Schierke l Surfer sind stets auf die Suche nach der perfekten Welle. Klaus Adler und Marc Kinkeldey von der Brockenwarte wollen wissen, welches der heftigste Sturm war, der jemals über den höchsten Harzgipfel gefegt ist. Im November 2015 begannen die beiden Wetterbeobachter ihre Nachforschungen zu einem Zeitungsbeitrag. „Marc wurde ein Zeitungsfragment ohne Angabe von Zeitung und Datum geschenkt“, berichtet Klaus Adler.

Chefreporter Bodo Rehboldt interviewte darin zusammen mit seiner Kollegin und späteren Ehefrau, der Fotografin Edelgard Gardi, die Wetterbeobachter auf dem Brocken. In dem Text ging es unter anderem um die höchste Windspitze, die je auf dem Harzgipfel gemessen worden ist – 81 Meter pro Sekunde im Jahr 1938. Die Messung ist dem Zeitungsbericht zufolge auf einem Tages-Windstreifen dokumentiert worden, so Adler. „Dieser muss unseren damaligen Kollegen bekannt gewesen sein, denn die Registrierung wurde exakt und detailgetreu beschrieben.“

Zeitungsbericht einziger Beleg

Weil der Original-Windstreifen verschollen ist, war der Zeitungsbericht der einzige Beleg für den Rekordsturm. Die Witwe des Journalisten, der 2010 verstorben ist, konnte nicht weiterhelfen. Sie hatte das Archiv ihres Mannes, der für mehrere Zeitungen gearbeitet hatte, nach seinem Tod aufgelöst.

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Hilfesuchend wandten sich die Wetterbeobachter an die Landesbibliothek in Halle. Dort fahndeten die Mitarbeiterinnen Bettina Lampel und Georgia Ritter nach dem Beitrag wie nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen – und wurden fündig. „Dem guten Petrus hinter die Kulissen geschaut“ lautete die Schlagzeile des Textes, der am 10. August 1953 in den Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

Darin beschreibt der Autor seine Reise auf den höchsten Harzgipfel – versehen mit zeittypischen Seitenhieben gegen die US-amerikanischen „Wallstreetritter und ihre deutschen Pferdeburschen in Bonn“. Ebenso resümiert er die Geschichte der Wetterwarte, ihre Zerstörung im Weltkrieg und den Wiederaufbau und erklärt die Arbeit der Wetterbeobachter. Auskunft gaben ihm Hans-Peter Leo, der vom 10. November 1950 bis zum 31. Juli 1963 dort arbeitete, und Heinrich Berger, der vom 9. Juni 1953 bis zum Anfang 1955 auf dem Brocke war. Die Männer halfen mit ihren regelmäßigen Berichten an die Zentrale in Potsdam, die Wettervorhersage zu erstellen, die den Hörern am Radio bekanntgegeben wurde.

Dabei hatten die Wetterfrösche der 1950er-Jahre mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. So mussten sie bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Lebensmittel von Schierke aus den Berg „hochbuckeln“, wie der Reporter berichtet. Seine Empfehlung: „Ein Motorrad würde die Sachlage gründlich ändern.“

Ansonsten schienen sich die „vier Einsamen“, wie Bodo Rehboldt sie nannte, auf dem Berg wohnlich eingerichtet zu haben – trotz der rauen Witterung und der starken Stürme, die damals schon über das Plateau hinwegrasten. Zwei Wetterphänomene werden nebenbei erklärt: Das „Brockengespenst“, die Silhouette eines Menschen, die von Sonnenstrahlen auf eine Nebelwand geworfen wird und dort übernatürlich groß erscheint, sowie das „St. Elmsfeuer“, eine sogenannte Spitzenentladung, die an spitzen Ende zu sehen ist.

Stärkster Sturm 1938

Der Rekordsturm wird eher beiläufig erwähnt, und zwar mit folgenden Worten: „Die stärkste Böe, die jemals gemessen wurde, betrug 81 m je Sekunde. Damals, das war 1938, ist die Registerfeder des Gerätes über den Rand gesprungen und nicht wieder zurückgegangen.“

Mit den Schilderungen des Reporters Rehboldt war zwar der Orkan von 1938 belegt – die ungewöhnlichen Wetteraufzeichnungen selbst sind jedoch weiterhin verschollen. Deshalb recherchierten Adler und Kinkeldey weiter und erhielten in der Deutschen Meteorologischen Bibliothek in Offenbach die Auskunft, dass den meteorologischen Jahrgangsbüchern zufolge bereits im Januar 1938 im Schnitt die stärksten Windgeschwindigkeiten auf dem Brocken gemessen worden sind.

Das genaue Datum ist aber immer noch unbekannt, ebenso wie der Verbleib der Windstreifen. Die Orkanböe, die mit 81 Metern pro Sekunde über den Brocken fegte, ist deshalb nur inoffiziell die höchste jemals gemessene Windspitze, erklärt Klaus Adler. Das entspricht einer Geschwindigkeit von 292 Kilometern pro Stunde. Zum Vergleich: Windstärke 12 beginnt bei 32,7 Metern pro Sekunde, was einem Tempo von 118 km/h gleichkommt.

Solange die Daten nicht belegt sind, bleibt der Sturm vom 23. auf den 24. November 1984 der Spitzenreiter unter den stärksten Brockenorkanen. Damals erreichte die Böe eine Spitzengeschwindigkeit von 73 Metern pro Sekunde, brachte es also auf 263 Kilometer pro Stunde. Der damalige diensthabende Wetterbeobachter Anton Lochmann hat den Orkan mit seiner vollen Wucht erlebt, berichtet Klaus Adler. „Anton flüchtete sogar in den Keller der Wetterwarte, weil er Angst hatte, dass die Fensterscheiben den enormen Druck nicht standhalten und somit bersten könnten.“

Die Suche nach dem Windstreifen von 1938 wollen die Wetterbeobachter aber noch nicht aufgeben, betont Klaus Adler. Allerdings weiß Elfriede Glaß, die mit ihrem Mann Kurt von 1947 bis 1953 die Wetterwarte betreute, nichts über dessen Verbleib. Von den Wetterbeobachtern, die 1953 das Interview gaben, haben Adler und Kinkeldey keine Spur. Wer Hinweise geben kann, wird gebeten, sich in der Brockenwetterwarte zu melden.

Kontakt über die Wetterwarte unter Telefon (03 94 55) 5 80 40 sowie per E-Mail an Klaus.Adler@dwd.de oder Marc.Kinkeldey@dwd.de