Wernigerode l Der Harzwald verliert seine Fichten. Borkenkäfer, Trockenheit und heftige Stürme sind schuld, dass die Nadelbäume flächendeckend absterben. Während die Forstleute gerade alle Hände voll damit zu tun haben, die Massen an toten Bäumen aus den Wäldern zu holen, tut sich in Wernigerode ein ganz anderes Problem auf: Wenn es hart auf hart kommt, steht in diesem Jahr in der Adventszeit kein Weihnachtsbaum vor dem Rathaus.

Denn auch im Stadtforst sind schöne Fichten inzwischen Mangelware. „Von den Bäumen, die wir perspektivisch als Weihnachtsbäume vorgemerkt hatten, ist praktisch keiner mehr da“, bringt es Ordnungsdezernent Christian Fischer auf den Punkt. Und selbst wenn es noch einen vorzeigbaren Baum gäbe, stelle sich die Frage, ob es vertretbar sei, eine gesunde Fichte zu fällen. „Das wäre doch makaber.“

Das sieht Fischers Vorgänger ganz ähnlich. „Die Situation der Wälder lässt sich weder weglächeln noch schön reden“, so Volker Friedrich, bis April Wernigerodes Ordnungsdezernent. „Ich frage mich wirklich, ob man in einer Zeit, in der der Wald leidet, einen gesunden, vitalen Bäum auf dem städtischen Weihnachtsmarkt hinrichten muss.“ Die Suche nach geeigneten Weihnachtsbäumen sei in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, blickt der Fast-Rentner zurück.

Seit Jahren problematisch

2018 sei er mit Stadtforstchef Michael Selmikat zwei Mal für mehrere Stunden im Wald gewesen. „Wir haben uns in ganz verschiedenen Ecken Bäume angeschaut“, so Friedrich. Sie hätten damals sehr intensiv suchen müssen, um eine Fichte zu finden, die rundum grün und mit dem Tieflader erreichbar war. Mit „Hauen und Stechen“ seien sie schließlich fündig geworden. „Durch die Trockenheit hatten sehr viele gesunde Bäume gelitten, waren braun und haben ihre Nadeln geworfen“, so der Ex-Dezernent. „Das hat sich in diesem Jahr noch verschärft.“

Was also tun, damit Wernigerode in der Adventszeit nicht gänzlich auf seinen Hingucker verzichten muss? Eine Möglichkeit wäre es, einen Baum zu kaufen. Das käme die Stadt allerdings teuer zu stehen. „In Deutschland sehen die Wälder alle ähnlich schlecht aus“, sagt Christian Fischer. „Und wenn wir einen Baum aus Osteuropa erwerben, geht das bei der Größe in den fünfstelligen Bereich.“ Die Stadt steckt also sprichwörtlich zwischen Baum und Borke.

Weniger Grün auf Markt

Eine Illumination oder ein künstlicher Baum werden laut Fischer nicht in Erwägung gezogen. „Wir haben Ideen wie diese nicht weiter verfolgt.“ Ein Kunstbaum koste ebenfalls viel Geld. Zudem genüge eine Plastikfichte nicht den Ansprüchen einer Harzstadt. „Wir wollen schon einen schönen Baum hinzustellen.“

Und da kommen die Wernigeröder ins Spiel. Wer hat eine schöne Fichte auf dem Grundstück stehen, die er ohnehin fällen möchte, und würde das grüne Schmuckstück der Stadt als Weihnachtsbaum überlassen? „Mindestens acht oder neun Meter müsste er groß sein und gerade gewachsen“, so der Dezernent, der bereits in der Sitzung des Ordnungsausschusses um die Mithilfe der Wernigeröder warb. Wichtig sei auch, dass sich der Baum gefahrenlos fällen lasse und ein Lkw an das Grundstück heranfahren könne. „Wenn es einen solchen Baum gibt, kommen wir vorbei und holen ihn“, so Fischer, der nun auf einige Rückmeldungen hofft.

Aber selbst mit einem Weihnachtsbaum vor dem Rathaus wird Wernigerodes Adventsmarkt um einiges weniger grün. Das steht schon jetzt fest. „Auch die kleinen Bäume, mit denen wir sonst die Laternen dekorieren, haben wir diesmal nicht im gleichen Umfang wie sonst zur Verfügung“, so der Dezernent. „Wir werden dazu kaufen müssen.“

Hintergrund: Wernigerodes Weihnachtsmarkt zählt zu den schönsten und beliebtesten Weihnachtsmärkten des Landes. Viele Tausend Besucher kommen Jahr für Jahr in der Weihnachtszeit nach Wernigerode, um durch die Straßen der Altstadt und über den festlich beleuchteten Weihnachtsmarkt zu schlendern.

 

Wer einen vorzeigbaren Baum hat, kann sich möglichst schriftlich und mit Bild unter ordnungsamt@wernigerode.de bewerben.