterbrechungen über Jahrzehnte hinweg betreut hat.

Im Waldseebad war zu DDR-Zeiten immer jede Menge los, sagt Kuno Volkmann. Besonders die Kinder bevölkerten das Naturbad im Ortsteil Rotacker. Gefördert wurde dies unter anderem von den Schulen. „Es wurde sehr viel Wert aufs Schwimmen gelegt“, sagt Volkmann, der selbst Lehrgänge und Prüfungen für die Schwimmabzeichen abhielt.

Untergehen war angesichts dessen keine Option: „Fast 100 Prozent der Hasselfelder konnten schwimmen.“ Seine Nachfolgerin Petra Tiebe, selbst inzwischen seit 25 Jahren im Waldseebad-Einsatz, nickt. „Wer nicht schwimmen konnte, hat im Sportunterricht keine Eins bekommen“, sagt die Hasselfelderin. Und nicht nur das: Wer in der zehnten Klasse die Schwimmstufe nicht schaffte, musste im Winter in der Frühe mit dem Bus ins Bad nach Nordhausen fahren, bis er die Prüfung bestand, berichtet Ilka Kersten, Ortschaftsrätin und Schwimmfreundin.

Bademeister repariert auch Bänke

Im Sommer gab es die Schwimmlager, deren Teilnehmer im Feriendorf Blauvogel wohnten, und die Ferienspiele. Als Bademeister musste Volkmann aber auch Bänke reparieren und die Anlagen generell in Schuss halten. „Es war immer Arbeit“, sagt er.

Das weiß auch Dierk Christian Böhnstedt. „Ich war von frühester Jugend an mit im Bad. Das Leben unserer Familie hat sich im wesentlichen dort abgespielt“, erinnert sich der Sohn des ersten Bademeisters Karl Böhnstedt. Wenn im Sommer Hochbetrieb war, sei er dem Vater oft zur Hand gegangen, zum Beispiel bei der Annahme der Garderobe. Hinter den Kabinen war ein Seil befestigt, an das Haken mit Stoffbeuteln gehängt wurden.

In diesen verstauten die Badegäste ihre Sachen, klingelten und gaben die Beutel ab. Dafür erhielten sie Nummern, unter denen ihre Habe verwahrt wurde. Zum Schwimmen kam Böhnstedt dann oft nicht. „Abends, wenn sich der Betrieb beruhigt hatte, sind wir alle noch mal reingesprungen“, berichtet der 77-Jährige. Auch bei kühleren Temperaturen wurde geschwommen und gleich im Anschluss eine Runde um den Teich gelaufen.

Geschichte geschrieben

Vor fünf Jahren hat er die Geschichte des Waldseebades aufgearbeitet. In der Broschüre, die er zum 90-jährigen Bestehen mit Jutta Wenzel und dem Arbeitskreis Heimatgeschichte des Harzklub-Zweigvereins herausgegeben hat, lässt sich die Entwicklung des Bades nachvollziehen.

1926 stieß der damalige Bürgermeister Karl Hoyer den Bau einer Badeanstalt am Neuen Teich an. Ein flacher Bereich wurde als Nichtschwimmerbad hergerichtet, hinzu kamen provisorische Kabinen. Karl Böhnstedt nahm im gleichen Jahr den Dienst als Bademeister auf. Die Schwimmer vergnügten sich damals mit Holzstämmen und Flößen. Das Bad wurde immer beliebter, neben den Einwohnern kamen regelmäßig „Sommerfrischler“, um sich im Naturteich abzukühlen. Es wurden Toiletten und ein Flachbau für Umkleiden und Kasse errichtet. 1929 eröffnete die Bäckerei Severin nebenan ihr Sommercafé.

Zudem wurden der Teich erweitert und mit dem Aushub die Insel gebaut, die erst nur Schwimmer erreichen konnten – die Brücke wurde erst 1953 errichtet, schreibt Böhn-stedt. Zugleich wurden ein neuer Nichtschwimmerbereich und Laufstege errichtet.

Prüfung im Waldseebad

1929 wurde der Schwimmverein in Hasselfelde gegründet. Karl Böhnstedt durfte als einer der ersten geprüften Bademeister im Harz Schwimmprüfungen abnehmen. In den 1930er Jahren wurde Schwimmen Pflichtschulfach. Im Waldseebad gab es Schwimmwettkämpfe, Turmspringen vom 1930/31 errichteten Turm, Wasserball und Wasserballett.

Nach zwei Jahren kriegsbedingter Schließzeit wurde das Bad 1946 wieder eröffnet. 1950 wurden eine Dammmauer aus Bruchstein und eine 50 Meter lange Wettkampf-Schwimmbahn errichtet. Mehr als 150 Einwohner beteiligten sich an den Arbeiten. Weitere Ausbauten folgten. Mit dem Aushub aus dem Bau der Kanalisation in den Jahren 1956 bis 1964 wurde die Liegewiese im Waldseebad neu gestaltet: Das leichte Gefälle sorgte dafür, dass Regenwasser ablief und die Gäste immer Blick auf das Wasser hatten. Anfang der 1990er Jahre wurde das Waldseebad saniert, auch wenn Baumängel die Fertigstellung verzögerten.

Schwalbennester und Schwimmkurse gibt es nicht mehr, dafür aber das besondere Naturwasser. „Das ist einmalig“, schwärmt Ilka Kersten – wer Chlor nicht vertrage, sei davon begeistert.

So voll war es früher im Waldseebad Hasselfelde.
So voll war es früher im Waldseebad Hasselfelde.
Foto: Sammlung Kuno Volkmann
Christa Schröder und Karl Böhnstedt haben Erde für die Liegewiese aufgeschüttet.
Christa Schröder und Karl Böhnstedt haben Erde für die Liegewiese aufgeschüttet.
Foto: Sammlung Dierk Christian Böhnstedt