Flugzeuge

Luftfahrtmuseum Wernigerode will mit neuem Boeing-Simulator durchstarten

Die Crew von Wernigerodes Luftfahrtmuseum hofft nach sieben Monaten auf die Wiedereröffnung im Juni. Mit dabei: ein neues Exponat, das in Europa einzigartig ist.

Von Holger Manigk und Jan Frieben
In der Hamburger Lufthansa-Werft wird der Simulator der Boeing 747/200 behutsam für seinen Transport zum Luftfahrtmuseum Wernigerode verladen.
In der Hamburger Lufthansa-Werft wird der Simulator der Boeing 747/200 behutsam für seinen Transport zum Luftfahrtmuseum Wernigerode verladen. Foto: Jan Frieben

Wernigerode - Von außen wirkt der fünf Meter breite weiße Koloss recht unscheinbar. Doch sein Innenraum hat es in sich: Hunderte Knöpfe, Hebel, Anzeigen und Instrumente machen die Schaltzentrale der Boeing 747/200 aus. Der Jumbojet – jahrzehntelang das Flaggschiff der Lufthansa – war einer der letzten Flieger mit Drei-Mann-Cockpit. Zwei Piloten und ein Flugingenieur waren nötig, um den Riesenvogel mit dem markanten Buckel zu steuern.

Wie die Besatzung im Cockpit der B-747/200 arbeitete, können Besucher des Wernigeröder Luftfahrtmuseums bald nachvollziehen – sobald die Schau am Gießerweg wieder öffnen darf. Der wohl letzte Simulator seiner Art ist im Harz gelandet. „Ein glücklicher Zufall für uns, dass wir dieses einzigartige Stück jetzt zeigen können“, sagt Clemens Aulich, Gründer und Chef des Luftfahrtmuseums. Denn der Stahlkasten wäre beinahe auf dem Schrottplatz geendet.

Die Lufthansa musterte im Dezember 2004 ihre letzte 747 mit Drei-Mann-Cockpit aus – digitale Technik sorgte dafür, dass der Flugingenieur als dritter Mann und „technisches Gewissen“ an Bord nicht mehr gebraucht wurde. Damit gehörte auch der Simulator zum alten Eisen. Dank einiger Mitarbeiter der größten deutschen Fluggesellschaft und ihrer Technik AG konnte er bewahrt und in Hamburg eingelagert werden. Die Hoffnung der Luftfahrt-Enthusiasten damals: Der Simulator und andere seltene Teile sollten später in einem Museum ausgestellt werden.

Doch mit der aktuellen Luftfahrt-Krise platzte dieser Traum. Die Lufthansa entschied, sich von museumsreifen Stücken zu trennen – sprich: Entweder die Zeugnisse der Geschichte wanderten auf den Müll oder in eine der großen staatlichen Flugzeug-Ausstellungen Deutschlands – und der Simulator eben nach Wernigerode.

Schenkung „wie Ostern und Weihnachten zusammen“

„Als wir gefragt wurden, ob wir das Objekt als Schenkung haben wollen, war das wie Ostern und Weihnachten zusammen“, erläutert Aulich. Der 59-Jährige musste lediglich mehrere Tausend Euro für den Versand bezahlen. Zunächst wurde der Koloss am Mittwoch, 19. Mai, in mehrstündiger Arbeit in der Hamburger Lufthansa-Werft sorgfältig verladen. Um Mitternacht startete schließlich der Schwertransport mit der Ladung von 4,50 Metern Breite Richtung Harz.

Unterwegs stellten sich mehrfach Baustellen an Autobahn-Auffahrten als Hindernisse heraus. Begrenzungsbaken standen enger als angekündigt. So ging es zeitweise über Hunderte Meter nur im Kriechtempo voran. Die Fahrer von Transporter und Sicherungsfahrzeug wurden sportlich gefordert – um den Verkehr nicht lange aufzuhalten, mussten sie Baken versetzen und nach dem Passieren der Engstellen wieder platzieren.

Ankunft um vier Uhr morgens in Wernigerode

Nach dem Verlassen der A 36 wenige Kilometer vor Wernigerode übernahm die Polizei die Leitung des Konvois, der wegen seiner Überbreite zwei Spuren benötigte. Um 4 Uhr morgens traf der Simulator schließlich sicher auf dem Museumsgelände am Gießerweg ein.

„Der Unterbau, der für die Bewegung des Geräts gesorgt hat, existiert leider nicht mehr“, so Aulich weiter. Damit sei der Apparat zwar nicht mehr funktionsfähig, biete aber einen „faszinierenden Einblick ins Cockpit für Laien und Experten“.

Dabei sei der Simulator nicht der einzige Neuzugang, den Aulich und seine Crew ihren Besuchern möglichst ab Anfang Juni präsentieren wollen: „Wir haben dazu ein paar Triebwerke, Komponenten von Flugzeugen und Propeller erhalten“, ergänzt der umtriebige Unternehmer, der zwischen Leipzig und Harz pendelt.

In den sieben Monaten Corona-Zwangspause sei auf den insgesamt 5000 Quadratmetern zudem viel passiert: „Wir arbeiten mit einer Minimalbesatzung jeden Tag.“ So sind die Infoschilder zu allen Exponaten komplett überarbeitet worden. Sie geben nun auch auf Englisch Auskunft zu originalen Flugzeugen und Hubschraubern, Einzelteilen und Modellen.

Neue Requisite aus Hollywood-Film

Weitere Neuheiten: Ein Trainingsgerät für den Instrumentenflug vom Ende des Zweiten Weltkriegs, entwickelt vom Orgelbauer Edwin Albert Link für die Pilotenausbildung bei der US-Navy, Überlebenswerkzeug von Funkgerät bis Schmerztabletten aus einem Schleudersitz sowie eine Übersicht über das Atemgerät von Kampfjet-Piloten. Die Hallenwand hinter dem neuen Simulator ziert nun eine Sammlung von etwa 40 Kunstdrucken zu bedeutenden Ereignissen der Luftfahrt-Geschichte.

„Dazu können unsere Besucher ab 10. Juni eine echte Requisite aus einem Hollywood-Film erleben“, verspricht Aulich. Nähere Details könne er noch nicht verraten.

Sein ambitioniertes Ziel für die Ausstellung: „Ich will jedes Jahr 100 neue Exponate zeigen.“ Immerhin sammle er seit mehr als 50 Jahren Flugzeug-Teile und Luftfahrt-Devotionalien. „Mit dem Hobby hat mich mein Großvater – selbst Fluglehrer – angesteckt, als ich sechs Jahre alt war.“

100.000 Besucher als Ziel für 2022

Kenner würden die Veränderungen in den Hangars bemerken. „Doch wir wollen ein breites Publikum ansprechen“, sagt der studierte Mediziner und Maschinenbauer. Er peile für 2022 100.000 Besucher an. „Damit würden wir in einer Reihe mit der Luftfahrt-Abteilung des Deutschen Museums bei München stehen.“

Optimistisch auf dem Weg dahin stimmt Aulich das positive Echo für die Wernigeröder in der Fachpresse sowie der steigende Zuspruch bei Flugzeug-Enthusiasten aus aller Welt. „Im vergangenen Jahr hatten wir Gäste aus Australien, Neuseeland, den USA und Kanada, die extra wegen uns nach Deutschland gereist sind.“

Daher hoffe er auf eine schnelle Erholung nach der Corona-Krise, die Museen wie seines besonders hart treffe: „Im Gegensatz zur Industrie hatten wir den ganzen Winter und Frühling über Berufsverbot“, sagt der Besitzer des Museums mit der silbernen Transall auf dem Dach. Seit den November- und Dezember-Hilfen warteten er und sein Team auf jegliche staatliche Unterstützung. Doch nun wittern sie Morgenluft: „Nächste Woche geht es an die Grundreinigung unserer Hallen, dann sind wir startklar.“

Zentimeterarbeit: Als besonders schwierig erwiesen sich die letzten Meter für den Simulator zwischen den Hangars des Luftfahrtmuseums Wernigerode hindurch an seinen Ausstellungsplatz.
Zentimeterarbeit: Als besonders schwierig erwiesen sich die letzten Meter für den Simulator zwischen den Hangars des Luftfahrtmuseums Wernigerode hindurch an seinen Ausstellungsplatz.
Foto: Jan Frieben
So sah der Arbeitsplatz des Flugingenieurs in der Boeing 747-200 aus. Er war für die Bedienung der Motoren zuständig und erledigte  Wartungsarbeiten. Mit der Digitalisierung wurde der dritte Mann überflüssig.
So sah der Arbeitsplatz des Flugingenieurs in der Boeing 747-200 aus. Er war für die Bedienung der Motoren zuständig und erledigte Wartungsarbeiten. Mit der Digitalisierung wurde der dritte Mann überflüssig.
Foto: Jan Frieben
Neu im Luftfahrtmuseum Wernigerode ist auch diese aufwendig restaurierte Cockpit-Sektion einer Nord Noratlas. Das Besondere: Insgesamt vier Mann Besatzung fanden darin Platz.
Neu im Luftfahrtmuseum Wernigerode ist auch diese aufwendig restaurierte Cockpit-Sektion einer Nord Noratlas. Das Besondere: Insgesamt vier Mann Besatzung fanden darin Platz.
Foto: Holger Manigk
In einer neuen Vitrine im Luftfahrtmuseum Wernigerode ist das Überlebensset aus dem Schleudersitz eines Piloten zu sehen.
In einer neuen Vitrine im Luftfahrtmuseum Wernigerode ist das Überlebensset aus dem Schleudersitz eines Piloten zu sehen.
Foto: Holger Manigk