Wernigerode l Für dieses Team ist jeder Tag ein Freitag – zumindest umweltschutztechnisch gesehen. „Everyday for future“ steht in dem Video, das auf Facebook und Youtube schon viele Menschen aus dem Harz und darüber hinaus gesehen haben. Darin zu sehen ist der sechsjährige Noah, der von seinem Papa Nico Hübner dabei gefilmt wird, wie er rund um den Blauen See bei Rübeland allerhand Unrat einsammelt. In der Mülltüte landen nach und nach Flaschen, Kronkorken, Taschentücher, Windeln, Zigarettenstummel. Dann wird die zweite Tüte gefüllt. Nicht, weil Noah muss. Nein: Weil Noah will.

„‚Everyday for Future‘ habe ich drüber geschrieben, weil man jeden Tag was machen kann – nicht nur freitags“, sagt Nico Hübner in Anlehnung an die weltweite Fridays-for-Future-Bewegung, unter deren Flagge Millionen Kinder und Jugendliche freitags in den Schulstreik treten, um zum Umdenken in Sachen Klimapolitik zu bewegen. Als Lehrer kenne er natürlich den Future-Friday. „Ich finde es aber wichtig, jeden Tag etwas zu tun – nicht nur freitags und in der Schulzeit.“

Auch Noah und sein Papa helfen in Sachen Umweltschutz und sammeln regelmäßig Bauschutt, Tampons, Windeln. In der Natur lande alles mögliche aus Menschenhand, berichtet der Pädagoge im Gespräch mit der Volksstimme: „Manchmal ist es ganz schön eklig“, gesteht er. „Deshalb wollen wir uns demnächst zwei Greifzangen kaufen.“

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Mülleimer an Ausflugszielen fehlen

Mittlerweile hätten beide durch ihre Touren einen kompletten Besteckkasten zusammen. „Natürlich nur imaginär, denn wir entsorgen den Müll anschließend.“ Schade sei, dass an vielen beliebten Ausflugszielen keine Mülleimer stünden. So sei Campen am Blauen See zwar verboten, aber es kontrolliere keiner. Mülleimer seien ebenfalls keine zu finden. „Ich habe bei der Verwaltung in Elbingerode nachgefragt, aber dort fühlte sich niemand zuständig.“

Besonders viel finden die beiden rund ums Lossen-Denkmal und im oberen Christianental. Aus dem Zillierbach haben die beiden Handys, Batterien, Tüten, Kabel, einen Lampenschirm und Bücher gefischt. Bücher? „Ja, in der Degener Straße steht ein Büchertauschregal. Wahrscheinlich werfen Leute die Bücher aus dem Regal in den Fluss“, vermutet er. Eine Bachforelle konnten Vater und Sohn bereits vor dem Erstickungstod bewahren. Besonders blöd einzusammeln seien übrigens Zigarettenstummel. „Und obwohl jeder wissen müsste, wie hoch die Waldbrandgefahr gerade bei der trockenen Witterung ist, findet man wahnsinnig viele achtlos weggeworfene Zigaretten“, sagt Nico Hübner.

Ein älteres Paar trübte jedoch jüngst die Freude der beiden Umweltpioniere: „Sie haben uns angepöbelt und gefragt, ob wir unseren Müll nicht daheim in die Tonne werfen können. War sehr lehrreich für meinen Kleinen. Es ist nicht immer so, wie es ausschaut.“

Vorbild für andere Wernigeröder

Fotos von ihren Ausflügen postet Nico Hübner auf Facebook in der Wernigerode-Gruppe. „Mein Wunsch ist es, dass andere mitziehen und auch Müll einsammeln, den sie am Wegrand liegen sehen.“ Für ihn und Sohn Noah kommt Vorbeigehen und Wegschauen nicht mehr in die Tüte. Unter den Posts des Vaters sind zahlreiche Kommentare zu lesen. „Sehr cool Noah, das machst du richtig toll!“, ist da zu lesen.

Aber es gibt auch Kritik. „Mir wurde schon vorgeworfen, dass ich Noah fremdsteuere und er seine Freizeit lieber auf dem Spielplatz verbringen soll“, berichtet er. „Nur weil er mal Müll sammelt, heißt das nicht, dass er nicht auch ganz normal auf dem Spielplatz mit anderen Kindern spielt.“ Er gehe zudem dreimal pro Woche zum Fußballtraining.

Die Idee selbst stamme sogar von Noah. Angefangen habe alles mit einer alten Batterie, die die beiden im Zillierbach liegen sahen. „Ich habe Noah erklärt, dass man Batterien speziell entsorgen lassen muss, weil die Säure giftig für die Umwelt ist. Daraufhin wollte er die Batterie sofort aus dem Zillierbach holen.“ Seither habe das Papa-Sohn-Gespann auf den gemeinsamen Radtouren stets eine Mülltüte dabei.

Mountainbiker will in keinen Verein

„Mein Sohn schaut nicht gern Fernsehen, er liebt die Bewegung. Und das Müllsammeln macht ihm Spaß“, erklärt der Gymnasiallehrer, der vor zwei Jahren mit seiner peruanischen Frau und den beiden Kindern von Halle nach Wernigerode gezogen ist und leidenschaftlich gern Mountainbike fährt. Manchmal sei auch Noahs große Schwester dabei, um zu helfen. „Wir sind in keinem Verein und in keiner Gruppierung organisiert“, sagt Nico Hübner. „Für uns ist das kein Umweltaktivismus, sondern einfach normal.“