Wernigerode (vs) l Die Ereignisse überschlugen sich förmlich im Wendejahr 1989. Im Taumel der Freude über den Fall der Mauer strömten unzählige Menschen auf den Brocken, um ihrem Freiheitsgefühl Ausdruck zu verleihen und das Glück der Verbrüderung von Ost und West zu erleben. Wir waren mittendrin, denn wir wohnen in Wernigerode.

Nun stand 1989/1990 vor der Tür. Es sollte ein ganz besonders zünftiger Jahreswechsel werden, der unvergesslich bleibt. Feiern, tanzen, fröhlich sein – vielleicht auf dem Brocken? Aber nein, der benachbarte Wurmberg sollte es sein. So machten wir zwei – mein Mann Thilo und ich – uns unternehmungslustig auf den Weg. „Bewaffnet“ mit Fackeln, Knallern und Proviant im Rucksack. Das letzte Harzdorf auf DDR-Gebiet war bezeichnenderweise Elend! Dort galt es, das Auto abzustellen und den Weg Richtung Braunlage per pedes fortzusetzen. Einfach abenteuerlich.

Auf der etwa sechs Kilometer langen verschneiten Straße – vorbei an den ostdeutschen Grenzern, die unsere Personalausweise kontrollierten – kamen uns Menschen entgegen, die Silvester auf der jeweils anderen Seite erleben wollten. In Feierlaune begrüßte jeder jeden und zog neugierig weiter.

Personalausweis war „abgelaufen“

So lernten wir Susanne und Hans mit Mutter Irmtraud kennen. Ein Wort gab das andere, und wir waren uns sofort sympathisch. Allein: Sie wollten in den Osten und wir im Westen auf den Wurmberg.

Der Aufstieg gestaltete sich mühsamer als wir ahnten. Es war glatt, dunkel und wurde immer kälter. Merkwürdigerweise begegneten wir keinem Menschen. Es war direkt gespenstisch. Sollte die Silvester-Party da oben auf dem Berg schon begonnen haben?

Plötzlich Scheinwerfer hinter uns – ein Auto – die ersten Menschen. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt und es gab ein großes Hallo. Es waren unsere drei neuen Bekannten. Die Grenzbeamten hatten sie nicht passieren lassen, da ein Personalausweis sein „Verfallsdatum“ überschritten hatte.

Fackeln spenden Licht

Nun setzten wir unser Unternehmen zu fünft fort und ließen den Wagen stehen. Das machte doppelt und dreifach Spaß. Die Fackeln spendeten in der Finsternis das einzige Licht.

Auf dem Gipfel angekommen, war alles dunkel, alles zu.

Da suchten wir uns eine windgeschützte Ecke, packten unsere Vorräte aus, aßen, tranken, erzählten, lachten und philosophierten über Gott und die Welt, bis wir ein entferntes Glockenläuten hörten. Es vereinte sich mit den Glocken der Welt aus unserem kleinen Radio.

Der Ausrutscher ins neue Jahr

Mitternacht! Jahreswechsel! Prosit mit Schierker Feuerstein aus einer Flasche: Das war die deutsche Einheit. Wir waren glücklich, geradezu selig. Eine neue Zeit war angebrochen. Nun packen wir sie zuversichtlich beim Schopfe. So schwebten wir auf Wolke sieben und machten uns langsam auf den Heimweg. Ein scharfer Wind hatte für zusätzliche Glätte gesorgt und gestaltete den Abstieg schwierig.

Da plötzlich geschah es: Ich rutschte und stürzte, verspürte einen starken Schmerz. Beinbruch in 800 Metern Höhe. Von jetzt auf gleich waren wir sozusagen auf dem Boden der Realität. Was nun? Mit Müh‘ und Not gelangten wir zum Auto von Susanne und Hans und von dort zurück zum Grenzpunkt.

Gott sei Dank sind uns unsere neuen westdeutschen Freunde gefolgt, sonst wären wir zwei auf dem Wurmberg bei Wind und Wetter verloren gewesen. Sie waren unsere Retter in der Not in der Silvesternacht 1989/1990.

Grenzposten mit Charme

Die Grenzposten, zunächst gewohnt kleinkariert, übten sich schließlich in großzügigstem Charme und ließen uns fünf als erste Deutsche die ehemalige Grenze zwischen Braunlage und Elend im Auto passieren. An unserem Wagen trennten sich unsere Wege vorerst nach Ost und West.

Zurück aber blieb eine dauerhafte Freundschaft zu unserem „Wurmbergtrio“, wie wir Susanne, Hans und Irmtraud liebevoll nennen. Silvester 1989/1990 bleibt unvergessen, denn es war mehr als außergewöhnlich, auch mit dem Nachklang einer langen Krankschreibung.