Wernigerode l Voller Weitsicht haben vor nahezu 25 Jahren die Silstedter Agrargenossen gehandelt. Vom Vorstand über den Aufsichtsrat bis zum Verpächterbeirat stimmten sie zu, etwa 40 Hektar von ihrem fruchtbaren Ackerland einem Züchtungsunternehmen zur Verfügung zu stellen.

Hier – im Regenschatten des Harzes – wurde Anfang der 1990er Jahre eine Saatzuchtstation gegründet. Seitdem wurden Arbeitsplätze geschaffen und investiert. Außerordendlich gute Bedingungen für die Selektion legten den Grundstein für den Erfolg der Firma.

Neuansiedlung zahlt sich aus

Karl-Heinz Mänz und Robert Falke als erster und zweiter Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft hatten damals vehement für das Projekt geworben. Sie waren überzeugt: Die Neuansiedlung bietet der Landwirtschaft mit den regional gezüchteten Sorten beste Voraussetzungen für eine insgesamt verbesserte Wertschöpfung.

Das Silstedter Saatgutzuchtunternehmen „RAGT2n“ gehört zur französischen Mutterfirma „RAGT“. Die Abkürzung steht für die Anfangsbuchstaben der vier Ursprungsregionen des Unternehmens in der Nähe von Toulouse: Rouergue, Auvergne, Gévaudan und Tarnais. Vor allem mit der Zucht von Winterweizen haben sich die Silstedter einen sehr guten Namen gemacht.

In Deutschland führende Winterweizen-Züc

„Neue Sorten sind neben ackerbaulichen Maßnahmen hauptverantwortlich für den jährlichen Ertragsfortschritt in der Landwirtschaft von bis zu ein Prozent“, erläutert Betriebsleiter Andreas Fürste bei einem Pressebesuch. „Das Potenzial für weitere Ertrags- und Qualitätsfortschritte sei enorm und noch lange nicht ausgereizt. „Damit sind wir führend in Deutschland“, ergänzt Hilmar Cöster. Er ist Leiter des deutschen Winterweizenzuchtprogramms und fügt hinzu: „Zwar liegt der Winterweizen im Fokus unserer Züchtungen. Aber auch mit Winterraps, Sommergerste, Wintergerste sowie Triticale werden große Anstrengungen unternommen, verbesserte Sorten zu entwickeln.“ Ein Beispiel für den Erfolg sind die jährlich zugelassenen Sorten, die vom Fleiß und dem Können der Mitarbeiter zeugen.

Zwölf Jahre bis zur Zulassung zum Massenanbau

Dabei dauert es zehn bis zwölf Jahre, bevor eine Züchtung für den Massenanbau zugelassen wird, erläutert Andreas Fürste. „Inzwischen liegt der Marktanteil der Silstedter Sorten in Deutschland bei zwölf Prozent“, so der Betriebsleiter. Als „mitführend“ in der deutschen Getreidezüchtung bezeichnet er deshalb das kleine Unternehmen mit acht Beschäftigten, das in Silstedt in der Steinesche sitzt. Es beschäftigt während der Ernte und der Wiederaussaat bis zu 20 Saisonkräfte.

Der Ort Silstedt sei selbst in Ländern wie in England und Frankreich zum Begriff geworden, ein Aushängschild für gezüchtete Weizensorten. Auch in Polen, Österreich, Schweden, Tschechien und Dänemark haben die Silstedter beachtliche Marktanteile erreicht.

Seit 1991 am Markt und seit 2004 in französischer Hand, sei es gelungen, die in der Region seit langem etablierte Getreidezucht weiter voranzubringen, ist Andreas Fürste überzeugt. Er verweist auf regionale Getreidezüchter. Mit denen kooperieren die Silstedter ebenso wie mit Universitäten in Göttingen und Halle sowie wissenschaftlichen Instituten in Quedlinburg und Gatersleben, sagt der Betriebsleiter.

Ortsbürgermeister Karl-Heinz Mänz ist überzeugt: „Das Unternehmen am Ortsrand hat mit dazu beigetragen, dass Silstedt im Wettbewerb ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ zweimal den ersten Platz, einmal im Kreiswettbewerb eine Goldmedaille errungen und im Landeswettbewerb 2015 eine Silbermedaille erhalten hat.“ Er würdigt, dass sich das Unternehmen als Sponsor engagiert – beispielsweise für die Feuerwehr, den Museumshof und den Sportverein.