Wernigerode l Die Augen blitzen blau, die Wangen sind gerötet, die Haare im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen. Wie eine Königin wirkt Luise von Preußen nicht gerade, eher wie eine vornehme Römerin in schlichter heller Tunika und dunkelblauer Toga. Doch der Eindruck, den das Gemälde vermittelt, täuscht: „Sie ist bis heute eine preußische Ikone“, sagt Christian Juranek, Chef im Schloss Wernigerode, über die Monarchin, die eine der großen Persönlichkeiten der Hohenzollern war. Ihr Portrait gehört zur Sammlung auf dem Wernigeröder Agnesberg.

Königin Luise von Preußen

Geboren wurde Luise Auguste Wilhelmine Amalie als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz am 10. März 1776 in Hannover. Als sie den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm heiratete, war sie gerade einmal 17 Jahre alt. „Es war fast eine Musterehe, mit persönlichem Glück, was auf Monarchenebene nicht selbstverständlich war“, so Juranek.

Im November 1797 übernahm ihr Gatte die Königswürde von seinem Vater, der kurz darauf starb und einen Schuldenberg hinterließ. Nicht nur deshalb pflegte König Friedrich Wilhelm III. einen relativ bescheidenen Lebensstil – den bisherigen Ausschweifungen am Hof setzte er eine betonte Bürgerlichkeit entgegen. „Das war sehr ungewöhnlich für die Zeitgenossen – diese stille, zurückgezogene Art“, erklärt der Historiker Juranek.

An der Seite ihres Gatten wurde Luise rasch zur „Königin der Herzen“. Zehn Kinder brachte sie zur Welt, unter ihnen den späteren König Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I., der 1871 zum deutschen Kaiser gekrönt wurde. Die Zeitgenossen liebten sie für ihren unkonventionellen Charme und ihre viel gerühmte Schönheit. Damit beeindruckte sie unter anderem Napoleon, mit dem sie 1807 in Tilsit über einen Friedensschluss verhandelte. Dabei hatte die Königin zuvor darauf gedrungen, dass Preußen gegen das napoleonische Frankreich zu Felde zog – ein Schritt, den ihr als unentschlossen geltender Gatte lange hinausgezögert hatte.

Nach der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt konnte Luise jedoch Napoleon kaum ein Zugeständnis entlocken – dennoch wurde das Zusammentreffen zwischen dem Franzosenkaiser und der junge Frau, die ihm furchtlos die Stirn bot, zur Legende.

Großer Bahnhof für preußische

Dass das Bildnis der Preußenkönigin auf dem Schloss hängt, hat seine Bewandnis. Denn vom 29. bis 31. Mai 1805 hat Luise gemeinsam mit ihrem Gatten Wernigerode einen Besuch abgestattet – mit ganz großem Bahnhof. „Das demonstriert ein enges Verhältnis der Grafen von Stolberg mit den preußischen Königen“, so Christian Juranek. Seit 1714 herrschten die Hohenzollern auch in Wernigerode.

In einem Aufsatz für das Mitteldeutsche Jahrbuch hat der Schlosschef den Besuch beschrieben. Am 29. Mai 1805 trafen Friedrich Wilhelm III., Luise und ihr Gefolge in Wernigerode ein. Rund 100 Personen reisten im Tross des Königspaares, was die Bewirtung des Besuches für das Wernigeröder Grafenhaus zu einer finanziellen Herausforderung machte.

Geplant war die Visite im Harz ursprünglich bereits für 1803, jedoch war damals wegen starker Regenfälle der Weg zum Brocken unpassierbar. Dorthin zog es am 30. Mai 1805 das königliche Paar, das zuvor im Schloss übernachtet hatte. „Das war ein denkwürdiger Punkt, denn auf den Blocksberg zu gehen, war damals nicht so einfach“, erklärt Juranek.

Das preußische Herrscherpaar fuhr mit der Kutsche über Oehrenfeld nach Ilsenburg, begleitet unter anderem vom Schlossherrn Graf Christian Friedrich, seinen Töchtern Louise von Schönberg und Friederike Gräfin zu Stolberg-Wernigerode sowie der Schwiegertocher Ernestine von der Recke.

Begeistert von Harzer Felsmassen

Der strahlende Sonnenschein vom Vortrag wich während der Fahrt durch das Ilsetal einem heftigen Gewitter, notiert die „Nüsschen“ genannte Friederike in einem Brief an ihre Schwester Anna. Dem Königspaar schien das nicht viel auszumachen, denn beide konnten sich „auch im hohen Wagen an der Felsenmasse nicht satt sehen“, so die Gräfin.

Das Königspaar verbrachte die Nacht auf dem Berg, wofür das Brockenhaus eigens durch Holzanbauten erweitert worden war. „Entsetzlich kalt“ sei es gewesen, notiert Gräfin Friederike und fährt fort: „Auf der Heinrichshöhe empfing uns ein dicker Nebel, der sich bald in Schnee auflöste, und uns nicht einen Augenblick auf des Berges Spitze mehr verließ.“ Das Monarchenpaar nahm den laut Friederike „verunglückten“ Ausflug mit Contenance und erklärte, die Reise dennoch nicht missen zu wollen.

Nach dem Eintrag ins Brockenstammbuch kehrte das Königspaar am 31. Mai zurück, um mit der Grafenfamilie im Jenny-Haus zu speisen, benannt nach der ersten Frau von Graf Heinrich zu Stolberg-Wernigerode. Wo einst das Gebäude im Tiroler Stil stand, befindet sich heute das Wirtshaus im Christianental. Abgesehen von einem Unfall mit einer umstürzenden Kutsche verlief der königliche Besuch ohne weitere Zwischenfälle, die Gäste reisten am frühen Nachmittag ab.

Fundstück vom Begrüßungsdinner

Vom Königspaar blieb nichts außer der Erinnerung und einem Umhängetuch, das beim großen Begrüßungsdinner im Saal der Orangerie liegen geblieben ist. Was daraus geworden ist und ob es aussah wie die blaue Toga aus dem Luisen-Bildnis, ist nicht überliefert.

Dass Luise stets ein Tuch trug, ist jedoch verbürgt: Sie verbarg damit einen unschönen Kropf am Hals. Insofern bietet das Luisen-Portrait, das in der Grünen Heinrichskammer im zweiten Schlossumgang hängt, kein getreues Abbild der Königin. „Es zeigt ein klassizistisches Ideal“, betont Schloss-Geschäftsführer Juranek mit Blick auf den lang gestreckten Hals, den Luise nachweislich nicht besaß.

Der unbekannte Künstler, der das Bild zwischen 1806 und 1808 gemalt hat, zeigt die Königin im Schulterbild von hinten, eingefasst von einem ovalen Rahmen aus vergoldetem Holz. „Das ist ganz typisch für die Zeit“, weiß Juranek. Daher war es ein Glücksfall, dass ein Antiquitätenhändler das Gemälde zum Kauf angeboten hat.

Friedrich Wilhelm III. war noch ein zweites Mal in Wernigerode, wenn auch nur kurz. Am 16. Oktober, zwei Tage nach der Niederlage von Jena und Auerstedt, war der Preußenkönig auf der Flucht vor den napoleonischen Truppen. Diese folgten dem Monarchen und verbreiteten plündernd Angst und Schrecken in der Stadt.