Wernigerode l Die einstige Pferdekoppel am Nordhang des Galgenbergs liegt seit vielen Jahren brach. Die Fläche, die sich in unmittelbarer Nähe zu einer Wohnsiedlung befindet, verwilderte zusehends und bot längst keinen schönen Anblick mehr für Anwohner und Spaziergänger. Die Stadt Wernigerode hat das 6000 Quadratmeter große Grundstück nun an einen Investor verkauft. Mehrere Einfamilienhäuser sollen hier entstehen. Ein Bebauungsplan ist in Vorbereitung. So weit, so gut.

In der Nachbarschaft am August-Bebel-Platz regt sich deshalb Ärger. Denn die Anwohner bemühen seit Jahren um den Kauf des angrenzenden Randstreifens des Grundstücks. Mit dem Verkauf an einen Investor ist dieser Zug für sie jetzt endgültig abgefahren.

Bereits 1995 haben sich die Anwohner schriftlich an die Stadt gewandt und ihr Kaufinteresse bekundet. „Jeder von uns wollte so in etwa 100 Quadratmeter haben, um den eigenen Garten zu vergrößern“, blickt Hartmut Labbow zurück. Und auch um ein bisschen Abstand zu haben, wenn die Fläche eines Tages bebaut werden sollte. Damals habe es geheißen, die Fläche werde noch nicht veräußert.

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„Das haben wir erstmal so zur Kenntnis genommen“, so Labbow. 2008 hätten die Anwohner ihr Kaufinteresse dann wiederholt. Aus dem Rathaus wieder der gleiche Tenor, es gebe keine Aktivitäten für eine Bebauung, deshalb werde das Grundstück noch nicht verkauft.

Zehn Jahre später das gleiche Spiel: „Wir haben uns noch einmal in Erinnerung gebracht“, so Hartmut Labbow. „An unserem Interesse, eine Teilfläche zu erwerben, hatte sich nicht geändert. Wir hätten auch eine Erbbaupacht akzeptiert.“ Er habe das Schreiben persönlich im Rathaus abgegeben. Der Mitarbeiter vom Sachgebiet Liegenschaften habe ihm versichert, dass er sich wieder melde. „‚Wenn es soweit ist, komme ich auf Sie zu‘, hat er zu mir gesagt.“

Über Buschfunk vom Verkauf erfahren

Doch es kam anders. „Über den Buschfunk hörten wir, dass das Grundstück ausgeschrieben sei und meistbietend verkauft werden sollte.“ Das ist inzwischen passiert – und zwar ohne, dass die Anwohner vorher noch einmal angehört wurden.

Das wollten Labbow und seine Nachbarn nicht auf sich sitzen lassen. „Wir fühlen uns übergangen.“ In einem offenen Brief wandten sie sich im Juni an die Stadträte und an die Verwaltung und machten ihrem Ärger Luft. Die Stadträte hatten über den Verkauf des Grundstücks entschieden – nichtöffentlich, so wie es bei Grundstücksangelegenheiten üblich ist. Allerdings hätten sie nichts vom Kaufinteresse der Anwohner gewusst. „Das haben mir einige bestätigt.“

15 Jahre lang sei Labbow selbst im Stadtrat tätig gewesen, acht Jahre sogar als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. „Ich frage mich, warum unser Kaufinteresse nie in die Ausschüssen durchgestellt wurde, wie von uns gefordert, und warum wir nicht gehört wurden. Von der Verwaltung erwarte ich eine klare Antwort.“

Intensives Interesse an Bauland

Auf diese Antwort mussten Labbow und seine Nachbarn allerdings ganze zwei Monate warten. Der Brief aus dem Rathaus liegt der Volksstimme vor. „Die Gründe für die Entscheidung, einigen Anliegern diese gewünschte Fläche nicht zu veräußern, lag darin, dass eine optimale Ausnutzung der zu erschließenden Wohnbaufläche nicht gegeben wäre“, schreibt Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). Es hätten sich nicht alle Anlieger am Kauf der Fläche beteiligen wollen. „Dabei wäre ein Grundstückszuschnitt entstanden, welcher sich nicht förderlich für die Entwicklung der Fläche ausgewirkt hätte.“ Für das Ausbleiben einer Information über den anstehenden Verkauf entschuldigte sich der Stadtchef. Dies hänge mit dem Weggang der zuständigen Mitarbeiterin aus der Stadtverwaltung zusammen.

Auf Nachfrage der Volksstimme heißt es aus dem Rathaus, in Wernigerode existiere eine „intensive Nachfrage nach Bauland“. Die Entwicklung von Bauflächen sei „erklärtes politisches Ziel“, so Sprecherin Winnie Zagrodnik. Generell könnten dabei Anwohnerwünsche berücksichtigt werden, insbesondere zur Verbesserung der vorhandenen Situation. „In diesem Fall liegen aber weder Missstände noch Notsituationen auf den nachbarlichen Grundstücken vor.“ Dies sei im Zuge des Verkaufsverfahrens geprüft und entschieden worden. Mit den Betroffenen seien persönliche Gespräche geführt, die Angelegenheit einvernehmlich erörtert und die Bedenken ausgeräumt worden, so Zagrodnik.

Wohl nicht vollständig ausgeräumt, denn Labbow gibt sich mit der Antwort nicht zufrieden. „Wir hätten uns ein gemeinsames Gespräch mit dem Käufer und der Verwaltung gewünscht. Aber unser Ansinnen wurde ignoriert. So kann man doch nicht mit uns umgehen.“