Wernigerode l Wenn kurz vor 10 Uhr die Tore geöffnet werden, strömen die Autos auf den Wertstoffhof. „Ich komme fast jeden Tag hierher“, sagt Marco Porwoll. Der Zimmermeister aus Darlingerode bringt Verpackungsmaterial von seinen Baustellen auf den Wertstoffhof in Wernigerode. „Wenn der Kunde die Baustelle betritt, muss es ordentlich sein“, so seine Devise. „Mir kommen die verlängerten Öffnungszeiten sehr entgegen.“

Nicht nur das bewerten die Kunden positiv: Dass seit Oktober Bauschutt und Baumischabfälle gegen eine kleine Gebühr (siehe Infokasten) angenommen werden, begrüßt der Handwerker. „Für mich ist es weniger relevant, aber es ist praktisch für Leute, die ein paar Fliesen oder ein Waschbecken entsorgen wollen.“

Bis auf die Annahme von Bauschutt sind alle Leistungen kostenfrei, wie Markus Focke von der in Halberstadt ansässigen Entsorgungswirtschaft des Landkreises Harz (Enwi) erläutert. Focke ist Herr über acht Wertstoffhöfe. Wernigerode zählt neben Westerhausen und Halberstadt dabei zu den größten. Die Enwi ist zwar zuständig für das Aufstellen der Container und die Entsorgung der Stoffe, betrieben wird der Hof jedoch von der Stadt; zuständig ist der Bauhof, der direkt neben dem Wertstoffhof sei Domizil hat.

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Müll ist nicht gleich Müll

Auch die Mitarbeiter sind dem Bauhof unterstellt. Stets sind zwei Mann vor Ort, um die Besucher zu beraten – und ein Auge auf das zu haben, was die Besucher in die Container werfen. Das ist nicht immer das, was rein gehört. Typische Missverständnisse gebe es in punkto Hausmüll. „Den entsorgen wir hier nicht“, so Markus Focke. Tapeten würden oft als Papier eingeordnet. Falsch. „Auch Hausmüll“, sagt er. Sperrmüll sei all das, was nicht in die Hausmülltonne passt und nicht einfach so zerkleinert werden kann: Teppiche, Tische. Schadstoffe wie alte Farben gehören ebenso wenig auf den Wertstoffhof. „Die nimmt das Schadstoffmobil kostenfrei entgegen“, erklärt er.

Und so findet sich für fast jede Art von ausrangiertem Gegenstand eine Lösung.

Gratis-Kompost im Frühling

Was passiert mit den entsorgten Materialien? Sperrmüll und Altholz kommen zunächst zur Abfallwirtschaft, so Focke. „Der Sperrmüll wird an die Verbrennungsanlage in Helmstedt geliefert, das Altholz geht in die Verwertung.“ Grünschnitt werde zum Recycling-Park Heudeber gebracht, wo es kompostiert wird. „Im Frühjahr erhält jeder einen halben Kubikmeter Kompost gratis auf dem Wertstoffhof“, sagt der Enwi-Mitarbeiter. Vier Wochen lang kann der Service auf den Wertstoffhöfen genutzt werden.

Altmetall nimmt der Schrotthändler in Halberstadt ab. Elektrische Geräte gehen zur Firma Elektrocycle nach Goslar, wo sie aufbereitet oder in ihre Einzelteile zerlegt werden.

Das Unternehmen sei nach einer europaweiten Ausschreibung ausgewählt worden. „Das Geld, das wir mit dem Verkauf der Elektrogeräte und des Altpapiers verdienen, wird in die Entsorgungsgebühr gerechnet, die dadurch geringer ist“, erklärt Markus Focke. Doch nicht aller Müll ist nach wie vor so begehrt wie vor einigen Jahren. Kunststoff habe China früher in großen Mengen abgenommen. „Es wird immer schwieriger, Kunststoffe zu entsorgen, weil die Absatzmärkte wegbrechen“, erklärt er.

Handy landet in der Presse

Von verlorenen Schlüsseln, Handys, die in den Containern gelandet sind, können die Wertstoffhof-Mitarbeiter Silvio Modemann und Eberhard Barner ein Lied singen. „Einer hat neulich Altpapier weggebracht und eine halbe Stunde später festgestellt, dass der nagelneue Industriestaubsauger noch im Karton war“, erzählt Silvio Modemann. Da sei die Presse allerdings schon einmal angewesen. „Er war etwas deformiert“, sagt Modemann. Einer habe sei Portemonnaie beim Grünschnitt verloren. „Wir haben alles durchsucht. Der Mann war sogar in Heudeber und hat den gehäckselten Grünschnitt durchgeharkt.“ Kurz darauf sei das Portemonnaie in einem Rad der Container steckend gefunden worden. „Ich habe es dem Herrn nach Hause gebracht“, sagt Eberhard Barner. „Er war total aus dem Häuschne vor Freude.“

Typischer Fehler: „Viele stecken ihre Wertsachen vorne in die Tasche der Latzhose“, sagt Modemann. „Die fallen dann unbemerkt mit in die Container.“ Die meisten Kunden seien einsichtig, wenn sie auf die Regeln hingewiesen werden, berichten Modemann und Barner. „Bei manchen ist das Umweltbewusstsein leider nicht besonders ausgeprägt“, formuliert es Eberhard Barner vorsichtig. Es sei schon vorgekommen, dass offenkundig damit gedroht wurde, die gelben Säcke im Wald zu entsorgen, nachdem nicht alle angenommen wurden.

Von Kundem angefahren

Ein gelber Sack pro Haushalt kann als Extraleistung auf dem Wertstoffhof abgegeben werden. „Das Angebot richtet sich an Bürger, die in den Urlaub fahren und die Straßensammlung verpassen würden und soll nicht regelmäßig genutzt werden“, sagt Markus Focke. „Ich werde wohl nie verstehen, wieso jemand mit einem 70?000-Euro-Auto täglich einen stinkenden Sack quer durch die Stadt fährt.“

Nicht immer war es so harmonisch wie heute auf dem Wertstoffhof. Ein Mitarbeiter war vor gut einem Jahr von einem wütenden Kunden angefahren worden. „Der Vorfall wurde zur Anzeige gebracht“, sagt Torsten Friedrich, der Leiter des Bauhofs. Danach sei der Service umgestellt worden – mit Erfolg, wie die Mitarbeiter sagen.

Die wilde Müllverkippung sei deutlich zurückgegangen, seitdem der Wertstoffhof am Köhlerteich vergrößert wurde, sagt Torsten Friedrich. „Das Areal ist seit anderthalb Jahren doppelt so groß“, führt Friedrich weiter aus und betont überdies: „Wir haben mehrere Plätze für die gleichen Stoffe, die Leute müssen kaum noch warten.“ Höchstens zehn Minuten zu den Stoßzeiten, ergänzt Silvio Modemann. Früher hätten die Autos bis ans Luftfahrtmuseum im Gießerweg gestanden.