Wernigerode l 18 Teller, 18 Servietten, ein Adventskranz mit vier Kerzen – und doch so viel mehr. Margrit Hottenrott stellt Gläser auf die Tafel im Haus Gadenstedt. Neben jeden Teller eins. Der Christbaum liegt noch eingewickelt auf dem Boden, Geschenke sind in einer Kiste verstaut.

Seit sieben Jahren organisiert die Wernigeröderin ein ganz besonderes Weihnachtsessen. „Eingeladen sind Alleinstehende und all jene, die wenig Grund zur Freude, die Angst vor Weihnachten haben“, sagt die 54-Jährige. „Meine Kinder waren aus dem Haus, und ich hatte Lust, meine Familie auf diese Weise zu vergrößern.“ Es sei eine christliche Tradition, an Heiligabend in die Pfarrhäuser einzuladen.

Berührende Stimmung

Zu einer Tradition hat sich auch ihr Weihnachtsessen entwickelt. „Mit meinen Kindern bereite ich dafür jedes Mal einen großen Topf Kartoffelsalat vor.“ Dazu gibt es Würstchen und Säfte – und natürlich Geschenke. „Die Frauen aus der Sylvestrigemeinde haben Socken gestrickt und Päckchen gepackt.“

Für sie sei es immer eine Überraschung, wer am Abend nach der Christvesper an die Tafel kommt. „Wir sind eine bunte Runde, darunter Menschen mit schweren Schicksalen.“ Anfangs habe sie befürchtet, es könnte traurige Stimmung aufkommen. „Aber so ist es nie. Wir essen, singen, lesen Geschichten. Das hat etwas Liebevolles, Berührendes, etwas ganz Erfüllendes.

Erfüllung findet auch Manuel von Grzymala. Für den Besuchsdienst der Johannisgemeinde betreut der 45-Jährige Familien und Senioren. „Gerade zu Weihnachten sind einsame Menschen noch einsamer“, sagt er. Solche Menschen will er aus der Isolation herausholen. „Zeit ist das Schönste, das man schenken kann.“

Emotionale Aufgabe

Viele Ältere hätten zwar Familie, aber die Angehörigen sind wegen der Arbeit weggezogen. Wie der gelernte Informatiker selbst. „Ich bin nach Wernigerode zurückgekehrt, um meine erkrankte Mutter zu pflegen.“ Ein Schicksalsschlag, der sein Leben änderte. Er schulte zur Fachkraft für rechtliche Betreuung um und begann, sich ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren. „Für andere da sein, war genau das, was ich brauchte.“ Eine Aufgabe, die ihn oft emotional fordert. „Denn die Besuche bei den Senioren entwickeln sich meist zur Sterbebegleitung.“ Wie bei der alten Dame, die Manuel von Grzymala am 27. Dezember besuchen wird. „Es geht ihr schlecht - und ich will einfach noch einmal zu ihr.“ Was ihn antreibt, ist der christliche Gedanke, denen zu helfen, die in Not sind, sagt der Familienvater. „Und man bekommt viel zurück – so viel Dank. Solche Momente sind mit Geld nicht zu bezahlen.“

Dankbarkeit ist ebenso für Dorothea Palm Motivation. „Und das Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt die 46-Jährige. Genau das hatte der Wernigeröderin gefehlt, als sie aus gesundheitlichen Gründen ihre Arbeit als Steuerfachangestellte aufgeben musste. „Ich habe nach einer Aufgabe gesucht, die sinnvoll ist, die ich bewältigen kann.“ Und sie wurde fündig. Seit 2011 kümmert sie sich um zwei Frauen im Seniorenzentrum Stadtfeld. „Ich besuche sie zweimal wöchentlich, für etwa anderthalb Stunden.“

Große Familie

Für Senioren sei der Umzug ins Heim nicht leicht, hat Dorothea Palm beobachtet. „Sie ziehen aus den eigenen vier Wänden in ein kleines Zimmer mit Schrank und Bett. Am Ende bleibt nur ein Koffer. Sie lassen so viel zurück.“ Damit zurechtzukommen, sei sehr schwierig. „Darauf muss man eingehen. Jeder Mensch braucht doch jemanden, der mal nur für ihn da ist.“ Sie nimmt sich die Zeit, geht mit den Frauen spazieren, liest vor, erledigt kleinere Wege oder spielt Domino mit ihnen. „Das Wichtigste ist aber das Zuhören. Damit kann man schon so viel geben.“

Freude schenken möchte Margrit Hottenrott mit ihrem Essen im Haus Gadenstedt. „Wenn wir gegessen haben, tragen wir das hölzerne Christkind zum Markt.“ In einer Zeremonie wird die winzige Skulptur in die Krippe vorm Rathaus gelegt. Eine weitere Tradition. Aus allen Himmelrichtungen strömen die Wernigeröder herbei, um sich um 21 Uhr vor der Krippe zu treffen. Gemeinsam singen sie „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Dann ist niemand mehr allein. „Das ist für mich ein Stückchen Weihnachten geworden“, sagt Margrit Hottenrott. „Es ist ein schöner Gedanke, Weihnachten so weit zu machen – weiter als die eigene Familie und die Kirchgemeinde. Es betrifft uns doch alle.“

Wer kurzfristig an dem Heiligabend-Essen teilnehmen will, kann sich in der Sylvestrigemeinde unter Telefon (0 39 43) 90 57 49 anmelden.