Wernigerode l Die Übungen am Boden liegen ihr besonders. „Das ist wichtig für den Rücken“, sagt Ilse Quermer. Die Wernigeröderin kennt sich aus in Sachen Gymnastik. Seit mehr als 30 Jahren hält sie sich mit Dehnen, Stretchen und Beugen fit. Inzwischen  hat sie ihren 97. Geburtstag gefeiert – und ist so agil und beweglich, dass Jüngere sie dafür bewundern.

Zum Beispiel in ihrer Trainingsgruppe: „Sie ist unser Vorbild“, sagte Elke Rohrbeck. Die 76-Jährige leitet seit 30 Jahren den Gymnastikkurs des Harzer Sportvereins (HSV). 16 Frauen treffen sich derzeit jeden Montagabend ab 19 Uhr in der Turnhalle der Raabe-Schule. Dass die Älteste in ihren Reihen nicht nur fit wie ein Turnschuh ist, sondern diszipliniert kaum eine Trainingseinheit versäumt, das macht Eindruck.

Zu Hause in der Kleinstadt

Ilse Quermer, Jahrgang 1922, war und ist von Anfang an im Kurs dabei. Sportlich war die gebürtige Hamburgerin schon immer. Im Alter von zehn Jahren, als der Vater starb, zog sie mit der Mutter in den Harz zu ihren Großeltern. „Wir alle haben uns schon immer in der Kleinstadt wohlgefühlt.“ In Wernigerode erlebte sie die Kriegsjahre, „im heiratsfähigen Alter“, sagt Ilse Quermer. Allerdings ließ der Krieg nur wenige Männer übrig, die geheiratet werden konnten. „Viele Freunde wurden eingezogen, und dann hieß es: Sie kommen nicht mehr zurück. Es war eine schwierige Zeit“, erinnert sich die 97-Jährige.

Sie blieb allein, aber nicht einsam. Viele Freunde und Angehörige begleiteten sie auf ihrem Weg, im Beruf fand sie Erfüllung. „Ich hatte immer zu tun“, sagt Ilse Quermer. Sie wurde zunächst Kinderkrankenschwester, qualifizierte sich zur Säuglingsschwester weiter. Dann wechselte sie in die Mütterberatung, arbeitete als Fürsorgerin.

"Schwester Ilse"

Damals war es Standard, dass die Beraterinnen jedem Neugeborenen und seiner Familie einen Hausbesuch abstatteten. „Das hat mir sehr viel Freude bereitet“, sagt die Frau, die vielen Kindern und Jugendlichen in Wernigerode als „Schwester Ilse“ ein Begriff war und noch heute ist. „Noch immer treffe ich diejenigen auf der Straße, die ich damals, im Kindesalter betreut habe“, berichtet Ilse Quermer.

Sie stieg auf, übernahm die Leitung des Referats Mütter und Kind beim Kreis – ohne sich jedoch politisch anzupassen, darauf legt sie bis heute großen Wert. „Ich bin froh, dass ich diesen Beruf hatte. Ich war immer gern mit Kindern zusammen“, sagt die Wernigeröderin.

Mehr als 45 Jahre im Verein

Als sie dann in Rente ging, mit 60 Jahren, kam es gar nicht in Frage, einfach nur die Füße hochzulegen. „Ich wollte im Alter gerne beweglich bleiben, und das ist mir auch gelungen“, sagt die agile Seniorin. Bereits 1973 wurde sie Mitglied der Abteilung Gymnastik der damaligen Betriebssportgemeinschaft „Einheit Wernigerode“ und später Mitglied des Harzer Sportvereins. Außerdem gehört sie dem Wernigeröder Harzklub-Zweigverein an. Auf Tour in der Harzer Natur geht sie inzwischen seltener, und wenn, dann nicht mit der Gruppe – nicht dass jemand auf sie warten müsste. Außerdem gehört sie der Johannisgemeinde an, besucht gerne ihre Kirche, in der sie Führungen gibt.

Dem Gymnastikkurs hält Ilse Quermer inzwischen seit mehr als 30 Jahren die Treue – nach dem Motto: „Mit Bewegungslust ins Alter.“ Der ständigen Bewegung verdanke sie es, dass sie sowohl körperlich als auch geistig fit geblieben ist. Zwar müsse auch sie mittlerweile achtgeben, um etwa nicht zu fallen. Doch die Vorteile wiegen alle Bedenken auf. „Ich möchte jedem ab 60 Jahren dazu raten.“

Dass sie gerne mitturnt, liegt auch an der Gruppe. „Wir haben ein sehr nettes, freundschaftliches Verhältnis. In der Gemeinschaft fühle ich mich wohl“, so die 97-Jährige. Die Frauen treiben nicht nur zusammen Sport, sondern reden und feiern ebenso gerne, traditionell zum Beispiel am Rosenmontag – und Ilse Quermer ist dann mittendrin. Den heutigen Ehrentag verbringt sie mit der Familie, am Montag wird der Geburtstag mit den Sportkolleginnen gefeiert.

Kampf mit Schweinehund

Wer neidisch auf so viel sportliche Konsequenz und Motivation blickt, dem sei zum Schluss verraten, dass sogar Ilse Quermer mitunter mit dem inneren Schweinehund zu kämpfen hat. Auch sie würde dann lieber auf der heimischen Couch sitzen bleiben. „Manchmal habe ich keine Lust und denke: Muss ich da wirklich hin? Doch dann sage ich mir: Ja, natürlich musst du das!“