Wernigerode l „Wir sind hier im Pferdeniemandsland. Es gab einfach kein gut sortiertes Reitsportfachgeschäft in der Region, aber jede Menge Pferdebesitzer“, sagt Katja Husung, die mit drei Jahren zum ersten Mal im Sattel saß. „Und die Lage des Ladens ist einfach ideal.“ Grund genug, sich nach der Elternzeit gemeinsam mit ihrem Freund Steffen Hermann in das Abenteuer „Einzelhandel“ zu stürzen. Seit gut einem Jahr ist die „Reitbar“ im Dornbergsweg zu finden: Moderne Holzmöbel, auf dem Flachbildfernseher laufen Pferde-Clips, am Kühlschrank mit Sekt und Erfrischungsgetränken können sich Kunden bedienen – natürlich kostenfrei, betont Katja Husung. „Wer zu uns kommt, soll sich wie bei Freunden fühlen“, sagt die gebürtige Halberstädterin.

Das Paar geht in Zeiten der Digitalisierung einen ungewöhnlichen Weg: Obwohl derzeit viele Händler ihre Produkte auch im Internet anbieten, um neue Zielgruppen zu erschließen, verzichten Steffen Hermann und Katja Husung auf dieses Instrument. „Wir sind eines der erfolgreichsten Start-Ups unter den Reitsportfachgeschäften in dieser Größenordnung“, sagt Steffen Hermann. „Und das vor allem, weil wir ganz bewusst auf einen Online-Shop verzichten.“

Also Erfolg durch Verzicht? „Wir setzen auf gute Beratung, punkten mit der Wohlfühlatmosphäre in unserem Geschäft.“ Die Schnäppchenheischerei im Internet, wo „Geiz ist geil“ die bevorzugte Verkaufsstrategie vieler Anbieter sei, mache die „Reitbar“ ganz bewusst nicht mit.

Bilder

Lieber auf Messen und beu Reitern unterwegs

Stattdessen ist Katja Husung lieber inmitten von Reitern oder auf Messen unterwegs, um neue Trends für ihr modernes Ladenkonzept aufzustöbern und an den potenziellen Nutzern zu testen. Stammkunden kommen nicht nur aus dem direkten Umfeld, sondern auch aus Göttingen, Magdeburg, Braunschweig und Helmstedt. Als Reiterin und Pferdehalterin hat die 33-Jährige ein Gespür für die Bedürfnisse der Kundschaft. „Wir haben zum Beispiel in der nichtgrünen Jahreszeit einen Möhren-Mittwoch, an dem Möhren und rote Beete in 20-Kilo-Säcken angeboten werden“, sagt sie.

Trotz des Verzichts auf einen Online-Shop geht das Paar mit den Trends: So wird am Sonntag eine der bekanntesten Instragrammerinnen unter den Pferdenarren im Laden erwartet.

Es ist die erfolgreiche Pferde-Influencerin Annica Hansen. Die fünf Jahre alte Tochter von Katja Husung hat die Blondine mitten im Messegetümmel in Leipzig spontan angesprochen, weil sie sie erkannt hat. Sie habe kurz die Luft anhalten müssen, erinnert sich Katja Husung im Volksstimme-Gespräch. Schließlich hat Moderatorin Annica Hansen, die Pferdesport-begeisterte Bloggerin, mehr als 122.000?bekennende Follower, also Fans, die ihrem Konto folgen allein auf Instagram. Das Pferd des blonden Models ist sogar noch prominenter: „Wölbchen“ bringt es auf stattliche 216.000?Follower. Ihr YouTube-Kanal hat rund 180.000 Abonnenten bei insgesamt etwa 24 Millionen Video-Aufrufen (Stand Februar 2019).

Neue Kollektion wird im Harz präsentiert

Annica Hansen freundete sich auf Anhieb mit der kleinen Hannah an. Ein Foto von beiden auf Instagram wird zum Erfolg – und aus dem zufälligen Treffen auf der Fachmesse „Partner Pferd“ entwickelt sich im Nachhinein eine geschäftliche Beziehung. „Wir konnten Annica überzeugen, ihre neue Kollektion exklusiv in unserem Laden zu präsentieren“, berichtet Katja Husung. Die kleine „Reitbar“ in Wernigerode ist zudem der einzige Laden, der die „Ponyliebe“-Kleidung in ganz Deutschland anbietet. Ursprünglich wollte Hansen ihre Mode nur online vertreiben. Doch das familiäre Ladenkonzept überzeugt die 36-Jährige.

Zur Präsentation am Sonntag kommt die Influencerin persönlich, gibt vier Stunden lang Autogramme und geht mit den Fans auf Tuchfühlung. Rund um die Autogrammstunden stricken die Ladenbesitzer ein ganzes Shopping-Erlebnis mit Foodtruck und Aktionen. Damit der Besuch der Instagrammerin gelingt, wurden allerlei Vorkehrungen getroffen. „Wir haben uns mit dem Real-Markt abgestimmt und dürfen den Parkplatz mitnutzen“, sagt Steffen Hermann. Bilder aus dem Fernsehen, wo Influencer für Verkehrschaos und ohnmächtige Teenager sorgen, wird es am Sonnabend in Wernigerode nicht geben. Dass Katja Husung und Steffen Hermann vor der Selbstständigkeit als Event-Manager tätig waren, merkt man schnell.

Mit dem Geld, das bei solchen Einkaufs-Events wie am Sonntag oder beim Sommerfest zusammen kommt, werden auch junge Vielseitigkeits- und Springreiter gefördert. 20 Nachwuchstalente werden von der „Reitbar“ ausgestattet, dürfen den Anhänger für Wettbewerbe nutzen. „Jugendförderung ist uns ein Herzensanliegen. Und was man gibt, kommt dreifach zurück: Jeder unserer Reiter war sehr erfolgreich – so eine Förderung hätte ich mir selbst auch gewünscht, als ich klein war“, sagt Katja Husung.