Benneckenstein l Wer über das Gelände des Technikmuseums Benneckenstein schlendert, ist mittendrin in einer Zeit, in der das unbeschwerte Leben ein Fremdwort war. Überall stehen Militärfahrzeuge, die einst in Kriegen im Einsatz waren. Eine Luftabwehrkanone streckt ihr Rohr in den Himmel, ein U-Boot-Turm ragt aus dem Wasser, ein Kampfjet steht wie zum Abflug bereit. Hinter dem Freiluftmuseum steckt aber kein Kriegsliebhaber, sondern ein Technikfan mit Herz. Mario Tänzer ist einfach fasziniert von der Funktionsweise und Geschichte der Maschinen. Und der Ursprung liegt schon drei Jahrzehnte zurück.

Acht Jahre alt war Mario Tänzer, als sein Freund Michel Christ eine ganz besondere Entdeckung mit ihm teilte. „Er sagte damals zu mir, dass er weiß, wo ein Panzer im Wald steht. Ich habe das nicht geglaubt. Er hat auch erzählt, er hätte ein Moped und eine Eisenbahnplatte – und nichts hat er gehabt“, blickt Mario Tänzer lachend zurück.

Panzer als Spielplatz

„Dann führte er mich dorthin, hielt mir die Augen zu, ging mit mir 20 Meter und als er seine Hand wegnahm, stand dort auf der Waldlichtung ein T-34. Das werde ich nie vergessen.“

Bilder

Das russische Modell sei „die Crème de la Crème, die Königsklasse unter den Panzern“, meint der heute 38-Jährige. „Jedes Land hat seinen berühmten Panzer. Die Amerikaner haben den Sherman, die Deutschen den Tiger und die Russen den T-34.“ Und genau einer davon stand 1990 im Wald bei Tanne auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz.

„Wir sind sehr oft die vier Kilometer von Benneckenstein aus mit dem BMX-Rad durch den Wald nach Tanne gefahren und haben dort gespielt. Zum Ärgernis unserer Eltern, die vor allem Angst davor hatten, dass wir uns verletzen oder die Luke einfach zufällt“, sagt er. Also habe man sich gegenseitig gedeckt. „Mein Kumpel hat erzählt, er sei bei mir und ich habe erzählt, ich sei bei ihm. Oft genug haben uns unsere Eltern aber auch wieder abgeholt.“

Aus Traum wurde Wirklichkeit

Zwei Jahre haben die zwei Jungs im Wald gespielt, ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Bis Marios Vater plötzlich meinte, dass er heute nicht mehr hinfahren brauche. „Ich dachte erst, ich kriege ein Verbot“, sagt der Technikfan. „Aber mein Vater meinte, dass der Panzer verschrottet wurde. Ich bin sofort hingefahren und er war wirklich weg. Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“ Ein paar Tage habe er geweint, seinem Vater sogar Vorwürfe gemacht, dass er das Gefährt nicht abgeholt hatte. „Ich wollte schon immer einen Panzer haben. Und dann habe ich mir geschworen, irgendwann einen zu besitzen.“

Der Wunsch verfestigte sich über die Jahre. Auch als Jugendlicher, als ihm eine Ausgabe der Deutschen Militärzeitschrift in die Hände fiel, fühlte er sich bestätigt. „Die Überschrift war ‚Panzer im Privatbesitz‘. Da haben sie Leute aus der ganzen Welt vorgestellt, die Panzer haben“, erinnert sich Mario Tänzer. „Und vor dreizehneinhalb Jahren habe ich mir dann meinen ersten Panzer gekauft.“

Mittlerweile hat er einige Panzer bei sich auf dem Gelände stehen. Nicht alle sind nur zum Anschauen da, bei manchen können sich Erlebnishungrige sogar selbst ans Steuer setzen. Doch die Sammlung war nie komplett, die Sehnsucht nach diesem einen Modell, dem T-34, blieb. „Ich habe die ganzen Jahre so einen Panzer gesucht, sie sind aber sehr schwer zu bekommen“, weiß Mario Tänzer. In Deutschland gebe es maximal noch sechs, sieben Stück, schätzt er.

Aufwändige Reparatur

„Ich habe all die Jahre danach gesucht, habe alles versucht. Vor ein paar Wochen bin ich sogar bis hinter Warschau gefahren, um so ein Modell anzuschauen“, verrät er. Fündig wurde er dann aber sogar im eigenen Land. Ein ostdeutscher Privatsammler trennte sich von seinem Russenpanzer „für eine immense Summe. Da kaufen manche Häuser für“, gesteht Mario Tänzer.

Doch der Befreiungspanzer Baujahr 1944 habe es ihm einfach angetan. „Er wird nie im Leben sein Geld einspielen. Aber es war mein persönliches Ziel. Jetzt kann ich sagen, dass ich fahrzeugtechnisch alles erreicht habe, was ich erreichen wollte. Das war immer mein Lebens­traum.“

Dafür nahm er nicht nur eine Menge Geld, sondern auch einige Strapazen auf sich. Obwohl der Panzer nur 160 Kilometer von Benneckenstein entfernt stand, hat es 20 Stunden gedauert, ihn dorthin zu bringen. „Wir sind Freitag um 16 Uhr losgefahren und waren am Samstag um 12 Uhr wieder hier, ohne jeglichen Schlaf“, erzählt er.

Denn aufgrund des hohen Gewichtes sei mitten in der Nacht am Tieflader ein Reifen geplatzt. „Ich habe um 1 Uhr die Firma Vogeley in Benneckenstein angerufen, die dann spontan angereist ist und bis morgens ein älteres Ersatzrad draufgezogen hat“, beschreibt Tänzer. Doch die Notlösung hielt nicht lange Stand, im Kreisel in Blankenburg drückte sich der Reifen aufgrund der engen Straßenführung erneut von der Felge. „Da ist der nächste Reifen geplatzt.“

Am Ende ging alles gut, der Koloss rollte auf den Museumshof, der Panzer wurde auf der Wiese abgestellt. Noch ist er sichtbar für Besucher, bevor er in der Halle verschwindet, um wieder instand gesetzt zu werden. „Er ist in einem desolaten Zustand. Von der Schlacht in Berlin hat er vorne drei Treffer abbekommen. Er ist schon ein Zeitzeuge“, erzählt Mario Tänzer. Jetzt wolle er ihn Stück für Stück wieder reparieren. „Das ist meine Lebensaufgabe“, sagt der Benneckensteiner.

Denn mit ein paar Handgriffen sei das nicht getan. Die Besucher möchte er an dem Prozess teilhaben lassen. „Sie können die Restauration verfolgen. Wenn wir gerade daran arbeiten, können sie sich das gerne angucken und wir erklären auch was dazu“, verspricht er. Etliche Jahre werde die Instandsetzung dauern, dennoch plant er schon jetzt die Einsätze des Panzers. „Ich würde gern Vorführungen damit machen oder ihn für Filmproduktionen ausleihen. Jeder Film, der über den Zweiten Weltkrieg gedreht wird, braucht einen T-34“, weiß Mario Tänzer. Und er habe jetzt endlich einen.