Blankenburg l Auf der Landstraße kurz hinter Blankenburg treten viele Autofahrer kräftig aufs Gaspedal. Tom Kipry sieht ihnen nach. „Hier fahren täglich Hunderte vorbei, aber keiner schaut hin“, sagt der 17-Jährige und blickt auf das Holzkreuz. Sein Zwillingsbruder Lukas nickt: „Man denkt, es sei eine Unfallstelle.“ Doch auf dem Schild steht: „Unbekannter Soldat – im April 1945“. Das Grab an der Landstraße war der Ausgangspunkt für ein Projekt, das inzwischen weite Kreise gezogen hat. Die Brüder aus Blankenburg suchen und pflegen Soldatengräber in der Umgebung ihrer Heimatstadt. Ihre Seite „Zweiter Weltkrieg im Harz“, die sie seit Mitte März im sozialen Netzwerk Facebook betreiben, hat mehr als 2000 Abonnenten, die zahlreiche Hinweise auf weitere Grabstätten geben.

Als Lukas und Tom Kipry im Sommer 2018 die Grabstätte an der Landstraße entdeckten, war ihnen klar, dass sie etwas tun mussten. Sie richteten die Anlage her, schütteten Blumenerde auf, fassten die Kanten mit Steinen ein und zogen rundum einen Zaun aus Birkenstämmen. Im Sommer pflanzen sie Blumen, im Winter Heidekraut. Das gedeiht auf dem sandigen Boden besser als Buchsbaum, sagt Tom Kipry.

Unbekannter Helfer

Allerdings haben sie festgestellt, dass sie doch nicht die einzigen sind, die sich für den unbekannten Soldaten an der Landstraße interessieren. Das Grab werde gesäubert und geschmückt, auch wenn sie selbst nicht da waren, sagt Tom Kipry. „Es kümmert sich jemand, aber wir wissen nicht wer.“

In der Umgebung gibt es jedoch viele weitere Grabstätten, die verfallen. Das ist insofern kein Wunder, als dass die Region im April 1945 ein hart umkämpftes Pflaster war. Die im Januar neu formierte 11. Armee war in den Harz geschickt worden, sie sollte das Aufmarschgebiet der 12. Armee sichern – Hitler setzte seine letzten Hoffnungen auf die überwiegend aus sehr jungen Männern zusammengewürfelte Truppe.

Gräber mitten im Wald

Dass die Region zur „Festung Harz“ erklärt worden sei, nennt Militärhistoriker Jürgen Möller jedoch einen „Mythos“: Den angeblichen „Führerbefehl“ zu ihrer Errichtung habe es nicht gegeben. Gleichwohl befanden sich zahlreiche Soldaten in der Region, die zwar mitunter erbittert Widerstand leisteten, der vorrückenden US-Armee jedoch wenig entgegenzusetzen hatten. Keine 14 Tage dauerte es, bis die Amerikaner den Harz eingenommen hatten. Am 22. April ergab sich die Führung der 11. Armee in ihrem Hauptquartier, dem Kloster Michaelstein in Blankenburg.

Zu der Zeit haben zahlreiche Soldaten ihr Leben lassen müssen. Davon zeugen die Gräber, die sich teils mitten im Wald befinden – „mal ist es einer, mal sind es drei, überall verstreut“, sagt Lukas Kipry. Zum Beispiel sind drei Kanoniere nahe der B 81 begraben worden, eine zehnköpfige Gruppe mit ihrem Vorgesetzten wurde bei Trautenstein beigesetzt. Ihre Namen sind meist unbekannt.

Interesse für Geschichte

Viele damalige Armeeangehörige waren jung, hatten dem Volkssturm oder der Hitlerjugend angehört, und irrten im April 1945 durch den Harz. „60.000 Mann wussten nicht wohin“, sagt Tom Kipry – auch nach der Einnahme Blankenburgs durch die US-Armee am 20. April 1945.

Schon als Schüler haben sich die Zwillinge für Geschichte interessiert, besonders für das Kriegsende in ihrer Heimatstadt. Das Wissen darüber eigneten sie sich selbst an. „In der Schule wird der Zweite Weltkrieg nur grob angesprochen“, berichtet Lukas Kipry. Und wenn die Großeltern vom Kriegsende erzählten, dann von der Vertreibung aus Polen in den Harz und von der Ankunft im Flüchtlingsheim am Lessingplatz.

Suche in der Region

Für die Brüder ist es schwer vorstellbar, wie es den Soldaten damals ergangen ist. „Viele von ihnen waren um die 18, das ist unser Alter. Ich kann mir nicht vorstellen, in den Krieg zu ziehen“, sagt Lukas Kipry nachdenklich. „Vor allem nicht 1945“, entgegnet sein Bruder. „Das hatte keinen Sinn.“

Nicht nur in und um Blankenburg sind Lukas und Tom Kipry unterwegs. Ihre Suche führte sie zum Beispiel schon nach Wienrode, Hasselfelde, Allrode, Friedrichsbrunn und Günthersberge. Hinweise erhalten sie von ihrer Facebook-Fangemeinde. Diese sei bunt gemischt, berichtet Lukas Kipry. Viele schicken Fotos und beschreiben den Standort, mal mehr, mal weniger präzise. „Wir wurden überflutet, kamen gar nicht hinterher“, sagt er.

Dankesworte

Ihr Anspruch ist, die Gräber zu finden, ihre Existenz zu dokumentieren und für Ordnung zu sorgen. Es gehe um Aufarbeitung, sagt Lukas Kipry. „Weil es niemand macht, haben wir gesagt: Wir machen das.“ Manche Gräber würden jedoch gut gepflegt, und es gebe einige, die das Schicksal der Soldaten noch heute berühre. Das zeigten die Nachrichten, die sie via Facebook erhalten. „Viele sagen einfach Danke.“

Meist sind beide den gesamten Sonnabend unterwegs, um Grabstätten zu suchen. Dabei halten die Zwillingsbrüder ihre Mitgliedsausweise vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge bereit – falls sie neugierigen Nachfragen begegnen müssen.

Erklärungsbedarf

Das passiert oft. Ihr Engagement ist erklärungsbedürftig, weil ungewöhnlich, zumal unter den Altersgenossen. „Die Jugend ist daran heute nicht mehr so interessiert“, sagt Tom Kipry. Ihre Freunde fänden ihre Aktionen zwar gut, mitmachen wolle aber niemand. Froh sind sie, dass sie nur selten Nachrichten mit politisch rechter Schlagseite erhalten. „Politik sollte an dieser Stelle komplett herausgehalten werden“, sagt Lukas Kipry.

Um mehr Informationen aus erster Hand zu erhalten, hatten die Brüder Besuche in Altenheimen geplant, um die Bewohner nach ihren Kriegserlebnissen zu befragen. „Aber wegen Corona fällt das flach“, sagt Tom Kipry. Besuchen konnten sie aber die Gedenkstätte im brandenburgischen Halbe. Dort fand vom 24. bis 28. April 1945 die letzte große Kesselschlacht des Zweiten Weltkriegs statt.

Praktika in Gedenkstätte

Wie es mit dem Projekt weitergehen wird, wissen die beiden noch nicht. Im Januar 2021 fangen sie als Mitarbeiter beim Kampfmittelräumdienst an. „Dafür mus man 18 Jahre alt sein“, erklärt Lukas Kipry. Die Zeit seit dem Abschluss an der August-Bebel-Sekundarschule überbrückten sie mit Praktika etwa in der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, wo sie ehrenamtlich die Untertage-Anlage mitbetreuen. Und vor dem Volkstrauertag besuchen sie noch einmal alle Grabstätten, sorgen für Ordnung und stellen Kerzen auf.