Bauprojekt

Lärm von Eisenbahnbaustelle bringt Einwohner in Elend um den Schlaf

Rumpelnde Bagger, knallende Lkw-Klappen: Seit Wochen bringen die Gleisbauarbeiten der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) Einwohner in Elend um den Schlaf. Dies sei laut dem Unternehmen aber unumgänglich.

Von Katrin Schröder 17.07.2021, 21:24
Einwohner von Elend sind genervt von den lautstarken Gleisarbeiten der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) in ihrem Ort.
Einwohner von Elend sind genervt von den lautstarken Gleisarbeiten der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) in ihrem Ort. Foto: Lars Meißner

Elend - Cindy Amarell hat die Nase gestrichen voll. „Jetzt fährt schon wieder der große 40-Tonner am Bahnhof entlang, kippt seinen Dreck oder was auch immer ab. Die Klappe schlägt dreimal, viermal kräftig zu. Das kleinste Kind ist wieder wach. Das geht jetzt die ganze Nacht so, bis circa 3.30 Uhr.“ Was die Elenderin am Donnerstagabend berichtet, sei kein Einzelfall: „Seit drei Wochen können wir Montag bis Freitag vor Radau nicht mehr schlafen.“ Der Grund: Die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) erneuern in dem Oberharz-Ortsteil auf 500 Metern Länge ihre Gleisanlagen. Und weil tagsüber die Harzquerbahn fährt, geschieht dies in den Nachtstunden.

Der Lärm bringt auch andere Einwohner auf die Palme, zum Beispiel Ulrich Förster. „Wir können nicht schlafen“, sagt er – und so gehe es vielen. Am schlimmsten sei für ihn die Gleisstopfmaschine. „Das dröhnt.“ Ebenso störend sei die Baustellenbeleuchtung. Eine „Zumutung“ sei all dies, sagt auch Holger Launitz aus Elend.

Bei den HSB bedauere man die Störungen, sagt Sprecher Dirk Bahnsen. „Wir führen keine Gleisbauarbeiten aus, um Anwohner und Urlauber zu ärgern. Wir tun das lediglich, um unser Gleisnetz zu erneuern.“ Dies sei in regelmäßigen Abständen nötig. Schienen und Schwellen hätten im Schnitt eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Die Sanierung erfolge aber „zustandsbezogen“, also nur dort, wo die Gleise tatsächlich marode sind.

Vermieter bangen um Urlauber

In Elend sei dies der Fall – wie auf anderen Abschnitten der Harzquer- und der Selketalbahn. „Wenn die Gleise nicht erneuert werden, kann die Bahn irgendwann nicht mehr fahren“, so Bahnsen – das gelte es „mit aller Kraft“ zu verhindern. Dass es dabei laut werde, sei unvermeidlich, so Bahnsen weiter. „Man kann Geräusche zwar geringfügig verringern, aber manches ist einfach so.“ Die HSB hätten vorab per Flugblatt jeden Haushalt in Elend informiert und um Verständnis gebeten. Bei der Baustelle nahe dem Festivalgelände von „Rocken am Brocken“ gebe es zwar Wohnhäuser, doch dürften nicht alle Elender vom Baustellenlärm betroffen sein.

Praktisch sei dieser aber weithin zu hören, sagt Cindy Amarell, die weiter entfernt in der Bahnhofsstraße wohnt. Der Krach käme nicht nur von der Baustelle selbst. „Der gesamte Bahnhofsbereich und ein Teil der Parkflächen wurden umgestaltet und als Lager genutzt.“ Von dort höre man lautes Knallen, auch außerhalb des angekündigten Zeitfensters von 21 bis 6 Uhr. „Die zwei großen Bagger auf den Schienen haben seit 18.30 Uhr ihre Arbeiten vorbereitet“, hat die Elenderin am Donnerstag beobachtet. „Lautes Verladen und Rücken der Ersatzteile ist nun Programm.“ Wegen der Wärme könne man die Fenster nachts nicht schließen.

All dies mache neben den Einwohnern auch den Urlaubern im Ort zu schaffen. „Die Großstädter suchen Ruhe“, sagt Holger Launitz. Sorgen macht sich Eva Stürze. „Wenn die Gäste nachts nicht schlafen können, werden sie sich bedanken“, sagt die Paderbornerin, die in Elend ihren Zweitwohnsitz und eine „stark frequentierte“ Ferienwohnung in Gleisnähe hat. Nach der Corona-Zwangspause sei der Zuspruch groß. „Wir haben durchgängig vermietet und sind froh, dass dies möglich ist.“ Sie fürchtet aber, dass der Lärm Gäste vergraulen werde.

Nächtliche Arbeiten als Schildbürgerstreich

Was weder sie noch die Einwohner verstehen, ist, warum es gerade jetzt sein muss. „Ich habe grundsätzlich nichts gegen die Arbeiten am Gleis, die müssen gemacht werden“, so Cindy Amarell. Doch dafür hätten die HSB die Corona-Pause nutzen sollen, in der keine Züge fuhren und man tagsüber hätte arbeiten können. „In den vergangenen acht Monaten war viel Zeit. Da muss man das nicht jetzt nachts machen.“ Eva Stürze sieht das genauso. „Das ist ein Schildbürgerstreich par excellence.“

Das habe einen Grund, sagt Dirk Bahnsen. „Wir hätten das gerne früher erledigt, aber uns fehlten die Einnahmen aus dem Bahnbetrieb.“ Weil die Züge nicht fahren konnten, herrschte Ebbe in der Kasse. Rund vier Millionen Euro betrage der Verlust der HSB im Jahr 2020, rund ein Drittel des Umsatzes. Für 2021 sei die Einbuße noch nicht zu beziffern.

Zwar habe der Corona-Rettungsschirm positiv gewirkt, dennoch habe man Bauvorhaben verschieben müssen – darunter die ursprünglich für vergangenen Herbst vorgesehenen Gleisarbeiten in Elend. Denn diese seien kostspielig und würden teurer: Ein Kilometer Gleis habe 2019 rund 1,1 Millionen Euro gekostet, derzeit sei mit rund 1,5 Millionen Euro zu rechnen, schätzt der Sprecher. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren schlugen nur rund 500.000 Euro zu Buche.

Prioritäten gesetzt

Solche Projekte könne man nur angehen, wenn die Finanzierung gesichert sei, so Bahnsen. Daher habe das Unternehmen Prioritäten gesetzt und etwa die Fertigstellung der Lokwerkstatt in Wernigerode vorangetrieben. „Wenn wir dort unterbrochen hätten, wären die Folgen fatal gewesen.“

Umgekehrt brauche man Vorlauf für Bauprojekte. Wenn sich abzeichne, dass der Lockdown ende, könne man nicht kurzfristig vor dem Neustart sanieren, sondern müsse Ausschreibungen abwarten und sich danach richten, wann spezielle Technik, etwa für das Rüttelstopfverfahren, verfügbar sei. „In Deutschland gibt es nur zwei bis drei solcher Maschinen, die auf der Meterspur fahren“, erläutert Bahnsen.

Ein Rüttelstopfgerät ist vom 26. bis 28. Juli in Elend wieder im Einsatz. Danach sei das Gröbste vorbei: „Unser Ziel ist, am 6. August fertig zu sein“, so der HSB-Sprecher. Ob die übernächtigten Elender bis dahin die Nerven behalten, ist ungewiss. Manche erwägen nach Volksstimme-Informationen, die Polizei einzuschalten.