Bad Harzburg l Raus aus den Räumen, weg vom Papierkram und rein in die Arbeit mit wilden Tieren: So lässt sich der berufliche Wandel von Monique Wackrow knapp zusammenfassen. Die 32-jährige Veckenstedterin ist angekommen: Sie pflegt im Wildkatzengehege an der Marienteichbaude die seltenen Tiere.

Monique Wackrow hält während der Führung durch das Areal einen Behälter mit leblosen Küken in der einen Hand. Über die andere Hand hat sie einen dicken Handschuh gestreift. Sie steigt über eine Absperrung, öffnet vorsichtig die Tür zum Gehege und schlüpft zügig hinein.

Hinter dem Zaun warten schon hungrig Clarence, Fritzi und Maneki. Die Tierpflegerin wirft ein Küken in die Luft, das im Flug von Clarence gefangen und gierig innerhalb von Sekunden verschlungen wird. „Dieses Schlingen ist ganz typisch. Sie fressen die Küken als Ganzes. Da bleibt nichts übrig“, erklärt sie den Besuchern, die die 14-Uhr-Fütterung verfolgen. In sieben Sekunden schlingt Kater Otto sein Küken runter.

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Sechs Wildkatzen leben im Gehege, das sich zwischen Torfhaus und dem Radau-Wasserfall bei Bad Harzburg befindet. Auch Hauskater Hugo begleitet die Führung und hilft, die Unterschiede zwischen Haus- und Wildkatze zu verdeutlichen, denn es sind die Details auf die man achten muss. „Unsere Mieze sieht genauso aus“, sagt eine Besucherin. „Das bekomme ich fast bei jeder Führung zu hören“, sagt Monique Wackrow und schmunzelt. „Aber seien Sie sich gewiss: Sie haben zu 99 Prozent keine Wildkatze zuhause.“

Es gibt kleine, aber feine Unterschiede. Zwar sind Jungtiere kaum voneinander zu unterscheiden, doch der Schwanz der Wildkatze habe wie beim Luchs ein typisch stumpfes, schwarzes Ende, mit mehreren Ringen. Der schwarze Aalstrich endet an der Schwanzwurzel und nicht wie bei Hauskatzen an der Schwanzspitze (weitere Unterschiede siehe Infokasten). Selbst mit der Flasche aufgezogen, blieben sie wild und gewöhnten sich nicht an Menschen. „Wir werden auch angerufen von Menschen, die glauben, ihnen sei eine Wildkatze zugelaufen“, berichtet sie. „Doch das ist uns nur einmal untergekommen.“

Tatsächlich: Im November 2019 hatte sich ein Wildkatzenbaby in einen Keller bei Bad Harzburg verirrt. Mittlerweile lebt das Tier im Artenschutzzentrum im niedersächsischen Leiferde. „Sie soll im Frühjahr ausgewildert werden.“

Monique Wackrow ist keine gelernte Tierpflegerin. „Ich bin Handelsfachwirt, habe bis Juni 2019 schon in verschiedenen Unternehmen, auch in leitenden Positionen gearbeitet“, blickt sie zurück. „Ich wollte mit Tieren arbeiten und raus an die frische Luft.“

Schon immer spielten Tiere eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Mit ihrer eigenen kleinen Kaninchenzucht, einer „Qualitätszucht mit wenigen Tieren“, wie sie betont, hat sie alles abgeräumt, was geht: Dreimal in Folge wurde sie zuletzt Landesmeisterin mit ihren blauen Holicern und Alaska. Sie war bereits Kreis-, Vereinsmeisterin und Deutsche Vize-Meisterin. Natürlich haben sie und ihr Lebensgefährte Carsten Ziegler auch privat drei Katzen.

Nach einer ersten Bewerbung vor zwei Jahren im Wildkatzengehege klappte es im Juli 2019. „Ich habe meinen Traumjob gefunden“, sagt sie. „Ich konnte unseren Chef mit meiner Affinität zur Fotografie und für Social Media überzeugen.“ Mit ihrer Strategie hat sie Erfolg: Die Fanzahlen haben sich vervielfacht. Auf Facebook und bei Instagram unter „Wildkatzengehege Bad Harzburg“ postet sie regelmäßig ihre sieben Lieblinge – Hauskatze Hugo gehört auch dazu – „und er bekommt manchmal sogar mehr Likes als die Wildkatzen“, verrät sie.

Sie hält Kontakt zu Journalisten und organisiert Veranstaltungen wie das Wildkatzenfest im Oktober. „Und vielleicht wird in diesem Sommer die erste Hochzeit bei uns stattfinden“, verrät sie. „Mein Chef Harald Leiste lässt mir in Sachen Öffentlichkeitsarbeit freie Hand. Und mein lieber und einziger Kollege Reinhard Wolff und das Team der Marienteichbaude, machen meinen Job perfekt.“

Im Sommer kamen bis zu 1000 Besucher am Tag ins Gehege, berichtet sie im Volksstimme-Gespräch. Mit vielen Fakten bereichert sie das Wissen der Gäste über das Leben der Wildkatzen in Deutschland und im Harz. Die Tiere gelten als gefährdet. Der Bestand umfasst im gesamten Bundesgebiet rund 6000 Tiere. Ein Zehntel von ihnen streift durch den Harz.

Aber dass man auch nur einem dieser 600 Tiere im Wald begegnet, sei äußerst unwahrscheinlich. Sie sind extrem scheu. Von Monique lassen sich Heini, Clarence und Otto bereitwillig fotografieren.

„Sie kennen mich und die Kamera und wissen, dass ihnen eine Belohnung winkt, wenn sie für ein Foto auch mal posieren und fauchen“, sagt sie.

Auch wenn man sie nicht sieht – „Deutschland ist Wildkatzenland“, sagt die Veckenstedterin. „Aber viele Menschen wissen nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt, halten sie für verwilderte Hauskatzen.“ Dabei seien die beiden Katzen nur entfernt verwandt. „Die Römer haben unsere Hauskatze nach Europa gebracht.“

Das Wildkatzengehege ist im Oktober 2017 eröffnet worden. Kurz nach der Eröffnung zerstörten die Herbststürme jenen Jahres einen Teil der Anlage. „Dadurch sind bei den letzten starken Stürmen weniger Schäden verzeichnet worden“, sagt Monique Wackrow. „Denn viele Bäume waren bereits zuvor umgestürzt.“ Betreiber des Wildkatzengeheges ist die Felis GmbH, ein Zusammenschluss des NABU Niedersachsen und der Marienteichbaude Vertriebsgesellschaft mbH.

Initiator ist der Besitzer der Marienteichbaude, der Fleischermeister Harald Leiste. Das Gehege ist Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen vier Euro, Kinder 2,50 Euro. Mit dem Eintrittsgeld werden Wildkatzen-Projekte unterstützt.

weitere Informationen unter www.marienteichbaude.de