Blankenburg l Neue Halberstädter Straße (B 81)/Ecke Michaelsteiner Straße in Blankenburg: Immer wieder ist es in den vergangenen Monaten hier zu Unfällen zwischen Fahrzeugen von Feuerwehr und Rettungsdienst sowie anderen Verkehrsteilnehmern gekommen. Zuletzt kollidierte Ende Januar ein Auto mit einem Rettungswagen, der mit Blaulicht und Sondersignal unterwegs war. Der Krankenwagen kippte auf die Seite, der Schaden wurde damals von der Polizei auf rund 10 000 Euro geschätzt. Es grenzte an ein Wunder, dass niemand verletzt wurde.

Drei Unfälle an Problem-Kreuzung

Dieser Unfall ist der vorerst letzte in einer Reihe, die der Blankenburger Ortswehrleiter Alexander Beck auf drei beziffert. Drei Unfälle habe es an dieser unübersichtlichen Kreuzung in den vergangenen Jahren gegeben, weil Autofahrer die bevorrechtigten Einsatzfahrzeuge zu spät wahrgenommen haben. Das Grundproblem dabei: In mindestens zwei Fällen – beim benannten Crash Ende Januar und bei einer folgenschweren Kollision am 15. Januar 2013 – hatten die Autofahrer in der Michaelsteiner Straße grünes Ampellicht und die Einsatzfahrzeuge rotes.

Schwierige Situation für Fahrer

Eine Konstellation, die aus Sicht aller beteiligten Verkehrsteilnehmer problematisch ist. Zwar haben Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn laut Straßenverkehrsordnung grundsätzlich Vorrang. Die Fahrer müssen sich aber beim Befahren von Kreuzungen mit rotem Ampellicht laut Rechtsprechung grundsätzlich davon überzeugen, dass sie von allen anderen Verkehrsteilnehmern wahrgenommen worden sind.

Richter sorgen für klare Rechtslage

In der Praxis eine höchst problematische Situation. Letztlich, so die Richter, müssten sich die Verantwortlichen am Steuer eines Löschfahrzeugs nötigenfalls mit Schritttempo in eine unübersichtliche Kreuzung hinein tasten, wollen sie auf Nummer sicher gehen. Und das kostet bei einem Einsatz wertvolle Zeit. Und: Knallt es trotzdem, haben die Fahrer der Einsatzfahrzeuge grundsätzlich schlechte Karten.

Grüne Welle für Einsatzfahrzeuge

Doch warum wird die Situation in Blankenburg und an anderen neuralgischen Kreuzungspunkten im Harzkreis nicht entschärft? Warum gibt es – nach dem Vorbild von Bussen oder Straßenbahnen – keine Ampel-Vorrangschaltungen für Einsatzfahrzeuge? Quasi die grüne Welle zum Einsatzort.

Ein Wunsch, den Blankenburgs Wehrchef Alexander Beck seit Monaten im Blick hat, wie er auf Anfrage bestätigt. Allein: Noch sei es eben nur ein Wunsch.

Baubehörde: Möglichkeiten gibt es

Technisch, erklärt Stefan Hörold, Chef der Regionalniederlassung der Landesstraßenbaubehörde in Halberstadt (LSBB), sei eine solche Vorrangschaltung heutzutage grundsätzlich kein Problem mehr. „Letztlich müssen die Verantwortlichen ihren Bedarf uns gegenüber deutlich machen. Und dann müssen wir darüber reden.“

Schnellere Anfahrt, geringeres Risiko

Ginge es nach Wehrchef Beck, spräche vieles für eine grüne Welle zwischen dem Gerätehaus der Wehr im Bereich Am Thie und der Autobahn 36. „Hätten wir bei Einsatzfahrten absoluten Vorrang, weil alle Ampeln für uns auf Grün stehen, würden wir bis zur A 36 etwa anderthalb bis zwei Minuten Zeitvorteil haben“, hat der Wehrchef in den vergangenen Wochen per Messungen recherchiert. Das sei nicht zu unterschätzen, weil die Kameraden oft zu Einsätzen auf die A 36 gerufen würden und dann jede Minute zähle. Auch die angrenzenden Wohngebiete und das Gewerbegebiet Lerchenbreite würden schneller erreicht.

Ein entscheidender Aspekt, zu dem ein weiterer hinzu kommt: Hätten stets nur die Fahrer der Einsatzfahrzeuge grünes Ampellicht, hätten alle Verkehrsteilnehmer im doppelten Sinne klare Fakten. Die Fahrer der Einsatzfahrzeuge könnten auf eine Grünlicht-Gasse plus eigenes Sondersignal setzen. Alle übrigen Verkehrsteilnehmer würden mit rotem Licht und zusätzlich mit dem Sondersignal ausgebremst.

Seit 2012 Vorrang-Lösung in Böblingen

Technisch ist eine solche Lösung tatsächlich machbar. In der baden-württembergischen Stadt Böblingen setzen die Verantwortlichen seit 2012 auf ein Priorisierungssystem, das Siemens anbietet. Busse und Feuerwehrfahrzeuge werden dank GPS-Ortung punktgenau erkannt und melden sich beim Annähern an Ampeln via Funksignal an. Die Steuerung der Lichtsignalanlagen schaltet ihnen daraufhin automatisch den Weg frei.

Gute Erfahrungen in Baden-Württemberg

Ein System, mit dem man in Böblingen seit sechs Jahren gute Erfahrungen gemacht hat, so Reinhard Schopf als zuständiger Abteilungsleiter für Verkehrs- und Stadttechnik. Der Vorteil: Die Fahrer der Einsatzfahrzeuge schwimmen in der grünen Welle mit und müssen sich nur noch auf den Verkehr in ihrer Fahrtrichtung konzentrieren. „Das spart viel Zeit und ist für die Leute am Steuer viel stressfreier.“

Einst skurrile Situationen an Blitzerampeln

Früher, beschreibt Schopf eine skurrile Situation, seien die Fahrer der Einsatzfahrzeuge an roten Ampel zuweilen gänzlich ausgebremst worden: „Weil Lichtsignalanlagen mit Blitzern überwacht werden, trauten sich viele Autofahrer nicht, über die weiße Linie zu fahren und den Weg frei zu machen, sodass die Besatzungen in den Löschfahrzeugen zuweilen aussteigen mussten.“ Das sei jetzt auch Geschichte. Eine Konstellation, die es im Harz allerdings kaum gibt.

Böblingen wird zur Muster-Stadt

Böblingen, bestätigt Reinhard Schopf, sei hinsichtlich dieser Priorisierung mittlerweile eine Vorzeigestadt. 105 Busse, Feuerwehr- und DRK-Fahrzeuge seien schon umgerüstet. Nahezu die gesamte Flotte, die dafür in Frage kommt. „Es waren schon Verantwortliche vieler Feuerwehren hier, um sich unser System anzuschauen.“ Und sehr viele hätten nachgezogen.

Vorrang auch in Braunschweig Thema

Auch im niedersächsischen Braunschweig haben die Verantwortlichen jene Grünlicht-Gassen im Blick, so ein Sprecher der Stadtverwaltung. Bislang noch manuell und im direkten Umfeld der Feuerwache. Perspektivisch denke man jedoch darüber nach, diese grüne Welle aus den Einsatzfahrzeugen heraus schalten zu lassen.

Harzer Kreisbrandmeister unterstützt Vorstoß

Zurück in den Harz. Hier bekommt Wehrleiter Beck auch Unterstützung von Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse. Es gebe weit mehr problematische Kreuzungen als jene in Blankenburg. Dort seien die Rahmenbedingungen aber besonders problematisch. Enge Wohnbebauung, insbesondere aus der Anfahrtsperspektive Michaelsteiner Straße. Hinzu komme eine schwierige akustische Wahrnehmbarkeit. „Aus meiner Sicht wäre eine solche technische Vorrangschaltung daher absolut wünschenswert“, bestätigt Lohse. Und eben nicht nur dort. Auch in Halberstadt, Wernigerode oder anderen Orten im Harzkreis gebe es problembehaftete Knotenpunkte.

Bürgermeister will Ball aufnehmen

Grundsätzlich offen für eine Diskussion ist auch Blankenburgs Bürgermeister Heiko Breithaupt. „Für mich stellt sich die Frage der technischen Umsetzbarkeit. Ist sie möglich, sollten wir uns zusammensetzen und über Details reden“, so der CDU-Politiker. Neben der LSBB sieht er auch Kreisverwaltung, Polizei, den Eigenbetrieb Rettungsdienst sowie die Feuerwehr als denkbare Gesprächspartner. „Ich bin auf jeden Fall offen und würde zu einer solchen Runde einladen.“ Mit der Zielstellung, zumindest für Schwerpunkt-Ampeln wie jene an der Michaelsteiner Straße eine Lösung zu finden, die die Sicherheit im Straßenverkehr erhöht.