Bauprojekt

Verliebt in Drübecks Bahnhof

Als Modellbahn-Bauteil stand er in fast jedem Kinderzimmer der DDR: Drübecks Bahnhof. Ein Ehepaar aus dem Ilsenburger Ortsteil haucht ihm wieder neues Leben ein.

Von Holger Manigk
Conny und Peter Weiß haben den alten Drübecker Bahnhof 2009 gekauft. Jetzt genießt das Paar viel Freizeit im historischen Flair. Auf der Schaukel dürfen auch Passanten Platz nehmen.
Conny und Peter Weiß haben den alten Drübecker Bahnhof 2009 gekauft. Jetzt genießt das Paar viel Freizeit im historischen Flair. Auf der Schaukel dürfen auch Passanten Platz nehmen. Fotos (4): Holger Manigk

Drübeck

Wo einst die Gepäckaufbewahrung ihren Platz hatte, stehen nun porzellangedeckte Tische, ein immer noch fahrtüchtiger Oldtimer-Rennwagen und Kunstwerke verschiedener Epochen. „Dieses Gebäude ist mein Hobby, meine Leidenschaft“, sagt Peter Weiß über den historischen preußischen Bahnhof zwischen Drübeck und Darlingerode, den er und seine Frau Conny Ende 2009 gekauft haben.

Inzwischen haben sie das damals marode Ensemble zu einem Schmuckstück am Radweg mitten zwischen den zwei Ilsenburger Ortsteilen gemacht: Der Freizeit-Antiquitätenhändler – im Hauptberuf angestellt bei der Salzgitter AG in der Ilsestadt – bietet seit 2012 auf zwei Etagen alles vom Ölgemälde bis zu modernen Skulpturen an.

Unter dem Dach hat sich die Erzieherin ein Entspannungsstudio eingerichtet. „Vorerst nur privat – aber wer weiß, vielleicht wird das mal eine Praxis?“, fragt sie. Die nötige Ausbildung als Entspannungspädagogin habe sie in der Tasche. „Den alten Luftschutzkeller – übrigens mit stählernen Türen versehen – wollen wir noch zum Lager für alte und seltene Weine umbauen“, ergänzt Conny Weiß.

Schaukel und Pavillon für jedermann

Besonderen Wert legt das Paar, das nur wenige hundert Meter entfernt in einem ebenfalls restaurierten Fachwerk-Bauernhaus in Drübeck wohnt, aber auf eines: „Wir wollen den Bahnhof mit seinem parkähnlichen Außengelände für alle zugänglich lassen.“ Tatsächlich habe sich das Areal mit Schaukel, Holz-Pavillon und Kunstwerken im Garten zu einem beliebten Treffpunkt für Einwohner beider Nachbarorte, Wanderer und Radler entwickelt. „Jeder ist willkommen, solange er keinen Schaden anrichtet“, sagt der 53-Jährige.

„Mein Mann ist deshalb in der Umgebung bekannt wie ein bunter Hund – in seinen drei Stunden Öffnungszeit pro Woche kommt er kaum zum Arbeiten, weil viele zum Plaudern vorbeischauen“, ergänzt seine gleichaltrige Frau.

Die Corona-Pandemie habe kleinen Weihnachtsmärkten oder größeren Treffen mit „ähnlich Verrückten“, wie Peter Weiß schmunzelnd einwirft, im Backstein-Gemäuer zwar einen jähen Abbruch bereitet, doch das Duo sprüht nur so vor Ideen: „Ob kleine Konzerte oder Schulexkursionen – wir sind für alles offen.“

Seit 1990ern hält kein Zug mehr in Drübeck

Daran sei lange Zeit nicht zu denken gewesen: Nachdem in den 1990er Jahren die Deutsche Bahn den Haltepunkt Drübeck strich, zog kurzzeitig eine Bank ins Erdgeschoss. Die obere Etage wurde bis 2009 als Wohnung genutzt. „Als wir uns damals entschieden, das Gebäude zu kaufen, waren Sanierungsstau und Vandalismusspuren unübersehbar“, erinnert sich Weiß. So habe der Vorbesitzer die eingeschlagenen Fensterscheiben mit aus dem Fußboden gerissenen Laminatteilen zugeschraubt.

„Wir konnten das Einzeldenkmal damals preisgünstig erwerben. Doch es war von Anfang an klar: Das wird kein Anfängerprojekt, sondern eine Herausforderung – genau, wie ich es liebe“, berichtet Peter Weiß über das Chaos, das sich im Inneren bot.

Auf Mauern stehen noch alte Graffiti

Doch die Sanierung vor gut zehn Jahren sei dank konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Ilsenburger Bauamt zügig vorangegangen. „Die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Harz hat uns ebenfalls keine Steine in den Weg gelegt – die waren froh über unser Engagement.“ Wichtig für das Paar sei gewesen, „dass wir neben Handwerkern aus der Region einen Architekten mit dem gleichen Faible für Historisches gefunden hatten.“

So entschied sich Ehepaar Weiß dagegen, die roten Fassaden abstrahlen und neu versiegeln zu lassen. „Dabei wären die alten Graffiti zerstört worden, die einst Passagiere und Einheimische hinterlassen haben – und damit jede Menge Erinnerungen.“ Immer noch kämen Drübecker und Darlingeröder zum alten Bahnhof, um die Liebesbotschaften und Anwesenheitsnotizen – eine sogar in kyrillischer Schrift – zu bestaunen, die sie teilweise selbst vor vielen Jahren in den Backstein ritzten.

Die beiden gebürtigen Sachsen, die aber seit ihrer Jugend im Harz leben, hätten sich ganz einfach in diesen Ort an der Landstraße verliebt – und wollen ihn so lange wie möglich so erhalten, ergänzt Conny Weiß. „Denn wo kann man zum Feierabend oder Start ins Wochenende schöner sitzen – mit diesem geschichtsträchtigen Gebäude, einem Glas Rotwein und Brockenblick?“ Doch nur genießen ist nicht das Ding ihres umtriebigen Mannes: „Ich habe schon das nächste Bauprojekt ins Auge gefasst: ganz in der Nähe, in Veckenstedt“, sagt er mit einem Zwinkern.