Corona

Plastikmüll contra Nachhaltigkeit

In der Corona-Pandemie steigt der Bedarf an Verpackungen, auch im Harz. Und zugleich der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit. Wie passt das zusammen?

Von Sofia Mönter Jaime
Coffee to go und Lieferungen: In der Corona-Pandemie stieg der Bedarf an Verpackungen an, im Harz um mehr als sechs Prozent.
Coffee to go und Lieferungen: In der Corona-Pandemie stieg der Bedarf an Verpackungen an, im Harz um mehr als sechs Prozent. Symbolfoto: dpa

Wernigerode - Die Corona-Krise ist zur Verpackungs-Krise mutiert. Sei es der Kaffee-to-go für den Spaziergang, die zahlreichen Gesichtsmasken, das Essen vom Lieferservice oder die umfangreichen Verpackungen beim Online-Shopping – mit dem Lockdown ging ein Plastikmüll-Hoch einher. Dies bestätigen auch die Zahlen der Abfallwirtschaft Nordharz. Denn seit 2019 sind die im Haushalt anfallenden Verpackungsabfälle in der Region um 6,2 Prozent gestiegen. „Die Zahlen sprechen für sich und belegen, dass durch die Corona-Krise mehr Verpackungsmüll im Haushalt produziert wurde“, schätzt der Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Nordharz GmbH, Dirk Hirschfeld, ein.

Eine erschreckende Bilanz, insbesondere da dieses Jahr eigentlich unter dem Zeichen der Plastik-Eindämmung stehen sollte. Ab dem 3. Juli soll nämlich das Verkaufsverbot für Wegwerfartikel aus Kunststoff in Kraft treten, um Plastikmüll zu reduzieren. Daher soll in Zukunft unter anderem der Verkauf von Trinkhalmen, To-go-Bechern und Fast-Food-Verpackungen aus Kunststoff und Styropor nicht mehr erlaubt sein. Ein Szenario, welches in der aktuellen Corona-Lage mit ausschließlichem Außer-Haus-Verkauf noch undenkbar ist.

Umwelt oder die Exisztenz retten

Gastronomen müssen momentan abwägen: Wollen sie die Umwelt oder ihren Betrieb retten? Der langjährige Gastronom Jörg Buntenbach versucht beides zu vereinen und ist für die Theke seines Feinkostladens „kleeblatt“ daher auf Zuckerrohr-Verpackungen umgestiegen. Die Behälter können über die Biotonne entsorgt werden und lassen sich innerhalb von drei Wochen kompostieren. Eine nachhaltige Plastik-Alternative, die jedoch ihren Preis hat. „Für 50 Zuckerrohr-Verpackungen bekomme ich die dreifache Menge an Plastik-Behältern“, so der 60-Jährige. „Viele Gastronomen sind nicht bereit, diesen Preis zu bezahlen. Vor allem, weil sie gerade andere Sorgen haben - schließlich geht es ums blanke Überleben.

Die kostengünstigste und umweltfreundlichste Alternative wäre natürlich, wenn jeder Kunde seine eigenen Behälter zur Abholung mitbringen würde. Laut des Lebensmittelverbandes Deutschland dürfen Lebensmittelunternehmer individuell entscheiden, ob und in welche Behälter sie ihre Lebensmittel abgeben.

Problem Sauberkeit

Doch Jörg Buntenbach sieht das problematisch, denn die kundeneigenen Gefäße seien häufig nicht komplett sauber, was zu Kontaminationsproblemen führen kann. „Die Schuld wird dann schnell beim Gastronom gesucht und im Handumdrehen steht das Gesundheitsamt vor der Tür“, erklärt der gelernte Koch resigniert.

Doch andererseits macht der gebürtige Nordrhein-Westfale täglich auch positive Erfahrungen mit mitgebrachten Behältern. Denn sein Laden besteht nicht nur aus seiner Feinkost-Theke, sondern bietet auch die Möglichkeit, unverpackt einkaufen zu können. Hier können Kunden also trockene Lebensmittel, wie Reis, Müsli oder Mehl, in ihre eigenen Mehrwegbehälter abfüllen und nach Gewicht bezahlen. „Dadurch wird Abfall vermieden und ein Beitrag dazu geleistet, die Umwelt zu schützen“, so Jörg Buntenbach. Bei den Bewohnern von Wernigerode stößt das Konzept auf Begeisterung. „So ein Laden hat hier gefehlt“, bestätigt Kundin Ursula Koglin.

„Grüne Welle“

Unter der Corona-Krise scheint der Unverpacktladen von Jörg Buntenbach nicht zu leiden, im Gegenteil: die Nachfrage scheint größer denn je. Das könnte daran liegen, dass sich seit Beginn der Pandemie ein deutlicher Trend in Richtung mehr Umweltbewusstsein abzeichnet. Die Pandemie scheint bei den Menschen ein größeres Bedürfnis nach Nachhaltigkeit und Regionalität ausgelöst zu haben – es wird sogar von einer „grünen Welle“ gesprochen. Dies bestätigt eine Studie des Instituts für Handel & Internationales Marketing der Universität des Saarlandes. „Viele Konsumentscheidungen sind in Corona-Zeiten von Nachhaltigkeit getrieben“, verrät Professor Bastian Popp. 67 Prozent der Befragten haben demnach angegeben, dass sie in Zukunft nachhaltigere Produkte bevorzugen würden, auch wenn das bedeutet, dass sie dafür mehr bezahlen müssen. Außerdem sei das Interesse an regionalen Produkten stark gestiegen, so Bastian Popp.

Diesen Trend hat auch Jörg Buntenbach bereits bei seiner Kundschaft festgestellt. „Ich merke, dass die Menschen seit Corona ein größeres Bedürfnis nach einem nachhaltigen Konsum- und Lebensstil haben“, so der Gastronom. Auch Stammkundin Ursula Koglin bestätigt: „Mein Umweltbewusstsein und mein Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit ist jetzt definitiv stärker ausgeprägt.“

Eine positive Entwicklung, die jedoch aktuell noch von einer großen Plastikmüll-Wolke überschattet wird. Es bleibt abzuwarten, ob die Wolke in Zukunft von nachhaltigen Windböen weggepustet und aufgelöst werden kann. Jörg Buntenbach sieht der Entwicklung positiv entgegen und betont. „Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, denn viele können Großes schaffen!“

Müsli, abgefüllt im mitgebrachten Behälter ? ein Konzept, das auch in Wernigerode auf Zustimmung stößt.
Müsli, abgefüllt im mitgebrachten Behälter ? ein Konzept, das auch in Wernigerode auf Zustimmung stößt.
Foto: Sofia Mönter Jaime