Wernigerode l Jedes Jahr kurz vor Weihnachten wird das Büro von Daniela Puse zum Postamt. Unzählige Briefe liegen auf ihrem Schreibtisch im Domizil des Internationalen Bunds (IB). Es sind nicht etwa Rechnungen oder ähnlich unangenehme Schreiben, sondern die Wunschzettel von Wernigerodes Kindern, die sich vor ihr türmen. Sorgfältige Erstklässlerschrift mit Tintenklecksen, Bilder von den Kindergartenknirpsen – verziert mit Aufklebern und Glitter.

Seit vier Jahren gibt es den Weihnachswunschbriefkasten im Wohngebiet Stadtfeld. „Jedes Jahr erreichen uns über hundert Briefe“, sagt Daniela Puse. Briefe, die es vor dem Fest zu beantworten gilt. „Im ersten Jahr haben wir das noch selbst erledigt“, so die IB-Mitarbeiterin. „Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir Unterstützung brauchen.“ Und so kam Christine Schulz mit ihrer Schreibwerkstatt ins Spiel. Seit Jahren leitet die ehemalige Deutschlehrerin schreibbegeisterte Jugendliche und Senioren an. In der Adventszeit spielen sie Weihnachtsmann und sichten die Briefe.

Es sind nicht nur materielle Wünsche wie Playstation, Barbie, Laptop und Co., die die Kinder niederschreiben, sagt Christine Schulz. „Sie wünschen sich eine Welt ohne Krieg, dass sich alle Menschen lieben, dass niemand streitet, dass niemand traurig sein muss. Oftmals schreiben sie über Dinge, die sie bedrücken.“ Dass Papa oder Mama wieder gesund werden, dass sie die verstorbene Oma wieder sehen. „Es geht mir immer sehr ans Herz, dass Kinder so viele Sorgen plagen“, sagt Daniela Puse.

Hoffnung geben

Diese Briefe sind nicht leicht zu beantworten. „Normalerweise schreiben wir, dass wir fleißig in unserer Werkstatt arbeiten“, sagt Christine Schulz. „Dass es schön ist, anderen eine Freude zu bereiten, dass es nicht immer einfach ist, alle Wünsche zu erfüllen, dass man nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere denken soll.“ Hat ein Kind etwas auf dem Herzen, setze sie meist noch etwas hinzu und gehe auf das Problem ein. „Wir können natürlich nicht versprechen, dass der Papa wieder gesund wird. Aber wir versuchen, ein wenig Hoffnung zu geben“, so die Wernigeröderin.

Unterzeichnet ist jeder Brief mit den Worten „Liebe Grüße von deinem Weihnachtsmann aus dem Stadtfeld.“ Ob die Mädchen und Jungen glücklich sind, wenn sie kurz vor Heiligabend Post erhalten? „Genau weiß ich es nicht“, sagt Christine Schulz. „Wir als Helfer bekommen ja keine Rückmeldung. Für die Kinder stammt der Brief schließlich vom Weihnachtsmann. Aber ich glaube schon, dass wir ihnen damit eine Freude bereiten.“

Nicht nur die ganz Kleinen, auch viele Schulkinder würden noch an den Weihnachtsmann glauben. „Vielleicht haben sie Zweifel, aber ganz sicher sind sie sich nicht“, sagt Christine Schulz. Der Gedanke, dass es ihn tatsächlich gibt, habe etwas Schönes, etwas Tröstendes. „Dass dieser Gedanke nicht zerstört wird in dem ganzen Konsum-Rummel um Weihnachten, ist mir besonders wichtig.“