Sorge l Der ehemalige Todesstreifen beim kleinen Oberharz-Dorf Sorge soll Vorreiter für die ganze Region werden: Besucher können die Grenzlandschaft zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen nun per Multimedia-Guide erkunden – und mit Animationen, Videosequenzen sowie Audio-Formaten auf dem eigenen Smartphone oder Tablet in die Zeit des Kalten Krieges eintauchen.

Seit 2019 arbeiteten der Harzer Tourismusverband (HTV) und der Verein des Grenzmuseums Sorge an dem Pilotprojekt, das ebenfalls für die Nordhäuser Traditionsbrennerei gestartet wurde. „Im Freilandmuseum am Grünen Band sind die Bedingungen aber ungleich komplizierter“, sagt HTV-Geschäftsführerin Carola Schmidt bei der Vorstellung des Multimedia-Guides.

Dieser soll vor allem Kleingruppen und Individualtouristen Hintergrund-Informationen zur Geschichte der innerdeutschen Grenze und den Anlagen selbst geben, ergänzt Inge Winkel. Wie die Zeitzeugin und Chefin des Grenzmuseum-Vereins betont, soll die Technik dennoch nicht gänzlich ihre persönlichen Führungen ersetzen.

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Probleme für Verein durch Corona-Krise

Letztere seien wegen der Corona-Pandemie „fast gänzlich weggebrochen“. Sonst besuchten rund 7000 Touristen pro Jahr das kleine Museum am Sorger Bahnhof mit Artefakten aus dem Kalten Krieg und die Grenzlandschaft, darunter immer mehr ausländische Gäste – etwa aus Frankreich, Dänemark und Großbritannien. „Das war eine harte Zeit für uns als kleiner Verein, der auf Spenden und Einnahmen von Führungen angewiesen ist“, sagt die 71-jährige Winkel.

Geld für den Verein können Nutzer des digitalen Guides, der barrierefrei in den Sprachversionen Deutsch und Englisch funktionert, per PayPal-Funktion weiter geben. Da das Mobilfunknetz im Oberharz noch recht löchrig ist, kann das Programm für die Offline-Nutzung bereits zu Hause oder direkt am Grenzmuseum heruntergeladen werden. Dort steht schon freies W-LAN zur Verfügung.

W-LAN an Erdbunker und Grenzzaun

Ab Herbst sollen Wanderer nicht nur im Dorf, sondern auch an der zwei Kilometer entfernten, original erhaltenen Grenzanlage mit Zäunen, Beobachtungsturm, Gewässersperre und Erdbunker kostenlos im Internet surfen können. „Wir hoffen, dass die Arbeiten für die Masten Anfang Oktober beginnen“, sagt Tino Franke vom Museumsverein. Den nötigen Strom sollen verdeckt aufgebaute Solarzellen liefern. Damit könnten laut HTV auch die Virtual-Reality-Inhalte des Guides auf dem gesamten Areal bis zum Ring der Erinnerung problemlos abgerufen werden.

Für HTV-Chefin Schmidt ist der Abschluss des Pilotprojektes das Ergebnis „einer kreativen und inspirierenden Zusammenarbeit“ mehrerer Partner – des rund 20 Mitglieder starken Museumsvereins sowie der Agentur Harzkind und des Multimedia-Studios Regenbogen. Sie danke vor allem dem Freistaat Thüringen: Das Nachbarland ermöglichte die Finanzierung der rund 20.000 Euro teuren sogenannten Progressiven Web App – einer Mischung aus Internetseite und Handy-Applikation.

Auf diesem Grundgerüst will der HTV in den nächsten Monaten und Jahren ähnliche multimediale Führungen für andere Attraktionen im Harz entwickeln. Je nach Budget könne der notwendige Inhalt besonders aufwendig oder einfacher dargestellt werden. „Das System ist sehr flexibel anzupassen“, verspricht Carola Schmidt.