Wernigerode l Der Wolf erobert sich sein altes Territorium zurück. In Sachsen-Anhalt ist der Wolf wieder heimisch. Die Experten gehen aktuell von elf Rudeln mit 92 Individuen aus. Auch im Harz tappen seit einiger Zeit einzelne Tiere in die Fotofallen der Wildkameras. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das erste im Harz ansässige Wolfsrudel nachgewiesen wird. Eine Aussicht, die etliche Tierfreunde begeistert, aber auch viele Menschen verunsichert.

Wie anderswo in Deutschland sind es im Harzer Raum ebenso vor allem die Nutztierhalter, die um ihrem Bestand fürchten – wie sich am Sonntag bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Wolf gezeigt hat. Das Wernigeröder Harzmuseum hatte im Rahmen der Veranstaltungsreihe Museumsfrühling zu der Gesprächrunde mit Experten und Betroffenen in die Ratswaage geladen.

Frauke Meenken ist Chefin des Merino-Vereins Langenstein. Ihre Schafherden weiden in der Region – auch bei Wernigerode. „Wir hatten noch keinen direkten Kontakt mit dem Wolf“, sagte sie. „Aber unsere Tiere wären leichte Beute.“ Die Schafe würden für die Nacht vom Schäfer gepfercht werden, seien aber allein. „Wenn der Wolf kommt – keine Ahnung, was wir dann machen.“ Schutzhunde nachts bei der Herde zu lassen, halte sie für gefährlich, weil auch Menschen unterwegs seien. „Die Hunde verteidigen die Tiere.“ Und man könne Herdenschutzhunde nicht mit normalen Haushunden vergleichen. „Das sind Arbeitstiere“, so Meenken.

Schutzhunde geprüft

Das weiß Helmut Lenz genau. Der Harzer ist nicht nur seit Jahrzehnten Schäfer, sondern prüft und zertifiziert Herdenschutzhunde. Gesetzlich bewegen er und seine Berufskollegen sich beim Einsatz dieser Hunde im „luftleeren Raum“, kritisiert er – unter anderem durch die Regelungen in der Hundeverordnung und zur Aufsichtspflicht. Von der Politik fühle er sich allein gelassen. „Die Wölfe sind seit Jahren in Sachsen-Anhalt. Und wir sind die Leidtragenden“, so Lenz. Bei der Akzeptanz der Schutzhunde in der Bevölkerung und bei den Ordnungsbehörden sieht der Schäfer ebenso Defizite. „Angstbeißer oder hochgradig aggressive Tiere fallen in unseren Prüfungen durch“, so Lenz. Ein Schutzhund unterscheide zwischen harmlosem Fußgänger und potenziellem Gefährder. „Nähert sich jemand dem Zaun, muss er sich aufbauen und Imponiergehabe an den Tag legen.“ Daran müssten sich Passanten gewöhnen. Denn Schutzhunde in Verbindung mit Elektrozäunen könnten aus seiner Erfahrung Wolfübergriffe tatsächlich verhindern.

Professor Michael Stubbe kam als Vertreter der Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung. Er verwehrte sich gegen die weitverbreitete Aussage, Wölfe seien gefährdete Säugetiere. „Sie sind als Art nicht gefährdet.“ Von der Lüneburger Heide bis ins Baltikum gebe es Tausende Tiere. „Keine isolierten Rudel – es findet ein kontinuierlicher Austausch in alle Richtungen statt.“ Problematisch sehe er vor allem den starken Rückgang von Muffelwild und anderen Arten durch den Wolf. Die Rückkehr des Raubtieres sei politisch gewollte gewesen. „Aber jetzt ist die Politik nicht in der Lage, das Wolfsproblem zu lösen.“ Er sei für den Wolf, versicherte Stubbe. „Aber in einer regulierten Bestandsgröße.“ Deshalb setze er sich für einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Lagern ein.

Wunsch nach Kompromiss

Für eine sachliche Auseinandersetzung ist auch Antje Weber vom Wolfskompetenzzentrum. Die Biologin ist die Monitoring-Beauftragte für Sachsen-Anhalt. Das heißt, bei ihr laufen alle Daten über freilebende Wölfe in unserem Bundesland zusammen. Laut EU-Verordnung soll der Wolf sein ursprüngliches Territorium in Europa aus eigener Kraft wieder besiedeln. „Die Tiere werden nicht überall ansässig“, so die Expertin. „Nicht überall wo ein Wolf gesehen wird, gibt es ein Rudel.“ Wie sich in Sachsen-Anhalt gezeigt hat, fühlen sich die Tiere verstärkt auf Truppenübungsplätzen und größeren zusammen hängenden Waldgebieten heimisch. Der Harz sei „noch frei“, obwohl hier drei Rudel Platz hätten. Für die Zukunft wünscht sich Weber einen „breiten Konsens“, um Probleme gemeinsam anzugehen – beispielsweise bei der Ausbildung und Zulassung der Schutzhunde und bei der Verbesserung der Zäune.

Hoffentlich kein Sturm im Wasserglas, merkte ein Besucher der Diskussion an. Wichtig sei es nun, dass die Ergebnisse und Informationen der Gesprächsrunde an die Politik und die Entscheidungsträger herangetragen werden.

Die Sonderausstellung „Der Wolf. Ein Wildtier kehrt zurück“ ist bis zum 10. Juni in Wernigeröder Harzmuseum zu sehen