Stiege l Der Regisseur Enno Seifried, der mehrere Filme über den Harz sowie über verlassene Orte im Mittelgebirge gedreht hat, ist gerade im Brandenburger Moor unterwegs. Auf einer Wanderung für einen neuen Dokumentarfilm quer durch Deutschland. Der Leipziger bewegt sich gern abseits der augetrampelten touristischen Pfade. Die ehemalige Lungenheilstätte in Stiege gehört zu den „Lost Places“, den verlassenen Orten, die Seifried vor einigen Jahren besucht hat.

Woher kommt das Interesse an den verlassenen Orten?
Enno Seifried: Mit verlassenen Gebäuden und Ruinen habe ich mich schon in meiner Kindheit auseinander gesetzt. In Leipzig standen halbe Straßenzüge leer und in den Ruinen habe ich als Kind gespielt. Das Interesse für die Lost-Places-Fotografie kam erst später. Es besteht darin, die Stimmung, also die Aura, der Gebäude einzufangen, teilweise eine Zeitreise zu durchleben oder auch den Verfall zu dokumentieren.

Warum ist das gerade hier im Harz spannend?
Die Region hat mich schon immer interessiert. Anfangs nur als Naturgebiet zum Wandern. Fasziniert hat mich als erstes der Gegensatz zu Großstädten. Ich habe Urlaub im Harz gemacht, da bin ich einfach nur gewandert. Für mich bietet die Gegend die perfekte Mischung: Ich liebe die Natur und verlassene Orte. Auf einmal ging es ganz schnell und ich habe mich in den Harz verliebt.

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Was ist das Besondere am Albrechtshaus?
Das Albrechtshaus liegt einsam und abgeschieden mitten im Wald und hat als ehemalige Heilstätte einen besonderen Charme. Die Geschichte der Heilstätten im Harz finde ich außerdem sehr spannend. So wusste ich schon vorher, dass es die Lungenklinik hier gibt.

Wie haben Sie die Zeitzeugen gefunden?
Ich habe natürlich vorher schon im Internet recherchiert. Aber tatsächlich bin ich vor Ort von Tür zu Tür gezogen und habe einfach bei den Leuten geklingelt. Ich habe Menschen gesucht, die in der Nähe wohnen und mir was dazu erzählen können. Letztlich habe ich sogar einen Zeitzeugen getroffen, der sozusagen im Albrechtshaus aufgewachsen ist und mir wunderbare Geschichten erzählen konnte.

Was halten Sie vom Projekt zur Versetzung der Stabkirche in den Ort Stiege?
Wenn ich mich richtig erinnere gibt es nur zwei Holzkirchen im Ostharz. Allein dieser Fakt macht sie so bedeutend. Davon abgesehen, ist es ein wunderschönes Gebäude, das es unbedingt wert ist, gerettet zu werden. Der Standort ist ungünstig und die Gefahr groß, dass Vandalen und die Witterung dem Gebäude weiter zusetzen. Da ist halt nichts weiter außer Wald und somit auch wenig attraktiv für Touristen. Als ich das Gelände damals besucht habe, war die Versetzung der Kirche schon im Gespräch. Es ist erstaunlich, wie lange die Anwohner schon für dieses Projekt brennen. Auf der anderen Seite ist es traurig, dass es nicht noch mehr Unterstützung findet.

Die Geschichte hinter welchem verlassenen Ort war am spannendsten? Oder was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Es sind die Geschichten, die sich hinter den Mauern abgespielt haben, die mich besonders interessieren. So unterschiedlich die Orte sind, so unterschiedlich sind auch die Zeitzeugen. Einige Geschichten sind sehr emotional. Und ich will da jetzt eigentlich niemanden und keinen Landstrich herausgreifen, denn damit würde ich den anderen Unrecht tun.

Ist ein weiterer Film über verlassene Orte im Harz geplant?
Es gibt auf jeden Fall noch weitere verlassene Orte im Harz. Aber zum jetztigen Zeitpunkt sage ich, es wird keine Fortsetzung geben. Mir gefällt die Trilogie und mit dem Film 700 Kilometer Harz ist das insgesamt ein schöner Abschluss. Das klingt für mich vollständig. Das heißt aber nicht, dass ich da letzte Mal im Harz gewesen. Ich werde immer wieder kommen. Gerade erst war ich an der Teufelsmauer wandern.